Mittwoch, 27.05.2020
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteKalenderblattAlfred Kerr - ein Theaterkritiker mit aufrechtem Gang25.12.2017

Vor 150 Jahren geborenAlfred Kerr - ein Theaterkritiker mit aufrechtem Gang

Für seine Anhänger war er der geistreichste Bühnenkritiker der Weimarer Republik, für seine Feinde der boshafteste. Stets spaltete der jüdischstämmige Alfred Kerr die Lager. Deshalb musste er nach Hitlers Machtantritt 1933 sofort fliehen. Nach harten Jahren im Exil kehrte Alfred Kerr, 80-jährig, noch einmal ins Land des Holocaust zurück.

Von Christoph Vormweg

Ein überdimensionales Porträt von Alfred Kerr in den Räumen des Münchener Theater-Museums, in dem im Rahmen der Freundschaftswoche "Berlin in München" im Jahr 1962 eine Ausstellung mit Bildern, Dokumenten und Manuskripten aus dem Leben des berühmten Berliner Kritikers gezeigt wird.  (picture-alliance/ dpa/ Rauchwetter)
"Er hat die Befreiung des Bürgers aus der selbst verordneten Unterwerfung an sich selber praktiziert": Alfred Kerr-Ausstellung in München, 1962 (picture-alliance/ dpa/ Rauchwetter)
Mehr zum Thema

Judith Kerr Die Frau, der Hitler das rosa Kaninchen stahl

100. Geburtstag von Heinrich Böll Der gute Mensch aus Köln

Vor 100 Jahren Gründung der sowjetrussischen Geheimpolizei Tscheka

Vor 60 Jahren beendet Der Pariser Nato-Gipfel zur atomaren Aufrüstung Europas

Vor 100 Jahren: Gründung der UFA Die "Traumfabrik" des deutschen Films

Vor 25 Jahren gestorben Günther Anders - ein konservativer Revolutionär

"Ein Pech scheint mir, dem Wertbemesser,
noch dieses: Wenn mein Maßstab misst,
wird, was ich spreche, meistens besser
als das, wovon zu sprechen ist."

In seinem Gedicht "Theater, Theater" verewigt Alfred Kerr 1947 sein Selbstverständnis als Kunstrichter. Bescheidenheit ist seine Sache nicht, vielmehr radikal subjektive Kritik. Ein Beispiel: Als sich der berühmte Regisseur Max Reinhardt 1907 an Alfred Kerrs Liebling Henrik Ibsen heranwagt, kanzelt er ihn mit den Worten ab:

"Hier wagt eine stümprige Regie, für zwanzig Mark in völliger Impotenz einen Dichter zu verhunzen, ein Werk zu schlachten."

Als Lebensmelodie wählt Alfred Kerr den von Robert Schumann komponierten "Marsch der Davidsbündler gegen die Philister". Der Davidsbund, ein Kreis romantischer Kunstfreunde in den 1830er Jahren, prägt sein Bild vom "wahren Kritiker". Dieser gebe "die Kritik des Hasses und der Liebe, temperiert durch historische Gerechtigkeit: Davidsbündlerkritik, die […] zwei Werkzeuge liebt: die Schleuder und die Harfe."

Revolutionierung des Theaters durch die Naturalisten

Geboren wird Alfred Kerr am 25. Dezember 1867 in Breslau als Sohn eines jüdischen Weinstubenbesitzers. Während seines Studiums in Berlin erlebt er hautnah die Revolutionierung des Theaters durch die Naturalisten. Gerhart Hauptmanns Dramen reißen ihn mit. Denn sie bringen endlich ungeschminkte Lebenswahrheiten auf die Bühne.

Im Mief des deutschen Kaiserreichs versucht Alfred Kerr den aufrechten Gang. 

"Das besondere Wagnis für Kerr war, dass er also mit 28 Jahren in den Journalismus ging, sehr bald merkte, dass er nicht nur Kritik an der Kunst betreibt, sondern dass er auch in die Gesellschaft so hineinsieht, dass er sieht, was da schlecht dran ist", sagt Günther Rühle, Herausgeber der Alfred-Kerr-Gesamtausgabe.

"Man kann da von Brief zu Brief weiter sehen, wie er politisch wach wird, wie er – was ja damals sehr gefährlich war – den Kaiser oft bloßstellte mit seiner reaktionären Kunstanschauung. Also er hat sozusagen die Befreiung des Bürgers aus der selbst verordneten Unterwerfung praktiziert an sich selber. Das war sein ganzer Stolz."

Keine andere Wahl als zu fliehen

Nach dem Ersten Weltkrieg der große Durchbruch: Als Theaterkritiker wird Alfred Kerr in der Weimarer Republik zum Star. Die großen Berliner Bühnen zögern den Beginn ihrer Premieren hinaus, solange er nicht auf seinem Platz sitzt. Auch politisch nimmt er kein Blatt vor den Mund. Alles andere als strenggläubig, gehört er zu den deutschen Juden, die die Nationalsozialisten nicht unterschätzen, sondern sie öffentlich attackieren. 1933 bleibt ihm deshalb keine andere Wahl als zu fliehen.

"Man hat seine Bücher verbrannt. … Er hat seine Sprache verloren, … seine Heimat, die er unendlich liebte", so Alfred Kerrs Tochter Judith. Sie verarbeitet die Zeit des Exils später in ihrem preisgekrönten Roman "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".

 "Aber er war immer sehr positiv. Ja, er hatte ein Talent zum Glücklichsein. … Er hat immer Dinge gefunden im täglichen Leben, die doch schön waren oder die ihn amüsierten."

"Das Traurige eigentlich war doch, dass die wirklich in der Armut lebten", sagt Alfred Kerrs Sohn Michael, der später zu einem der höchsten Richter Englands aufsteigt.

"Sie wussten doch nie, wie sie die nächste wöchentliche Rechnung des Boarding-Hauses bezahlen würden – und meiner Mutter hat das immer viel größere Sorgen als meinem Vater gemacht. Er war also vollkommen unpraktisch."

"Und trotzdem hat er schon zwei Jahre nach dem Krieg sehr hoffnungsvoll über Deutschland geschrieben. Und er wusste da genau, was unter Hitler in Deutschland passiert war."

1948 reist Alfred Kerr, 80 Jahre alt, noch einmal nach Deutschland, ins Land der Judenvernichter. Im Auftrag der britischen Regierung soll er den wiedererwachenden Theaterbetrieb unter die Lupe nehmen. In Hamburg sieht er eine Aufführung von "Romeo und Julia". Danach trifft Alfred Kerr im Hotelzimmer der Schlag. Wenige Wochen später nimmt er sich das Leben.

"Ist dieses Leben längst verbraust,
Erheb ich mich als Leiche und schüttele meine fahle Faust,
[…] Wer das Schlimmste verschuldet hat,
war, der alles geduldet hat."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk