Freitag, 27. Mai 2022

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Vor 50 Jahren
Protest gegen die Sprengung der Leipziger Paulinerkirche

Vor 50 Jahren protestierten Physiker gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli, auch Paulinerkirche genannt. Drei Wochen zuvor, am 30. Mai 1968, war sie den Plänen sozialistischer Stadtplaner zum Opfer gefallen.

Von Doris Liebermann | 20.06.2018

Die Sprengung der Universitätskirche am Leipziger Karl-Marx-Platz am 30.05.1968
Die Sprengung der Universitätskirche am Leipziger Karl-Marx-Platz am 30.05.1968 (imago stock&people / epd)
Die Kirche St. Pauli, auch Paulinerkirche genannt, war 1240 geweiht und im 16. Jahrhundert der Universität Leipzig übereignet worden. Der gotische Kirchenbau hatte die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg überstanden und wurde zu DDR-Zeiten von evangelischen und katholischen Christen genutzt.
Seit den 1960er Jahren gab es in der DDR Pläne, Leipzig zu einer sozialistischen Großstadt umzubauen, das Gotteshaus am Augustusplatz, damals Karl-Marx-Platz, störte. Auf ausdrücklichen Wunsch von SED-Chef Walter Ulbricht versank am 30. Mai 1968 die altehrwürdige Universitätskirche seiner Geburtsstadt mitsamt der Orgel und vielen Kunstschätzen in Schutt und Asche.
"Ich stand in der Nähe in Richtung Grassi-Museum, östlich, hatte also einen vollen Blick auf die Kirche. ... Zum Zeitpunkt wie geplant war dieser ungeheure Knall und dann mehrere kleinere darauf und dann fiel das in sich zusammen. Das war schon ein dramatisches Erlebnis", so Harald Fritzsch.
Der international renommierte Physiker Fritzsch hatte damals sein Studium in Leipzig gerade abgeschlossen. Er und sein Freund Stefan Welzk beschlossen, ein Zeichen zu setzen. Auch Stefan Welzk hatte in Leipzig Physik studiert und arbeitete am Geomagnetischen Institut in Potsdam. Dort bat er seinen künstlerisch begabten Kollegen Rudolf Treumann, ein Transparent zu gestalten. Treumann malte die Silhouette der gesprengten Kirche, ein Kreuz und die Jahreszahl der Zerstörung auf gelben Fahnenstoff. Darunter schrieb er in Großbuchstaben:
"WIR FORDERN WIEDERAUFBAU"
Mit diesem Transparent machte sich Stefan Welzk nach Leipzig auf. Dort fand am 20. Juni 1968 der III. Internationale Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb mit einem Festakt in der Kongresshalle sein Ende.
Harald Fritzsch hatte inzwischen einen Wecker so präpariert, dass aus dessen Läutwerk zur eingestellten Zeit ein Nagel fiel. An diesen Nagel war das an Latten befestigte Transparent gehängt. Stefan Welzk brachte die Konstruktion am Vormittag oberhalb der Bühne an:
"Und bin die Leiter hochgeklettert in aller Ruhe und habe das Ding da oben festgeschnürt. Ich war schweißgebadet nach ein paar Sekunden, denn das war schon sehr riskant, weil das Ding ins Schweben kam, die ganze Dekoration über der Bühne, und dann hatte ich das endlich dran ... und das war’s dann."
Am Abend fanden sich 1.800 in- und ausländische Gäste im Saal ein, auch DDR-Kulturminister Klaus Gysi, Fernsehen, Radio und Presse. Im Publikum wartete Harald Fritzsch fieberhaft darauf, dass sich das Transparent entrollte:
"Es war gerade eine Auszeichnung von einem der Gewinner des Festivals, der Beifall war praktisch auf Null. Und jetzt flog das herunter, jetzt stürmte das los. Die Leipziger haben geklatscht wie die Verrückten, das ging vielleicht so acht Minuten, für mich schien es fast wie eine Ewigkeit ... Und neben mir der ältere Herr, der hat geklatscht wie ein Wilder und dem liefen die Tränen runter. Er meinte, dass er das noch erleben konnte, da sei er sehr dankbar..."
Bürgerinitiative für den Wiederaufbau
Die Staatssicherheit ermittelte sofort in den so genannten reaktionären Kirchenkreisen und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, nicht aber bei den Physikern. Wohlweislich hatten Harald Fritzsch und Stefan Welzk schon vor der Protestaktion ihre Flucht aus der DDR geplant: mit einem Faltboot von Bulgarien aus über das Schwarze Meer in die Türkei.
Knapp zwei Jahre später wurden von einem West-Berliner Stasi-Informanten Fluchtpläne Leipziger Freunde verraten. Es kam zu Verhaftungen und Verurteilungen, auch die Transparent-Aktion flog dabei auf. Der Physiker Dietrich Koch wurde in diesem Zusammenhang zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Er wurde aus dem Gefängnis in die Bundesrepublik entlassen.
Anfang Dezember 2017 wurde in Leipzig an der Stelle der gesprengten Kirche ein Neubau, das Paulinum, das Kirche und Universitätsaula vereint, eingeweiht. Stefan Welzk, Harald Fritzsch und Rudolf Treumann gehörten als Ehrenmitglieder der Bürgerinitiative an, die sich jahrelang für einen Wiederaufbau eingesetzt hatte.
Literaturhinweis
Stefan Welzk: "Leipzig 1968. Unser Protest gegen die Kirchensprengung und seine Folgen"
Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2011. 211 Seiten, 9,80 Euro