Vor 50 Jahren beschlossen Erster österreichischer Nationalpark "Hohe Tauern"

Vom Großvenediger im Westen über den Großglockner bis zur Hochalmspitze im Osten ziehen sich die Hohen Tauern über den höchsten Alpenkamm Österreichs. Eine gletscherreiche Bergwelt mit beeindruckender Tier- und Pflanzenwelt. Vor 50 Jahren wurde beschlossen, dort einen Nationalpark zu errichten.

Von Monika Seynsche | 21.10.2021

Die Weißsee Gletscherwelt präsentiert sich als imposantes Ausflugsziel für Spaziergänger, Wanderer und Bergprofis, aufgenommen am 27. August 2015.
Die Weißsee Gletscherwelt im Nationalpark Hohe Tauern präsentiert sich als imposantes Ausflugsziel für Spaziergänger, Wanderer und Bergprofis (Frank Baumgart / dpa)
Ein Bartgeier zieht seine Kreise hoch oben über einer rauen Landschaft aus vergletscherten Gipfeln, grünen Bergseen und schroffen Felsspitzen. Weiter unten in den Tälern grasen Kühe auf saftigen Almwiesen und Gletscherbäche gurgeln zwischen dunklen Nadelwäldern talabwärts. Ein Idyll, das es den Plänen der österreichischen Stromwirtschaft nach gar nicht mehr geben sollte, sagt Wolfgang Retter vom Alpenverein.
"Es war hier im Jahr 1973 ein neues, gigantisches Projekt aufgetaucht in einem der größten Almtäler der Ostalpen: Im Kalser Dorfer Tal, ein riesiges Trogtal, sollten die Gletscherbäche der gesamten Südseite der Hohen Tauern gespeichert werden. Vorgesehen war dazu, alle diese Gletscherbäche in großer Höhe abzuleiten und durch Stollen in den Stauraum überzuführen."
Dadurch hätten unzählige Täler ihre Wasserzuflüsse verloren und das gesamte Kalser Dorfer Tal wäre in den Fluten eines gewaltigen Stausees verschwunden. Ein Szenario, das der Stromwirtschaft zwar sehr viel Geld eingebracht hätte, aber in krassem Widerspruch stand zum geplanten Vorhaben der Länder Tirol, Salzburg und Kärnten, in den Hohen Tauern einen gemeinsamen Nationalpark einzurichten. Darauf hatten sich die drei Landeshauptleute am 21. Oktober 1971 in Heiligenblut geeinigt.

Widerstand gegen Pläne der Stromwirtschaft

Trotzdem gab die Stromwirtschaft nicht auf. Sie versprach den Gemeinden sogar neue Sommerskigebiete. Aber es regte sich Widerstand, erinnert sich Bernhard Kohler vom WWF Österreich.
"Der Widerstand war sehr breit gefächert also einerseits, beginnend bei den lokalen Grundbesitzern, die nicht wollten, dass ihre Almflächen in einem riesigen Stausee verschwinden, bis hin zur lokalen Bevölkerung, die befürchtet hat, dass im Fall eines Staudammbruches wirklich eine Katastrophe über sie hereinbricht, breite Teile der Zivilgesellschaft oder der frühen Umweltbewegung haben sich dagegen stark gemacht. Das war aber haarscharf. Es hätte auch anders ausgehen können."
Eine entscheidende Rolle bei dem Streit kam dem Österreichischen Alpenverein zu, der zu den größten Grundbesitzern in der Region zählt und sich massiv für einen Nationalpark einsetzte.

Alpine Biodiversität

Österreich war in den 1970er-Jahren einer der letzten Staaten Europas ohne Nationalpark. Naturschutz ist hier Ländersache. Kärnten etwa entschied schon 1981 seinen Anteil zum Nationalpark zu erklären, Salzburg folgte 1984 und Tirol kam durch den Streit um das Wasserkraftwerk erst 1992 dazu. Heute ist der Nationalpark Hohe Tauern der größte Nationalpark der Alpen und erstreckt sich vom Großvenediger im Westen über den Großglockner bis zur Hochalmspitze im Osten über die höchsten Berge Österreichs. Bernhard Kohler ist beim WWF Österreich für Großschutzprojekte und Nationalparks zuständig.
"Vor allem Gletscherflächen, große Felsflächen, dann wunderbare Gewässer, so herrliche Wasserfälle, alpine Matten, alpine Urwiesen - das ist in der Ausdehnung, in der Vollständigkeit, und in dieser, man kann wirklich auch sagen, in der Pracht eigentlich kaum anderswo in den Alpen so gegeben, also es ist wirklich herausragend für den Schutz der alpinen Biodiversität."
Auch der Bartgeier hat im Nationalpark wieder eine Heimat gefunden. Der Greifvogel zählt zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt und war Anfang des 20. Jahrhunderts im kompletten Alpenraum ausgerottet. Mitte der 1980er-Jahre wurden die ersten Jungtiere im Nationalpark Hohe Tauern ausgewildert. Das Programm war so erfolgreich, dass die Bartgeier heute sogar wieder in der Wildnis des Parks brüten.
Die Zirbe (pinus cembra) ist seit der letzten Eiszeit im Alpenraum heimisch, aufgenommen in Hinteren Defereggental am 09.09.2013. Der Baum, der im Defereggental weit verbreitet ist, kann bis zu 1000 Jahre alt werden, einen Durchmesser von zwei Metern und eine Höhe von über zwanzig Metern erreichen. Die Zirbe mit ihren immergrünen Nadeln ist an ihre Standortverhältnisse gut angepasst und kann Temeraturen bis minus vierzig Grad Celsius schadlos überstehen. Foto: Frank Baumgart. | Verwendung weltweit
25 Jahre Nationalpark Hohe Tauern - ständiges Ringen um Akzeptanz
Es dauerte Jahre, sämtliche betroffenen Waldbesitzer vom Nationalpark Hohe Tauern zu überzeugen. Und auch heute noch müssen die geschützten Gebiete gegen Begehrlichkeiten verteidigt werden: Schließlich hat der Siedlungsdruck zugenommen – und es gibt völlig neue Freizeitnutzungen mit E-Bikes und Drohnen.

Gefahr Mensch für Pflanzen und Tiere

Peter Rupitsch war 1984 einer der ersten Angestellten des Nationalparks und ist heute Direktor des Parks in Kärnten. Eine der größten Herausforderungen für die Zukunft sieht er im Klimawandel, der kälteliebende Pflanzen und Tiere in immer größere Höhen treibt.
"Das ist das eine. Das andere ist aber auch, dass wir ständig mit neuen Sportarten, Trendsportarten, konfrontiert sind, Stichwort E-Bikes. Es gibt mittlerweile unzählige Drohnen, die im Nationalpark fliegen, was eigentlich nicht im Sinne der Nationalparkidee ist. Und insgesamt muss man sagen, dadurch, dass es einfach immer mehr Menschen hinaus in die Natur zieht, wird der Lebensraum für verschiedene Wildtiere immer enger."
Deshalb sei es enorm wichtig, die Besucher des Parks auf den Wegen zu halten und die Wildnis der Hohen Tauern den Tieren und Pflanzen zu überlassen, damit die Schönheit des Nationalparks auch für kommende Generationen gewahrt bleibt.