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Vor 70 Jahren "Fahrraddiebe" kommt in die Kinos

Der italienische Neorealismus gehört zu den einflussreichsten Regie-Bewegungen des Nachkriegskinos. Zu seinen bahnbrechenden Werken gehört Vittorio de Sicas Film „Fahrraddiebe“ - herausragend auch wegen seiner empathischen Haltung.

Von Katja Nicodemus | 24.11.2018

Filmszene aus dem Film "Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica.
Szene aus dem Film "Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica (Imago / Cola Images)
Man merkt den Bildern an, dass sie nach einer gesellschaftlichen Zäsur entstanden sind, nach einem historischen Bruch: In Vittorio de Sicas Film "Fahrraddiebe" sieht man ein schockierend ärmliches Rom.
In dokumentarisch anmutenden Aufnahmen zeigt die Kamera die proletarischen Viertel der italienischen Hauptstadt, karge Wohnungen, Menschen in abgetragener Kleidung, die Gesichter sorgenvoll. Am Stadtrand, wo de Sicas Hauptfigur Antonio Ricci mit seiner Familie lebt, gibt es keine Straßen. Eher sind es bucklige Wege aus festgetretener Erde. Als Antonio zum ersten Mal zu sehen ist, erhebt er sich aus dem Staub, klopft sich die Jacke ab und läuft erwartungsvoll zu dem Mann, der ihm gerade eine Arbeitsstelle als Plakatkleber angeboten hat. Die Bedingung: der Besitz eines Fahrrads.
Dokument der Nachkriegszeit
"Fahrraddiebe" entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Zusammenbruch des italienischen Faschismus. Die Zensur und das staatliche Produktionsmonopol waren zerschlagen. Die Filmstudios von Cinecittà waren zerbombt, was davon übrig war, diente als Flüchtlingsunterkunft. Wer drehen wollte, musste auf die Straße. Und so folgt die Kamera Antonio auf seinen Wegen durch Rom. Beim Plakatekleben wird ihm das mühsam beschaffte Fahrrad gestohlen. Als er abends verstört nach Hause kommt, begreift sein kleiner Sohn sofort den Ernst der Lage.
"Dov’è la bicicleta?"
Vittorio de Sica war ein erfolgreicher Schauspieler
Gemeinsam mit Roberto Rossellinis "Rom, offene Stadt", gilt "Fahrraddiebe", der am
24. November 1948 in Italien uraufgeführt wurde, als Gründungsfilm des italienischen Neorealismus. Das Drehbuch entwickelte Vittorio de Sica, der zu jener Zeit ein erfolgreicher Schauspieler war, gemeinsam mit Cesare Zavattini. Mit seinen Schriften wurde Zavattini zum einflussreichen Theoretiker und zum Verfechter der neorealistischen Idee.
"Meine fixe Idee ist es, den Film zu ‚entromantisieren‘. Ich möchte die Menschen lehren, das tägliche Leben, die vertrauten Ereignisse mit der gleichen Leidenschaft zu betrachten, mit der sie ein Buch lesen."
Das tägliche Leben ist in "Fahrraddiebe" zum Beispiel ein überfüllter Straßenmarkt für gebrauchte Fahrräder. Die Kamera folgt den Bewegungen der Schauspieler, nicht umgekehrt. In manchen Momenten muss sie die Figuren regelrecht einfangen.
Was "Fahrraddiebe" innerhalb der neorealistischen Strömung so besonders macht, ist
de Sicas warmherzige Anteilnahme am Schicksal seines Helden.
Hauptdarsteller arbeitete eigentlich als Mechaniker
Antonio ist auf sich allein gestellt. Als er einen Komplizen des Diebes in einer Kirche stellt, beschimpft man ihn als Ruhestörer. Hilfe findet er weder bei der Polizei, noch bei einer Wahrsagerin oder seinen Freunden von der kommunistischen Partei. De Sicas Hauptdarsteller Lamberto Maggiorani, eigentlich Mechaniker in einer Fabrik, verkörpert bewegend die zunehmende Verzweiflung seiner Figur. Im Film trägt der Laiendarsteller seine eigene Kleidung, genau wie Enzo Staiola, der seinen Sohn verkörpert. De Sica suchte eine gelebte Wirklichkeit, die sich seiner Fantasie anzupassen hatte.
"Die Körperlichkeit und der Ausdruck meiner Gestalten stehen für mich schon ganz am Anfang der Arbeit fest, beim Drehbuchschreiben. Die Figuren machen sich sozusagen selbstständig. Finde ich den Mann, die Frau oder den Jungen nicht, dann kann ich nicht anfangen zu drehen."
Marxistisch orientierte Kollegen bemängelten, dass Vittorio des Sica weit entfernt von der Realität seiner Darsteller lebte. Er drehte im edlen Anzug, mit Kamelhaarmantel, Hut und Seidenschal. Der mangelnde kommerzielle Erfolg seiner neorealistischen Filme war für ihn kein Problem, da er als Schauspieler weiter den lustigen Frauenhelden in albernen Gesellschaftskomödien spielte. Von heute aus gesehen mutet dieser Vorwurf ungerecht an – denn de Sica bewegte sich als Regisseur durchaus auf Augenhöhe seiner Figuren. Am Ende von "Fahrraddiebe" versucht Antonio selbst ein Fahrrad zu stehlen – und wird erwischt.
Als der kleine Bruno weinend zu seinem Vater läuft, bewegt sich die Kamera in der Höhe seines Gesichts. Es ist ein ergreifendes Bild. Ein Ausdruck künstlerischer Solidarität, der Jahrzehnte der Filmgeschichte überdauert hat.