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StartseiteKalenderblattDas Ende der "Rheinischen Zeitung" 31.03.2018

Vor 175 JahrenDas Ende der "Rheinischen Zeitung"

Sie galt als "Sammelplatz für oppositionelle Elemente" und "Hure am Rhein": Die „Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe“, die Anfang 1842 von liberalen Kräften in Köln gegründet wurde, war der preußischen Regierung von Anfang an ein Dorn im Auge. Am 31. März 1843 wurde ihr die Konzession entzogen.

Von Wolfgang Stenke

Zeitungen werden in Deutschland in einer Druckerei gedruckt und damit wird Eigentum veröffentlicht. (imago/Westend61)
Die "Rheinische Zeitung" galt 1842/43 als Sprachrohr einer kritischen Intelligenz (imago/Westend61)
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Die Lange Nacht der Preußen im Rheinland Danke, Berlin!

"Der Drang der Zeit hat dich erschaffen,

Du gabst Beschäft’gung uns vollauf,

Doch - wie bald mußt’ du erblassen,

Und unser Tagwerk hört nun auf."

Die Abschiedsverse eines anonymen Schriftsetzers. Sie galten der "Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe". Am 31. März 1843, nur 15 Monate nach dem ersten Erscheinen, fiel sie der preußischen Zensur zum Opfer.

"Du wolltest Recht, und Niemand scheuen,

Wir fühlten dies mit Setzerlust.

Drum sind wir ewig deine Treuen:

Nimm dafür unsern Bruderkuß."

Sammelplatz aller oppositionellen Elemente oder die "Hure vom Rhein"

Die "Rheinische Zeitung", so formulierte es ein zeitgenössischer Schriftsteller, war "der Sammelplatz aller oppositionellen Elemente". Hier schrieben Moses Hess, Georg Herwegh, August Hoffmann von Fallersleben, Karl Marx und Friedrich Engels, um nur einige zu nennen, die in der drückenden Enge des biedermeierlichen Deutschlands den Ruf nach Freiheit und demokratischer Verfassung anstimmten. Für Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, aber war die "Rheinische Zeitung" die "Hure vom Rhein". – Der Berliner Historiker Jürgen Herres, Mitarbeiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe:

"Es ist eine liberale Zeitung, im Grunde genommen eine Oppositionszeitung, die aber versucht, sich zwischen der Zensur hindurchzulavieren. Und Karl Marx schreibt zunächst als freier Mitarbeiter Artikel für die 'Rheinische Zeitung', und dann ab Oktober 1842 ist er im Grunde genommen Chefredakteur der Zeitung."

Nicht zufällig in Köln gegründet

Nicht zufällig wurde dieses Blatt in Köln gegründet, der größten Stadt der preußischen Rheinprovinz. Bis zur Niederlage Napoléons stand Köln gut zwei Jahrzehnte unter französischer Herrschaft. Das bedeutete Befreiung von Zunftzwängen, Säkularisierung der Kirchengüter, Einführung des französischen Rechts mit öffentlich tagenden Schwurgerichten. Eine neue bürgerliche Schicht entstand. Sie trieb die Anfänge der Industrialisierung voran und begegnete den preußischen Behörden, die ab 1815 im Rheinland und in Westfalen das Sagen hatten, mit Selbstbewusstsein.

"Sie traten für so eine Art rheinischen Liberalismus ein, der also sowohl rechtliche Forderungen hatte, auf der anderen Seite aber auch Partizipationsfragen umfasste, also Beteiligung an staatlichen Entscheidungen, auch Entscheidungen über finanzielle Ressourcen und Steuern – und natürlich: Man wollte Pressefreiheit haben."

Die Juristen Georg Jung und Dagobert Oppenheim und der Philosoph Moses Hess machten sich 1841 unter wohlhabenden Kölner Liberalen auf die Suche nach Geldgebern. Sie sollten Anteile einer Verlagsgesellschaft zeichnen. Als Strohmann, der beim Regierungspräsidenten die Konzession beantragte, fand sich der Buchhändler Joseph Engelbert Renard. Unter dem, so wörtlich, "Vorbehalt des jederzeitigen Widerrufs" genehmigten die Behörden im Dezember 1841 die "Rheinische Zeitung" – in der Hoffnung, sie könnten das Blatt im Sinne der Regierungsinteressen beeinflussen. Das erwies sich als Illusion. Schon bald fanden sich in der "Rheinischen Zeitung" Sätze wie diese:

"Die freie Presse ist das überall offene Auge des Volksgeistes, das verkörperte Vertrauen eines Volkes zu sich selbst. Sie ist die rücksichtslose Beichte eines Volkes vor sich selbst, und bekanntlich ist die Kraft des Bekenntnisses erlösend."

Diese Kritik der staatlichen Zensur stammte von Karl Marx. Mit 24 Jahren trat er in die Redaktion ein. Der junge Marx, gerade promoviert, stand am Anfang seiner philosophischen und ökonomischen Arbeiten, war noch kein Kommunist. Immer bedroht von Eingriffen des Zensors, setzte er sich in der "Rheinischen Zeitung" mit den Debatten des Rheinischen Landtages auseinander. 

"Damit einher ging dann die Beschäftigung mit sozialen Fragen, also die Not der Moselwinzer und eben die Frage des Holzdiebstahls, also wo die Unterschichten versuchten, im Wald sich Holz zu holen, um eben den Winter zu überstehen."

In ganz Deutschland gelesen

Ihr Eintreten für die Pressefreiheit und die unteren Klassen machten die "Rheinische Zeitung" zu einem in ganz Deutschland gelesenen Blatt. Als ihr die ohnehin nur vorläufige Konzession entzogen wurde, hatte sie die damals beachtliche Zahl von 3400 Abonnenten. Auf dem Titelblatt der letzten Ausgabe rief die "Rheinische Zeitung" ihren Lesern zu:

"Wir seh’n uns wieder einst an neuen Borden,

Wenn alles bricht, der Mut bleibt unversehrt!"

Fünf Jahre später, im Zuge der Revolution von 1848, setzte Karl Marx diese Arbeit fort: Mit seinen politischen Freunden gründete er in Köln die "Neue Rheinische Zeitung".  

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