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StartseiteKalenderblattDeutschlands erste Ärztin13.11.2015

Vor 300 Jahren geborenDeutschlands erste Ärztin

Obwohl es Frauen im 18. Jahrhundert verboten war, als Ärztinnen zu praktizieren, betrieb Dorothea Erxleben eine blühende Praxis. Als sie von Konkurrenten angezeigt wurde, stellte sie mit königlicher Sondererlaubnis ihr Wissen unter Beweis – und erhielt als erste Frau in Deutschland die staatliche Approbation. Vor 300 Jahren wurde sie geboren.

Von Ulrike Rückert

Ein Stethoskop liegt neben einem Laptop, (picture alliance / ZB)
Dorothea Erxleben war die erste Ärztin in Deutschland. (picture alliance / ZB)

"Es ist seit einigen Jahren hier die Praxis Medica durch die starke Pfuscherei dermaßen ruinieret worden, dass kein rechtschaffner Medicus hier mehr existieren kann, weil Bader und Barbiere, Hebammen, wie auch besonders des Herrn Diakon Erxlebens Eheliebste Krankheiten kurieren, wobei die letztere mit einer unverschämten Verwegenheit in der medizinischen Pfuscherei sich besonders auszeichnet, da sie die Patienten öffentlich besuchet."

So klagen 1753 drei Ärzte in Quedlinburg. Sie wollen sich illegale Konkurrenz vom Hals schaffen, doch der Schuss geht nach hinten los: Als Resultat ihres Protestes wird zum ersten und für lange Zeit einzigen Mal in Deutschland eine Frau zur Doktorin promoviert und als Ärztin approbiert.

"Ich, Dorothea Christiana Erxlebin, bin am 13. November des 1715. Jahres geboren worden. Mein Vater ist gewesen Herr Christian Polycarpus Leporin, der Medizin Doktor und Praktikus."

Erziehung im Geist der Frühaufklärung

Ganz im Geist der Frühaufklärung ist ihr Vater überzeugt, dass Frauen ebenso viel Verstand wie Männer besäßen, und unterrichtet Dorothea zusammen mit ihrem Bruder. Später nimmt sich der Rektor des Gymnasiums ihrer an. Er gibt ihr Schriften der berühmten Gelehrten Anna Maria van Schurman und Olympia Fulvia Morata. Und von ihm erfährt sie, dass soeben in Bologna Laura Bassi zur Doktorin der Naturphilosophie promoviert worden ist.

"Ich beschloss daher ernstlich, mich durch nichts vom Studieren abhalten zu lassen, und zu versuchen, wie weit ich in der Arzeneigelehrtheit es bringen könnte."

Vater Leporin führt beide Kinder in die Grundlagen der Medizin ein. Doch die Universität steht nur dem Bruder offen.

"Wie oft habe ich gewünscht, mit ihm gleiches Glück zu genießen! Allein ich musste damit zufrieden sein, dass mein Vater fortfuhr, mir mit fleißigem Unterricht beizustehen. Zuweilen musste ich zu meiner Übung verschiedene schwere in seiner Praxis vorgefallene Kasus ausarbeiten, auch seine Patienten besuchen."

Bitte zum Studium an den König

Als Friedrich II. 1740 den preußischen Thron besteigt, wagt Dorothea etwas Ungeheuerliches: Sie bittet den König, mit ihrem Bruder an der Universität studieren zu dürfen.

"Worauf Ihro königliche Majestät zu reskribiren allergnädigst geruheten, dass Sie der medizinischen Fakultät zu Halle mich rekommendieren wollten."

Gelehrte Frauen sind à la mode, werden gerühmt und bestaunt. Der aufgeklärte Monarch erfüllt Dorotheas kühne Bitte ...

"... da dergleichen Exempel bei dem weiblichen Geschlechte in Deutschland etwas rar sind und demnach dieser Kasus demselben zu nicht geringer Ehre gereichen würde."

Doch da stirbt Dorotheas Cousine. Nun versorgt Dorothea die fünf kleinen Halbwaisen und heiratet nach einem Jahr den Witwer, den Hilfspfarrer Erxleben. Sie leitet einen großen Haushalt, erfüllt die Aufgaben einer Pfarrersfrau, bekommt noch vier eigene Kinder. An ein Universitätsstudium ist nicht zu denken. Aber sie veröffentlicht ein längst fertiges Buch, ein frühfeministisches Plädoyer für gleiches Recht auf Bildung und Beruf:

"Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten, darin deren Unerheblichkeit gezeiget wird."

Scharfzüngige Abrechnung mit Vorurteilen

Scharfzüngig rechnet sie mit Vorurteilen ab. Frauen sollten an Universitäten studieren dürfen und mit der erworbenen Qualifikation könnten sie auch öffentliche Ämter bekleiden und akademische Berufe ausüben. Ob Frauen Ärzte sein könnten?

"Warum wollte man Bedenken tragen, seine Gesundheit einem Frauenzimmer anzuvertrauen, wenn sie genugsam dargetan, dass ihre Wissenschaft gründlich sei."

Das allerdings hat Dorothea Erxleben bislang nicht, obwohl sie eine blühende Praxis führt. Mit der Klage der drei Ärzte konfrontiert, reicht sie 1754 eine Dissertation ein, ohne ein Studium absolviert zu haben. Die Arbeit wird akzeptiert, das mündliche Examen besteht sie glanzvoll.

"Es ward der 12. Juni angesetzt, an welchem Tag in Gegenwart einer nicht geringen Anzahl ansehnlicher Personen, beiderlei Geschlechts, Frau Kandidatin der Gradus Doctoris Medicinae und die Freiheit zu praktizieren, von mir erteilt worden."

Berichtet Johann Juncker, Professor der Medizin in Halle. Doch Dorothea Erxleben bleiben nur noch wenige Jahre. Am 13. Juni 1762 stirbt sie an Brustkrebs. Sie ist ihrer Zeit weit voraus – erst 1899 werden Frauen in Deutschland zum medizinischen Staatsexamen zugelassen. Studieren müssen sie da noch im Ausland, erst in den folgenden Jahren öffnen ihnen die deutschen Universitäten ihre Tore für ein reguläres Studium.

 

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