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StartseiteKalenderblattPaul Tillich: "Ich fühle mich zwischen den Welten"22.10.2015

Vor 50 Jahren verstorbenPaul Tillich: "Ich fühle mich zwischen den Welten"

Er gilt als einer der bedeutendsten protestantischen Theologen und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts: Paul Tillich war der erste nicht-jüdische Hochschullehrer, der ein Berufsverbot von den Nazis erhielt. Tillich migrierte nach Amerika und wurde dort Professor. Vor 50 Jahren verstarb der Theologe und Philosoph.

Von Anna Gann

Der deutsch-amerikanische Theologe und Philosoph Paul Tillich, Professor an der Universität von Chicago. (picture-alliance / dpa - DB Börsenverein des deutschen Buchhandels)
Der deutsch-amerikanische Theologe und Philosoph Paul Tillich, Professor an der Universität von Chicago. Er wurde 1962 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. (picture-alliance / dpa - DB Börsenverein des deutschen Buchhandels)

"Ich fühle mich zwischen den Welten. Und ich bejahe diese Stellung, weil sie mit dem christlichen Grundgedanken, dass wir Pilger auf Erden sind, sehr viel Ähnlichkeit hat."

Paul Tillich war 1933 der erste nicht-jüdische Hochschullehrer, der von den Nazis Berufsverbot erhielt. Er wurde Professor in den USA, kehrte aber später immer wieder als Gastdozent nach Deutschland zurück. Dass er sich selbst als Grenzgänger und Grenzüberwinder sah, beschrieb er zum Beispiel 1962, als er mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde:

"Das Dasein auf der Grenze, die Grenzsituation, ist voller Spannung und Bewegung. Sie ist in Wirklichkeit kein Stehen, sondern ein Überschreiten, ein Zurückkehren, ein Wiederzurückkehren, ein Wiederüberschreiten, ein Hin und Her, dessen Ziel es ist, ein Drittes, jenseits der begrenzten Gebiete zu schaffen."

Tillich gilt als einer der bedeutendsten protestantischen Theologen und Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er am 20. August 1886 im Dorf Starzeddel in der damaligen Mark Brandenburg. Der Pfarrerssohn studierte Theologie in Berlin, Tübingen und Halle und war Hilfsprediger unter anderem in Berlin-Moabit. Über das, was er als Feldprediger im Ersten Weltkrieg erlebte, schrieb er in einem Brief:

"[Es] riss den Abgrund für mich so tief auf, dass er sich nie mehr schließen konnte. Mir wurde klar: Wenn es eine neue Theologie geben kann, dann muss sie dieser Erfahrung des Abgrundes unserer Existenz gerecht werden."

Antworten auf die existentiellen Fragen nach Sinn, Leid und Tod wollte Tillich nicht im theologischen Elfenbeinturm entwickeln. Wer von Gott redet, so seine Überzeugung, muss die Hoffnungen und Zweifel der Gläubigen und der Ungläubigen einbinden, muss die gesellschaftlichen und politischen Fragen im Blick haben. Perspektiven dafür fand er auf der Grenze zwischen Heiligem und Profanem, zwischen Irdischem und Göttlichem. Der Berliner Theologe Wilhelm Gräb:

"Womit er für uns auch heute noch Maßstäbe setzt: Er hat Gott in der Kultur entdeckt. Gott ist nicht nur in der Kirche zu Hause, er ist in erster Linie gerade nicht in der Kirche zuhause, sondern in der Kunst, in der Literatur, in der Musik. Natürlich ist das Kunstwerk nicht selber eine religiöse Wirklichkeit. Aber es bringt mich in Kontakt mit der transzendenten Wirklichkeit."

Bezeichnete sich als "religiösen Denker"

Ab 1924 war er Professor an den Universitäten in Marburg, Dresden, Leipzig, in Frankfurt am Main lehrte er seit 1928 Philosophie und Soziologie. Doch er selbst bezeichnete sich lieber schlicht als "religiösen Denker", wie er es auch in seiner autobiografischen Schrift "Auf der Grenze" verdeutlichte:

"Es erschien mir unmöglich, als Prediger und Theologe etwas anderes darzustellen als einen Laien und Philosophen, der etwas von den Grenzen menschlicher Existenz zu sagen wagt."

Seit den 1920er-Jahren gehörte er dem Kreis der "Religiösen Sozialisten" an, die in ihrem Einsatz für soziale Gerechtigkeit auch die kirchlich institutionalisierte Fürsorge kritisch betrachteten. Tillich schrieb:

"Es ist ein höheres Ziel, die Voraussetzungen des Almosengebens aufzuheben, als die Armut durch Almosen zu lindern."

1929 trat Tillich gar in die SPD ein. In seiner Schrift "Die sozialistische Entscheidung" griff er auch den Nationalsozialismus an. Das Buch stand 1933 auf der Liste für die Bücherverbrennungen.

Ein Suchender und Fragender

Paul Tillich blieb Zeit seines Lebens ein Suchender und Fragender. Das Christentum für die einzig wahre Religion zu halten - diese Einstellung war ihm fremd. Noch in hohem Alter suchte er den Dialog mit Vertretern anderer Religionen.

"Ich war in Japan, wo ich zehn Wochen mit Buddhisten debattiert habe. Man muss verstehen, dass in jeder aktuellen Religion Elemente von dem enthalten sind, was auch in jeder anderen aktuellen Religion vorkommt. Wenn man darum mit einem Buddhisten spricht, dann spricht man immer zugleich mit sich selbst."

Am 22. Oktober 1965 starb Paul Tillich in Chicago. In den USA ist er weit bekannter als hierzulande. Gewiss, weil er dort seit 1933 hauptsächlich lehrte und wirkte. Vielleicht aber auch, weil seine Einladung, die eigenen Sichtweisen zu hinterfragen, immer noch eine Herausforderung ist. Nicht nur für den deutschen Protestantismus, sondern für das Christentum insgesamt.

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