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StartseiteKalenderblattPremiere von Jacques Tatis "Mon oncle"09.05.2018

Vor 60 JahrenPremiere von Jacques Tatis "Mon oncle"

In den 1950er- und 1960er-Jahren schlug sich der französische Komiker und Regisseur Jacques Tati in seinen Filmen als scheinbar hilfloser Monsieur Hulot mit den Tücken des technischen Fortschritts herum. Heute vor 60 Jahren feierte der Film "Mon oncle" Premiere - für den er ein Jahr später den Oscar bekam.

Von Hartmut Goege

Filmstill aus Jacques Tatis Film "Mon Oncle" von 1958 (imago stock&people)
Jacques Tati nimmt in "Mon oncle" die Fortschrittsgläubigkeit aufs Korn (imago stock&people)
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Eine bunte Bande Straßenköter wühlt und schnüffelt sich durch sämtliche Abfalleimer eines malerischen Pariser Wohnviertels. Mit dabei ein Dackel im feinen Schottenrock. So beginnt Jacques Tatis skurrile Filmkomödie "Mon oncle", die am 9. Mai 1958 in Frankreich Premiere feierte. Die Kamera folgt den Hunden bis zu einer ultramodernen Villa, wo der kariert befrackte Vierbeiner nach seinem Tagesausflug von seinen Meute-Freunden verabschiedet wird. Hier endet, von beschaulichen Melodien begleitet, auch die Idylle einer alten, pittoresken Welt.

Empfangen wird der Dackel von der putzwütigen, mit einem Staubsauger bewaffneten und in einem hellgrünen Plastikmorgenmantel heranrauschenden Dame des Hauses, Madame Arpel, Gattin des Generaldirektors einer Schlauchfabrik. Das Ehepaar gönnt sich den Luxus eines ultramodernen, voll automatisierten Hauses, in dem klinische Sauberkeit und perfekte Ordnung herrschen.

 "Dies meine Damen ist mein Reich. Mein Paradies. Der Mixer … Die Spülmaschine … Die Waschmaschine …"

Die Einrichtung ist ebenso steril wie der Garten, in dem jedes Steinchen seinen genau zugewiesenen Platz besitzt. Ein wasserspeiender Blechfisch im Zentrum der Anlage wird nur bei "wichtigen" Besuchern angestellt.

Grotesk-überdrehte Widersprüche

Aus den genauen Beobachtungen des Alltags entwickelt Tati grotesk überdrehte Widersprüche. Gleichzeitig nimmt er liebevoll die Tücken der modernen Technik auf´s Korn, wenn etwa der schwanzwedelnde Dackel die Lichtschranke des Garagentors auslöst und damit sein Herrchen einsperrt oder eine Dame auf einer schicken, aber unbequemen Sitzgruppe das Gleichgewicht verliert.

Leidtragender der häuslichen Perfektion ist Gérard, der kleine Sohn der Familie. Er hat nur einen Verbündeten, seinen Onkel Monsieur Hulot, Jacques Tatis Alter Ego: ein großer, ungelenker Mann mit Pfeife und Schlapphut in einem hellen, viel zu kurzen Trenchcoat. Diesen komischen Kerl mit seinem seltsam wippenden Gang hatte Tati bereits in seinem Film "Die Ferien des Monsieur Hulot" selbst gespielt. Der berühmte französische Filmkritiker André Bazin beschrieb diese Figur so:

 "Er ist ein wandelndes Wollen und Zögern, sein Sein ist Diskretion. Aber natürlich ist diese Leichtigkeit, mit der Monsieur Hulot die Welt berührt, genau die Ursache aller Katastrophen. Die Unordnung, die er verursacht, ist die der Zärtlichkeit und der Freiheit."

Chaotische und schrullige Antithese

Hulot ist die Antithese zum peniblen Ehepaar Arpel: Chaotisch und schrullig lebt er als Junggeselle in der maroden Dachwohnung eines alten, verwinkelten Hauses mit morschen Mauern, geht keiner geregelten Arbeit nach und treibt sich mit Neffe Gérard auf der Straße herum, um Fußgängern Streiche zu spielen.

Ein Zustand der Unordnung, den die Arpels unbedingt beenden wollen. Deshalb erhält Hulot nicht nur eine Anstellung in der Fabrik seines Schwagers, sondern soll auf einer Gartenparty auch mit der Nachbarin verkuppelt werden. Beide Vorhaben enden zwangsläufig in Katastrophen. Statt Schläuche produziert Hulot wurstähnliche Plastikschlangen und sprengt die Gartenparty, weil er die Hundeleine irrtümlich am Ohrring der Nachbarin statt am Halsband des Dackels befestigt.

"Mon oncle"  folgt dem Stil des klassischen Stummfilms. Nicht umsonst waren Tatis Vorbilder vor allem amerikanische Komikerlegenden wie Buster Keaton. Mit Monsieur Hulot hat Jacques Tati einen eigenen klassischen Typ der Filmgeschichte erschaffen, dem es angesichts der Herausforderungen der modernen Welt schier die Sprache verschlagen hat. Dialoge werden durch subtile Beobachtungen ersetzt, Gags und Slapstick-Einlagen sind minutiös produziert. Der Ton und die farbliche Ausstattung unterstützen die Unterschiede zwischen den Lebenswirklichkeiten: Gefällige Musik und warme Farben untermalen nostalgische Altstadtszenen, während knallige Farben und seelenlose Technik-Geräusche den kalten Perfektionismus der Moderne begleiten.

Preisgekrönte Gesellschaftskritik

Mit diesem Film hat Tati vor allem die Fortschrittsgläubigkeit der Gesellschaft kritisiert und das Streben nach Perfektionismus als neuen Ausdruck kleinbürgerlicher Spießigkeit entlarvt. Dafür gewann "Mon oncle" 1959 den Oscar für den besten, nicht englischsprachigen Spielfilm.

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