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Vor 25 Jahren Die Biodiversitätskonvention tritt in Kraft

Je stärker der Mensch die Welt verändert, desto mehr Tier- und Pflanzenarten verschwinden von unserem Planeten. Um den Schwund der biologischen Vielfalt aufzuhalten, wurde Anfang der 1990er-Jahre ein globales Übereinkommen verfasst: die „Konvention zum Schutz der Biologischen Vielfalt“.

Von Monika Seynsche | 29.12.2018

Wasserfälle von Iguazu im argentinischen Bundesstaat Misiones.
Der Erhalt der biologischen Vielfalt ist das Ziel der Biodiversitätskonvention (imago )
Es gibt kaum einen anderen Flecken Erde, der so reich an Leben ist, wie die Regenwälder Indonesiens. Sumatra-Tiger, Orang-Utans, Makaken, Koboldmakis wohnen hier, genauso wie unzählige, zum Teil noch völlig unbekannte Tiere und Pflanzen. Einige von ihnen könnten helfen, Krankheiten zu heilen, andere sind essenziell für das Überleben wieder anderer Arten. Es ist ein sehr fragiles Netzwerk, das massiv bedroht ist. Seit Jahrzehnten werden die Regenwälder in immer größerem Umfang zerstört, jeden Tag verschwinden Arten. Und das nicht nur in Indonesien, sondern weltweit. Und nicht erst seit gestern. Schon Ende der 80er-Jahre war das Problem bekannt und damals - nach dem Ende des Kalten Krieges - wollte man es angehen, erinnert sich Horst Korn vom Bundesamt für Naturschutz.
"Man hat also gedacht, jetzt bricht der große Frieden aus, und man kann diese Friedensdividende nutzen, um Umwelt- und Sozialprobleme zu lösen, weltweit. Also das Geld, was vorher in die Rüstung gegangen ist und in die Verteidigung, kann man jetzt für sinnvollere Dinge verwenden."
Vielfalt an Genen, an Arten und Lebensräumen erhalten
So setzten sich Wissenschaftler und Diplomaten aus aller Welt zusammen und erarbeiteten einen Vertrag: das "Übereinkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt". Am 29. Dezember 1993 trat es in Kraft und umfasst drei große Themenbereiche: Das erste Ziel des Übereinkommens ist die Erhaltung der biologischen Vielfalt. Damit ist die Vielfalt an Genen, an Arten und Lebensräumen gemeint.
"Das zweite große Ziel ist die nachhaltige Nutzung dieser Bestandteile ... und das dritte Ziel, das ist die Aufteilung der Gewinne aus der kommerziellen Nutzung genetischer Ressourcen."
Entwickelt etwa eine Gentechnikfirma ein Produkt, soll ein Teil der Gewinne in das Land zurückfließen, aus dem die genetischen Ressourcen stammten. Alle zwei Jahre treffen sich die mittlerweile mehr als 190 Vertragsstaaten zu einer Konferenz, auf der Ergebnisse vorgestellt und neue Arbeitsprogramme entworfen werden. Doch das wichtigste Ziel der Konvention, den Schwund der biologischen Vielfalt bis zum Jahr 2010 aufzuhalten, sei nicht erreicht, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Er ist Ko-Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrates, in dem Wissenschaftler aus aller Welt unabhängige Informationen zum Stand der biologischen Vielfalt zusammentragen.
"Der Rückgang ist etwas gebremst worden, aber wirklich erreicht wurden die Hauptziele bislang nicht."
Die meisten Ziele bis heute verfehlt
2010 wurden im japanischen Aichi dann 20 neue, detailliertere Ziele formuliert, die bis 2020 erreicht werden sollen. Etwa die Eindämmung von Subventionen, die die biologische Vielfalt schädigen, und die Entwicklung einer nachhaltigeren Landwirtschaft und Fischerei. Daneben sollten 17 Prozent der weltweiten Land- und 10 Prozent der Meeresflächen als Schutzgebiete ausgewiesen werden. Die meisten dieser Ziele sind bis heute verfehlt worden.
"Ist natürlich eine traurige Bilanz, die Frage ist immer, was hätten wir erreicht oder gemacht, wenn wir die Ziele nicht gehabt hätten. Also, ich denke, das wäre sicher noch wesentlich schlechter gewesen."
Alle Staaten müssen den Beschlüssen der Konvention zustimmen und sie dann in nationales Recht umformulieren. Ein zäher und mühsamer Prozess. Zumal die biologische Vielfalt fast immer in Konkurrenz zu anderen nationalen Interessen stehe, wie dem Tourismus, der Landwirtschaft oder dem Bergbau, sagt Horst Korn, wissenschaftlicher Berater des Bundesumweltministeriums in Sachen Biodiversitätskonvention.
"Also gerade in den 90er Jahren war das noch alles sehr euphorisch, man hat (...) diese Arbeitsprogramme entwickelt, ... das war alles sehr vorwärts gerichtet und progressiv. Mittlerweile ist es so, wenn wir diese Arbeitsprogramme überarbeiten, dann müssen wir schon sehr dafür kämpfen, dass wir das, was wir vor einigen Jahren beschlossen haben, überhaupt noch als Standard halten können. Dass es nicht sogar rückwärts geht."
"Die Staaten sind egoistischer geworden"
Der internationale Schutz der Wälder etwa komme seit Jahren nicht voran, da die waldreichen Staaten wie Brasilien, Indonesien oder Kanada strengere Waldschutzbestimmungen blockierten, um ihre Forstindustrie nicht zu gefährden.
Heute herrsche fast überall auf der Welt das Primat der Ökonomie, dem sich alles andere unterordnen müsse, sagt Horst Korn.
"Die Staaten sind egoistischer geworden. Es ist nicht nur die USA, es sind viele andere Staaten, die auch egoistischer geworden sind. Und weniger bereit sind, etwas aufzugeben, oder mit anderen Staaten zusammenzuarbeiten zu einem großen gemeinsamen Ziel."
Wenn sich das nicht bald ändert, wird es in den Wäldern der Welt, in den Tundren des Nordens und den Savannen des Südens immer stiller und in den Ozeanen immer einsamer werden. Denn Schätzungen zufolge sterben jeden Tag etwa 100 Arten aus.