Vor 175 JahrenDie erste Vollnarkose

Bevor es Narkosemittel gab, waren Operationen eine Tortur für die Patienten: Deshalb wurde nur im absoluten Notfall operiert und die Chirurgen mussten vor allem schnell sein. Das änderte sich, als der Zahnarzt William Thomas Green Morton die betäubende Wirkung des Schwefeläthers entdeckte.

Von Monika Dittrich | 16.10.2021

Der Arzt William Morton verabreicht 1846 Äther an einen Patienten vor dessen Turmoroperation. und ist von zahlreichen Kollegen umgeben.
Der Arzt William Morton verabreicht 1846 Äther an einen Patienten vor dessen Turmoroperation. (picture alliance / Everett Collection)
Das "Operationstheater" im General Hospital in Boston war an diesem Freitagmorgen voll besetzt. Mediziner und Studenten drängten sich in den Zuschauerreihen, sie wollten erleben, wie der angesehene Chirurg John Collins Warren seinem Patienten ein Geschwür aus dem Hals schneidet.
"Und das war für Fachkreise ein öffentliches Spektakel."
Ronald D. Gerste ist Arzt und Historiker: "Und an jenem Tag war der Saal deswegen besonders voll, weil ein Gerücht die Runde gemacht hatte, nämlich, dass Dr. John Collins Warren, dieser berühmte Chirurg, vielleicht erstmals operieren könnte, ohne dass der Patient Schmerzen empfinden würde."

Sensation eines jungen Zahnarztes

Diese Sensation hatte ein junger Dentist angekündigt: William Thomas Green Morton, 27 Jahre alt, der schon lange nach einer Methode gesucht hatte, seinen Patienten die Schmerzen der Zahnbehandlung zu nehmen.
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Jahrhundertelang wurden Operationen ohne Betäubung durchgeführt – doch dann kam der Zahnarzt Horace Wells auf die Idee mit dem Lachgas.
Mortons Lehrer hatte bereits mit Lachgas experimentiert, er selbst versuchte es dann mit dem aus Ethanol und Schwefelsäure hergestellten Äther. Er ließ Tiere die Dämpfe einatmen, überprüfte die Wirkung an sich selbst und narkotisierte schließlich einen Patienten, dem er völlig schmerzfrei einen Zahn zog. Er ahnte, dass seine Methode die Medizin revolutionieren würde - und überredete deshalb John Collins Warren, den Chirurgen, die Äthernarkose öffentlich demonstrieren zu dürfen.
"Also, der 16. Oktober 1846 ist sicherlich einer der ganz tollen Tage in der Geschichte der Menschheit."
Schon seit der Antike hatten Ärzte nach Wegen gesucht, um Patienten in Tiefschlaf zu versetzen: Sie probierten es mit Kräutermischungen, mit Alraune und Tollkirsche, mit Hypnose oder Abquetschen der Nervenstränge, mit alkoholgetränkten Schlafschwämmen. Vergeblich.
"Das hat den Patienten manchmal ein bisschen eingeschläfert, aber in dem Moment, in dem der Chirurg das Messer oder der Dentist die Zange ansetzte, war das vorbei und der Schreckensschrei ging wieder los."

Bis zur Erfindung der Narkose ging es vor allem um Schnelligkeit

Weshalb die Möglichkeiten der Chirurgie begrenzt waren.
"Stellen Sie sich vor eine Operation am Magen oder im Brustraum: Das ist ja völlig undenkbar mit Patienten, die sich vor Schmerzen winden, die schreien, die von mehreren Krankenwärtern, wie man es damals nannte, gehalten werden müssen. Die vielleicht häufigste Operation in dieser Epoche war ja die Amputation, man musste schwer verletzte und infizierte Gliedmaßen nach Unfällen und während Kriegen möglichst schnell entfernen, und das geschah innerhalb von wenigen Minuten und war natürlich für den Patienten eine für uns kaum vorstellbare Pein."
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"Die Heilung der Welt" heißt das Buch des Historikers Ronald Gerste, dass sich den medizinischen Fortschritten zwischen 1840 bis 1914 widmet. Er beschreibt die Wirkung bahnbrechender Neuerungen.
Bis zur Erfindung der Narkose kam es bei den Operateuren vor allem auf ihre Schnelligkeit an, wie Ronald Gerste in seinem Buch "Die Heilung der Welt" beschreibt: "Der Eingriff musste beendet sein, bevor der Kranke am Schock seiner Qualen sterben konnte. Dominique Jean Larrey, Napoleons Leibchirurg, vermochte einen Arm im Schultergelenk in zwei Minuten zu amputieren. Und der berühmteste europäische Chirurg in diesem Jahre 1846, Sir Robert Liston in London, operierte mit einer unvorstellbaren, virtuosen Rapidität, so flink, dass er einmal bei einer hohen Oberschenkelamputation versehentlich einen Hoden des Patienten und zwei Finger des Assistenten mitentfernte."

Kein Humbug, keine Zauberei

Die Operation in Boston hingegen verlief sehr still - und war deshalb so spektakulär: William Thomas Green Morton hatte den Patienten die Ätherdämpfe einatmen lassen, woraufhin der bewusstlos wurde.
Als Warren das Messer ansetzte, gab es keinen Schmerzensschrei, keine Tränen, kein Sich-Winden im Operationsstuhl. Im Anschluss soll der Chirurg zum Publikum gesagt haben:
"Gentlemen, das ist kein Humbug!"
Den Zuschauern dürfte klar gewesen sein, dass sie gerade Zeugen einer medizinischen Zeitenwende geworden waren. Die Nachricht von der erfolgreichen Narkose verbreitete sich um die Welt, bald wurde die Methode auch in Europa ausprobiert.
Morton war nicht der erste, der die betäubende Wirkung des Äthers erkannte, doch er war der erste, der den Nutzen öffentlich machte. Seine Demonstration in Boston gilt als Geburtsstunde der Anästhesie, das Operationstheater heißt heute Äther-Dom und ist ein historisches Denkmal. Mittlerweile haben sich andere Narkose-Mittel durchgesetzt: Die Weltgesundheitsorganisation hat den Äther 2005 von der Liste der unentbehrlichen Medikamente gestrichen.