Montag, 06. Februar 2023

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Vor 30 Jahren in Tiflis
Georgiens Sprung in die Unabhängigkeit

Angesichts der zerbröckelnden Sowjetunion ergriff Georgien als eine der ersten Teilrepubliken die Gelegenheit und erklärte sich am 9. April 1991 für unabhängig. Damit schüttelte das Land im Kaukasus fast 200 Jahre russische Fremdherrschaft ab. Zunächst versank der junge Staat im Chaos.

Von Gesine Dornblüth | 09.04.2021

    Ein Farbfoto zeigt eine Demonstration Fahnen schwenkender Menschen. in einem historischen Straßenzug. In erster Reihe ein Mann mit traditioneller Fellmütze neben einer gelöst lachenden Frau und einem bärtigen Mann
    Georgier feiern am 9. April 1991 in den Straßen von Tiflis die gerade proklamierte Unabhängigkeit von der Sowjetunion (picture-alliance / dpa | Lehtikuva CX 91042)
    Als Swiad Gamsachurdia am 9. April 1991 an das Rednerpult trat, hieß das Parlament noch "Oberster Sowjet" und das Land "Georgische Sozialistische Sowjetrepublik". Mit ernstem Blick verlas der Vorsitzende die Unabhängigkeitserklärung Georgiens.

    Reaktion auf Massaker durch Sowjetsoldaten

    Vorher hatte eine überwältigende Mehrheit der Wahlberechtigten in einem Referendum für die Unabhängigkeit des Landes gestimmt. Das Datum für die entsprechende Parlamentssitzung war bewusst gewählt. Genau zwei Jahre zuvor, am 9. April 1989, hatten sowjetische Soldaten eine friedliche Demonstration von Gegnern des Sowjetregimes in Tiflis blutig aufgelöst, mit Klappspaten und Giftgas.
    Menschen protestieren im November 2019 vor dem Georgischen Parlament in Tiflis für eine Wahlrechtsreform und eine Annäherung an Europa.
    Georgien: Das verunsicherte Paradies
    Georgien ist ein Land voller Widersprüche: Einheimischen und zunehmend auch Touristen erscheint es als Paradies. Aber im europäischen Vergleich ist es ein armes Land, das bis jetzt mit den Folgen der Sowjetherrschaft kämpft.
    Ein Wendepunkt, erinnert sich der Schriftsteller und Übersetzer Lewan Berdsenischwili. Er hatte schon zu Sowjetzeiten gegen den Kommunismus rebelliert und deshalb Jahre im Straflager gesessen:
    "Bei dem großen Massaker in Tiflis wurden 21 Menschen getötet, die meisten junge Mädchen, zwei oder drei waren Jungen. Wenn man davor gefragt hätte, wer für die Unabhängigkeit ist, hätten das 99 Prozent verneint. Ab dem 10. April waren 99 Prozent dafür."

    Große Erwartungen

    Und so war es nur logisch, dass auch der Parlamentsvorsitzende zwei Jahre später das Massaker hervorhob. Die Seelen der Ermordeten würden sich mit den Menschen über die Unabhängigkeit Georgiens freuen, so Gamsachurdia.
    Mindestens ebenso groß wie die Freude waren die Erwartungen der Georgier an die Unabhängigkeit, erzählt Petre Mamradze. Er war damals 38 und arbeitete an der Universität. Später leitete er die Präsidialverwaltung Georgiens:
    "Georgien zahlte in der Sowjetunion nur symbolische Preise für Treibstoff, Gas und Benzin. Zugleich hatten die Georgier ihre eigenen Gärten: Obst, Zitrusfrüchte, Blumen. Stellen Sie sich vor, für den Wert von drei Zitronen bekam man ein Flugticket nach Moskau. Deshalb hatten die Menschen komplett unangemessene Erwartungen. (…) Die Experten aber haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Denn Georgien hing komplett von Moskau ab."
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    Nach dem Krieg von 2008 - Russland, Südossetien und Georgien - unversöhnt
    Seit dem Kaukasuskrieg hat Georgien keinen Zugriff mehr auf Südossetien, das sich als unabhängig sieht und von Russland als unabhängiger Staat anerkannt wird. Die Beziehungen zwischen den Ländern sind bis heute vergiftet.
    Das blieb auch noch eine Weile so. Es dauerte ein Dreivierteljahr, bis die Sowjetunion sich auflöste. Erst danach erkannten die ersten Staaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland, Georgien an.

    Zwei Separationskriege

    Der junge Staat versank erst einmal im Chaos. Die Wirtschaft brach zusammen, es folgten ein Bürgerkrieg und zwei Separationskriege: Die Regionen Südossetien und Abchasien sagten sich von Georgien los. Die dort lebenden ethnischen Minderheiten fühlten sich von den georgischen Eliten unterdrückt. Gamsachurdia, der die Unabhängigkeit vorangetrieben hatte, war Nationalist.
    "Wir haben damals nicht verstanden, dass die Unabhängigkeit Georgiens nicht bedeutet, andere zu unterdrücken.", erinnert sich der Schriftsteller Berdsenischwili.
    Dem langjährigen Staatspräsidenten Eduard Schewardnadse gelang es in den 90er-Jahren, Georgien enger an die westlichen Staaten heranzuführen. Gamsachurdia war da bereits unter ungeklärten Umständen gestorben.

    Heute ist Georgien über ein Assoziierungsabkommen mit der EU verbunden. Russland gilt in Georgien weiterhin als Besatzer. Es hat die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien und Abchasien nach einem kurzen Krieg zwischen den beiden Ländern 2008 als unabhängige Staaten anerkannt und dort mehrere tausend russische Soldaten stationiert, auf nach internationalem Recht georgischem Staatsgebiet. Der Wissenschaftler Petre Mamradze zieht dennoch eine positive Bilanz der Unabhängigkeit:
    "Was das Niveau von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit angeht, kommt Georgien in vielen wissenschaftlichen Studien gleich nach den baltischen Staaten, weit vor den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Und ich mag gar nicht daran denken, wie es wäre, wenn Georgien zu Russland gehörte."

    Gleich zwei Unabhängigkeits-Feiertage

    Der 9. April ist in Georgien gesetzlicher Feiertag, doch noch wichtiger ist den Georgiern der zweite Unabhängigkeitstag, der 26. Mai. Dann gedenken sie ihrer ersten Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1918. Die Demokratische Republik Georgien existierte nur drei Jahre, dann marschierte die Sowjetarmee ein. Trotzdem sei den Menschen die Erinnerung an die erste Unabhängigkeit wichtiger, sagt Lewan Berdsenischwili:
    "Das ist metaphorisch. Dahinter steht der Traum, die Sowjetunion aus unserem Gedächtnis zu lösen, so, als hätte es diese 70 Jahre nicht gegeben."