Donnerstag, 21.11.2019
 
Seit 02:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblattMinisterpräsident Olof Palme: solidarisch und doch umstritten14.10.2019

Vor 50 Jahren in Schweden gewähltMinisterpräsident Olof Palme: solidarisch und doch umstritten

Er war jung, aufstrebend und setzte sich für soziale Gerechtigkeit ein. Und doch war der schwedische Politiker Olof Palme umstritten, auch aufgrund seines außenpolitischen Engagements. Im Oktober 1969 wurde Palme schwedischer Ministerpräsident. Sein Leben endete tragisch.

Von Matthias Bertsch

Der schwedische Ministerpräsident Olof Palme (links) sitzt neben dem damaligen kubanischen Regierungschef Fidel Castro (AFP/Scanpix Sweden/Hasse Persson)
Olof Palme, damals Ministerpräsident Schwedens, während einer Auslandsreise im März 1973 mit Kubas damaligem Regierungschef Fidel Castro (AFP/Scanpix Sweden/Hasse Persson)
Mehr zum Thema

Neue Erkenntnisse im "Fall Olof Palme" Stieg Larssons Recherchen werden Wunden öffnen

EU-Wahl in Schweden EU-Skeptiker wohnen im Süden

Schwedens Olympiabewerbung 2026 "Wir werden die Ersten sein, die die Spiele klimapositiv ausrichten"

"Olof Palme ist tot." Als der schwedische Rundfunk am 1. März 1986 vom Anschlag auf den schwedischen Ministerpräsidenten berichtete, löste die Nachricht weltweit Betroffenheit aus. Palme genoss durch seinen Einsatz für Frieden und soziale Gerechtigkeit international hohes Ansehen.

Eine Blutlache an dem Platz, an dem Olof Palme erschoßen wurde. (picture alliance/AP Images)Eine Blutlache an dem Platz, an dem Olof Palme erschossen wurde (picture alliance/AP Images)

Doch woher kam dieses Engagement? 1927 in Stockholm geboren, wuchs Palme in einer großbürgerlichen Familie auf. Seine Mutter war Deutsch-Baltin, Mehrsprachigkeit ein selbstverständlicher Teil seiner Erziehung – genauso wie der Besuch eines Elite-Internats. Seine entscheidende politische Prägung erhielt er jedoch in den USA. Nach einem Jahr am College trampte Palme 1948 vier Monate quer durchs Land und lernte dort Armut und Rassismus kennen.

"So kam ich in sehr engen Kontakt mit einer sozialen Wirklichkeit, die ich als völlig unnötig empfand. In einem solchen reichen Land gab es überhaupt keinen Grund, dass Menschen so leben sollten. Und das hat natürlich sehr stimuliert, das Interesse an der aktiven Veränderung der Gesellschaft. Das ist ein grundlegender existenzieller Standpunkt, dass es nicht reicht mit einer Philosophie, einem Denken. Politik, das ist eine Handlung, ein Agieren, um konkret die Gesellschaft zu verändern."

Aufbau des schwedischen Wohlfahrtsstaates

Wieder in Schweden, engagierte sich Palme in der Studentenpolitik und wurde 1953 Sekretär des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Tage Erlander. 16 Jahre lang arbeiteten die beiden für den Aufbau des schwedischen Wohlfahrtsstaates eng zusammen, bis Erlander 1969 altersbedingt zurücktrat. Am 14. Oktober wurde Olof Palme als sein Nachfolger in Stockholm vereidigt. Innenpolitisch setzte er die Reformpolitik seines Vorgängers fort, außenpolitisch erhob er immer lauter seine Stimme gegen Armut und Unterdrückung: Er stritt für Abrüstung, kritisierte den Vietnam-Krieg der USA und das Apartheid-System Südafrikas. Voraussetzung für sein internationales Engagement war seine Verwurzelung in der Heimat.

"Wenn man diese Anknüpfung an der Heimat hat, dann wird es auch leichter, eine offene Einstellung zu anderen Ländern, anderen Völkern zu haben. Und das ist natürlich eine schwere Grenze, denn die Verwurzelung in der Heimat kann Isolierung, Selbstvergötterung und alles das bedeuten, aber es kann auch eine Plattform bedeuten, um mit anderen Kontakt zu haben."

Rückkehr an die Macht und doch umstritten

Schmidt (l, SPD) am 03.12.1982 vor seinem Privathaus in Hamburg Langenhorn den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme mit einem Händedruck. Palme, der sich zu einem eintägigen offiziellen Besuch in Hamburg aufhält, ist bei den Schmidts zum Mittagessen eingeladen. (picture alliance / dpa / Werner Baum)Helmut Schmidt und der schwedische Ministerpräsident Olof Palme 1982 in Hamburg (picture alliance / dpa / Werner Baum)

Aber was ihm international viel Anerkennung einbrachte, wurde in Schweden zwiespältig wahrgenommen. Manche sahen in seinen vielen Auslandsreisen ein Zeichen dafür, dass er den Bezug zum kleinen Mann längst verloren habe, und so wurden die schwedischen Sozialdemokraten bei den Wahlen zum Reichstag 1976 abgewählt. Sechs Jahre später kehrte Palme an die Macht zurück – doch er blieb umstritten, so die ehemalige Generalsekretärin der Partei Marita Ulfskrug:

"Als abgehobenen überheblichen Machtmenschen wollten ihn seine Gegner abstempeln, aber wir sahen ihn durch die Stadt laufen in seinem knittrigen Regenmantel. Er sah aus wie ein ungemachtes Bett und er wollte sich nie nach vorn drängen oder sich im Glanz der Popularität sonnen. Er war ganz und gar unverstellt und zutraulich zu den Leuten."

Ohne Polizeischutz ins Kino

Deswegen war er am Abend des 28. Februar 1986 auch ohne Polizeischutz mit seiner Frau ins Kino gegangen. Auf dem Rückweg wurde er in der Stockholmer Innenstadt aus nächster Nähe von einem Mann angeschossen, wenig später starb er. Über den Täter und mögliche Hintermänner gibt es bis heute nur Vermutungen: Die kurdische PKK, Anhänger des Apartheidregimes oder schwedische Rechtsextremisten. Keine dieser Annahmen hat sich bislang belegen lassen. Klar ist: Der Anschlag war ein Schock und erinnerte viele an die Ermordung Kennedys und Martin Luther Kings, mit denen Palme wegen seines Eintritts für mehr Solidarität verglichen wurde, einer Solidarität, die nicht nur auf die Arbeiterklasse beschränkt war.

"Schon sehr früh in der Sozialdemokratie hat sich diese Klassensolidarität zu einer allgemeinen Gesellschaftssolidarität erweitert. Man wollte nicht nur Lösungen für die Arbeiter suchen, sondern man wollte Lösungen, die allen Menschen passen könnten, suchen. Und wir sagen auch heute so: Wenn eine Gesellschaft zusammenhalten soll, so muss es eine Solidarität in der Gesellschaft geben."

Es sind Aussagen wie diese, die Olof Palme auch gut dreißig Jahre nach seiner Ermordung eine große Aktualität verleihen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk