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StartseiteMusikjournalBachwoche Ansbach begann mit einer Geldbuße31.07.2017

Vor 70 JahrenBachwoche Ansbach begann mit einer Geldbuße

Alle zwei Jahre findet die Bachwoche Ansbach statt. Der diesjährige Festivalauftakt fand auf Schloss Pommersfelden statt. Hier wurde die Bachwoche 1947 gegründet - und sie hat eine außergewöhnliche Entstehungsgeschichte.

Von Claus Fischer

Das 1746 von Elias Gottlob Haußmann gefertigte Gemälde von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist nach Aussage des Bachhauses Eisenach das einzige überlieferte Bildnis des Barockmusikers, für das der Meister persönlich Modell gesessen haben soll (picture alliance  /dpa / Bachhaus Eisenach)
Die Bachwoche Ansbach hat sich dem Barock-Komponisten Johann Sebastian Bachs verpflichtet. (picture alliance /dpa / Bachhaus Eisenach)
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"Ich bitte Sie, nicht zu fotografieren! Das Schloss ist privat."

Es ist eines der schönsten barocken Treppenhäuser Deutschlands. Überspannt von einem monumentalen Deckengemälde, das die damals bekannten vier Kontinente zeigt, erheben sich drei Galerien übereinander - geschmückt mit Putten und anderem Zierat. Noch heute ist Schloss Weissenstein in Pommersfelden im Besitz der Erbauerfamilie, der Grafen von Schönborn. 1947, im Zuge der Entnazifizierung, galt diese Familie als belastet. Oskar Embacher, damals Vorsitzender der "Gewerkschaft der geistig und kulturell Schaffenden in Bayern" belegte sie daher mit einer Strafe in Höhe von einer Million Reichsmark. Die Summe sollte aber nicht einfach so bezahlt werden.

"Eine Idee dieses Gewerkschafters war: Wenn ihr hier im Sommer eine international renommierte musikalische Festwoche veranstaltet, dann lassen wir das mal gerade sein", erzählt Andreas Bomba, heute Intendant der Ansbacher Bachwoche und betont, wie ungewöhnlich diese "Strafmaßnahme" anno 1947 war.

"Man muss ja auch dran denken: Wer soll da eigentlich zuhören? Und wo sollen die Musiker herkommen?"

Zusammenstellung des Orchesters für die erste Musikwoche

Schlossherr Karl Graf von Schönborn wandte sich an einen befreundeten Musiker, den damals besten deutschen Cellisten Ludwig Hoelscher. Der wiederum sprach den Dirigenten Ferdinand Leitner an, für die geplante Musikwoche ein Orchester zusammenzustellen. 

"Er hatte schon in Stuttgart einen Vertrag unterschrieben für 1947 und stieg dann nach dem Krieg auf zu einem der bedeutendsten Kapellmeister und Operndirektoren in Deutschland, wenn nicht gar europaweit. Ein Kapellmeister alten Schlags, sehr interessiert an Vielem, an der alten Musik, an der neuen Musik. Er hat "The Rake's Progress" von Strawinsky uraufgeführt, bzw. einstudiert für die Uraufführung – also ein ganz versierter Musiker."

Vierter im Bunde, erzählt Andreas Bomba war schließlich Carl Weymar, bis 1945 Konzertagent in der Reichsmusikkammer mit vielfältigen Kontakten.

"Carl Weymar - eine schillernde Figur – der sehr viel gemacht hat in seinem Leben, Antiquitätenhändler, er war studierter Landwirt. Er war Bratschist, damit ist er nicht so glücklich geworden in seinem Leben, aber er hat hier immerhin mitgespielt."

Carl Weymar war es auch, der die Idee hatte, die Musikwoche dem Komponisten Johann Sebastian Bach zu widmen. Denn Bach stand - anders als etwa Wagner - für die unbelastete deutsche Kultur.

"Das war ein Komponist, der gleichwohl dieses Ideal des Hörens als Religionsersatz, so wie das bei Wagner ja auch ist, im Grunde auch erfüllt hat."

Teilweis Neuauflage des ersten Prologs am selben Ort

Eines der ersten Kammerkonzerte der ersten Bachwoche 1947 fand im barocken Prunksaal des Pommersfeldener Schlosses statt. Beim Prolog zur diesjährigen Saison am vergangenen Donnerstag erlebte das vor 70 Jahren gespielte Programm eine teilweise Neuauflage - mit jungen Stipendiaten der Deutschen Stiftung Musikleben.

Der Bratscher und Impresario Carl Weymar galt bis vor kurzem als Begründer der Bachwoche, doch Andreas Bomba hat diesen Mythos durch seine intensiven Recherchen widerlegt. Aber Carl Weymar war auf jeden Fall schuld daran, dass das in Pommersfelden gegründete Festival bereits ein Jahr später ins mittelfränkische Ansbach umzog. Der Grund: Er hatte sich durch seine forsche Art mit den anderen Musikern und dem Grafen Schönborn überworfen. So nahm er das Angebot des damaligen Ansbacher Regierungspräsidenten gerne an - zumal die Stadt nicht nur ein repräsentatives Barockschloss mit Festsaal, sondern auch zwei große Kirchen für die Aufführung von Bachs Kantaten als Spielorte zu bieten hatte. 

Im Prunksaal der Ansbacher Markgrafenresidenz gedachte man den Festivalanfängen auf spezielle Weise: Der Cembalist Jörg Halubek spielte auf einem Instrument der Bamberger Firma Neupert, Modell "Bach", aus dem Jahr 1937, wie es in den ersten Festivaljahren verwendet wurde.

"Das ist schon sehr besonders! Und irgendwie sehr inspirierend! Und die Grenze zum Kitsch bei gewissen Registrierungen ist schnell überschritten."

Man hört, dass hier kein historisches Cembalo nachgebaut, sondern eher ein Konzertflügel, zurückgebaut wurde. Allerdings gibt es an diesem Neupert-Instrument auch etwas, das heutige Protagonisten der historischen Aufführungspraxis alter Musik interessiert: Es hat nämlich ein 16´-Register, also tief klingende Saiten, die man in heute üblichen Nachbauten historischer Cembali nicht findet. Bach muss, davon ist Jörg Halubek überzeugt, aber auf Instrumenten mit 16´-Registern gespielt haben.

"Der mitteldeutsche Cembalobau um Bach, der wird doch diesen 16´-Klang gehabt haben, diesen vollen und gravitätischen Klang."

Zweiter Schwerpunkt: Bachs Beziehung zur Reformation

Das 70-jährige Jubiläum war der eine Schwerpunkt am ersten Wochenende der Ansbacher Bachwoche, der zweite war Bachs Beziehung zur Reformation. In Mittelfranken, betont Intendant Andreas Bomba, hat neben Sachsen und dem norddeutschen Raum das Luthertum zuerst Fuß gefasst.

"1525 wurde erstmals in Ansbach in einem evangelischen neuartigen Gottesdienst auf Deutsch gepredigt. In Nürnberg sind sehr viele Drucke erschienen der Reformation. Und es gibt auch sehr viele Komponisten, die diese Choralmusik Luthers und seiner Mitstreiter komponiert haben in Motetten und sonstiger Form."

Musik von fränkischen Komponisten aus dem ersten Jahrhundert nach der Reformation, etwa von Adam Gumpelzhaimer oder Caspar Othmayr war in einem dramaturgisch und qualitativ hervorragenden Konzert mit Vokalsolisten und dem Windsbacher Knabenchor zu hören, der seit 1948 im Programm der Bachwoche vertreten ist. Wie sich Johann Sebastian Bach von Luthers Chorälen inspirieren ließ, demonstrierte der Dirigent und Leiter der Stuttgarter Bachakademie Hans Christoph Rademann mit seinem Ensemble Gaechinger Cantorey. Besonders eindrucksvoll klang der Nachbau einer Truhenorgel Gottfried Silbermanns im Verbund mit den Instrumenten des Orchesters in Bachs Reformationskantate "Gott der Herr ist Sonn´ und Schild".

Treues Publikum

Wohl kaum ein Klassikfestival in Deutschland hat ein so treues Publikum wie die Ansbacher Bachwoche. Elisabeth Fuchshuber-Weiß, Gymnasiallehrerin im Ruhestand, ist schon mehr als 30 Jahre dabei. Sie bezeichnet sich, wie viele andere Dauergäste, augenzwinkernd als "Bachwöchnerin".

"Ich hab hier angefangen als Abiturientin, ja, war Bachwochen-Helferin, das heißt, ich habe Plätze angewiesen und Karten verkauft. Und versuche seitdem an den Konzerten teilzunehmen."

"Das sind Leute, die geben ihre Plätze teilweise auch an die Generationen weiter," sagt Festivalmitarbeiter Christian Mall.

"Die bringen ihre Kinder mit und geben's dann wieder an die Enkel weiter und sofort – das macht die Bachwoche aus!"

Zu diesem Stammpublikum gehören eine Reihe von Mitgliedern des deutschen Geldadels, das ist übrigens auch bereits seit den Anfängen so. Intendant Andreas Bomba benötigt daher nur etwa zehn Prozent öffentliche Fördermittel, 90 Prozent des Etats einer Saison werden durch Kartenverkäufe und Spenden erwirtschaftet. Und das Produkt Bach – des ist sich sicher – wird auch für die nächsten 70 Jahre und darüber hinaus die Kirchen und Säle in Ansbach füllen.

"Ich finde: Sich hinsetzen und von guten Künstlern diese Bach'sche Musik zu hören – das bringt einen schon auf andere Gedanken!"

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