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StartseiteKalenderblattEin Liebesleben als politisches Schlachtfeld 11.08.2021

Vor 140 Jahren starb die Abenteurerin Jane DigbyEin Liebesleben als politisches Schlachtfeld

Das Liebesleben der Jane Digby beschäftigte das englische Parlament und halb Europa. Von der guten Gesellschaft verstoßen, abenteuerte die britische Aristokratin durch die Welt. Am 11. August 1881 starb sie als Ehefrau eines Beduinenscheichs in Damaskus.

Von Ulrike Rückert

Jane Digby porträtiert als Beduinenfürstin in  Damaskus (imago/United Archives International )
In England munkelte man, sie sei eine Haremssklavin, Jane Digby, 1828 gemalt von James Holmes (imago/United Archives International )
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"Eines schönen Morgens stieg sie auf die Dächer und verkündete dem ganzen Vereinigten Königreich: "Ich bin die Mätresse von Fürst Schwarzenberg!" All die Ladies, die Liebhaber hatten und nicht darüber sprachen, waren sehr schockiert."

Was der Schriftsteller Edmond About hier so bildhaft schildert, war der Beginn von Jane Elizabeth Digbys abenteuerlicher Laufbahn als Enfant terrible der englischen Aristokratie. Ein halbes Jahrhundert lang beschäftigte sie die Fantasie und bösen Zungen ihrer Zeitgenossen. 1828 war die junge Gattin des Kabinettsministers Lord Ellenborough ein Star der Londoner Ballsäle.

Die Scheidung wird im Parlament verhandelt 

Doch ihre indiskrete Affäre mit dem österreichischen Diplomaten Fürst zu Schwarzenberg eskalierte zu einem Skandal, der in ganz Europa Wellen schlug, als ihr Ehemann die Scheidung verlangte. In England verhandelte man dies nicht vor Gericht, sondern im Parlament. Ein Abgeordneter kritisierte die Doppelmoral:

"In diesem Land wird eine Frau schwer bestraft für Fehler, über die man beim Ehemann hinwegsieht. Für einen einzigen Fehltritt wird sie aus der Gesellschaft verbannt."

Ruf mit 24 völlig ruiniert

Aber vor allem wurde Jane Digbys Liebesleben zum Schlachtfeld für politische Grabenkämpfe. Die Presse druckte Zeugenberichte über zerknüllte Laken und Schlüssellochbeobachtungen wörtlich ab und machte daraus ein Paradebeispiel für die moralische Verkommenheit der Aristokratie. Jane Digby flüchtete und folgte dem nach Paris versetzten Schwarzenberg an die Seine, doch der war nicht willens, seine Karriere für eine Heirat mit einer geschiedenen Ehebrecherin zu opfern. Mit 24 Jahren war ihr Ruf völlig ruiniert, aber die Suche nach der großen Liebe gab sie nicht auf. Mit König Ludwig I. von Bayern hatte sie eine Liaison. Den schwäbischen Baron Karl von Venningen heiratete sie, doch das Leben in der Provinz ging nicht lange gut.

Balzac in dramatischer Pose und mit verwegenem Blick. (Imago / Cola Images) (Imago / Cola Images)Honoré de Balzac: "Ein Abglanz meines Begehrens" Ein kleines Buch über eine große Reise und eine große Liebe. Eigentlich alles, was ein gutes Buch braucht: Liebe, Erotik, eine Reise in ein fernes Land. Dennoch wird der Leser gleich an mehreren Stellen enttäuscht.

"Was für eine außergewöhnliche Frau!"

"Lady Ellenborough ist mit einem Griechen durchgebrannt. Ihr Ehemann holte sie ein, duellierte sich mit dem Griechen und brachte seine Gattin nach Hause. Was für eine außergewöhnliche Frau!" - berichtete Honoré de Balzac aus Paris an seine Geliebte in Polen – Neuigkeiten über Jane Digbys Amouren zogen weite Kreise. Mit dem griechischen Grafen ging sie schließlich doch davon, lebte mit ihm auf Mittelmeerinseln und in Athen und vertauschte ihn dort gegen den Anführer einer Miliz, die in Thessalien Straßenräuber jagte.

"Diese zarte Frau lebte mit Trunkenbolden, galoppierte zu Pferd durch die Berge, trank Retsina, schlief im Freien und befand sich dabei sehr wohl." So jedenfalls schildert es Edmond About, der sich damals in Athen aufhielt. Als auch das vorbei war, unternahm Jane Digby ein Abenteuer, das ihr Leben noch einmal völlig veränderte: eine Reise nach Syrien. Recht viele Touristen reisten nach Jerusalem, aber nur wenige kamen darüber hinaus.

Zwischen Villa und Beduinenzelt

Jane Digby zog weiter, mit arabischen Eskorten zu Pferd nach Damaskus, auf dem Kamel durch die Wüste zu den Ruinen von Palmyra und mit einer Karawane nach Bagdad. Und dann heiratete sie Medjuel el Mesrab, einen Beduinenscheich, und ließ sich in Damaskus nieder. In England hieß es, sie habe einen Kameltreiber geheiratet, oder sie sei jetzt eine Haremssklavin. Praktisch jeder Europäer, der in den nächsten fünfundzwanzig Jahren nach Damaskus kam, besuchte die berühmte Jane Digby. Sie fanden eine Grenzgängerin, die ihr Leben zwischen einer luxuriösen Villa in den Gärten von Damaskus und einem Beduinenzelt teilte.

"Es war sonderbar, eine vornehm erzogene englische Dame von ihrem Leben in der Wüste mit "ihrem" Stamm sprechen zu hören. Sie erzählte uns, dass ein feindlicher Stamm einige Pferde gestohlen habe und dass sie im nächsten Sommer Vergeltung üben müssten. Es würde heftige Kämpfe geben, sagte sie." So berichtete ein englischer Diplomat. 

Sehr ambivalente Nachrufe 

Als sie am 11. August 1881 in Damaskus starb, erschienen Presseberichte sogar in den USA – zwiegespalten wie eh und je. Die "Chicago Tribune" spie Galle: "Sie suchte Berühmtheit, sie wollte die Welt blenden, aber ihr Charakter war zu verdorben. So wurde ihr ganzes Leben zerstört, die übliche Folge solchen Wahns.". Ein deutsches Auswandererblatt dagegen schwärmte von ihrem "romantischen Leben" - und rief ihr nach: "Schlummere sanft, Beduinenfürstin.

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