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StartseiteKalenderblattStrichcode: einfaches Prinzip und geniale Erfindung20.10.2019

Vor 70 JahrenStrichcode: einfaches Prinzip und geniale Erfindung

Eine Ansammlung unregelmäßig breiter Streifen, aus denen sich Informationen zu Ware und Preis ablesen lassen: Das ist das ebenso einfache wie geniale Prinzip des Strichcodes. Erfunden haben ihn zwei US-amerikanische Studenten - und am 20. Oktober 1949 zum Patent angemeldet.

Von Irene Meichsner

Drei Etiketten mit Strichcodes. (picture alliance / Bildagentur online)
Die Grundidee des Strichcodes wurde in den 1940er Jahren am Strand von Miami geboren (picture alliance / Bildagentur online)
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"Ich weiß, es klingt, als sei die Geschichte erfunden. Ist sie aber nicht! Ich saß am Strand und stocherte mit den Fingern im Sand herum. Ich weiß auch nicht warum, aber plötzlich zog ich die Hand zu mir hin, und dadurch entstanden vier Linien im Sand. ‚Menschenskind!’, dachte ich: ‚Diese Linien könnten ja auch schmaler oder breiter sein‘. Sekunden später holte ich aus und zog mit den Fingern einen vollständigen Kreis."

Einfaches Prinzip, geniale Idee

Norman Joseph Woodland, 1921 in Atlantic City geboren, war 26 Jahre alt, als er ihn zum ersten Mal vor seinem geistigen Auge sah: den Strichcode mit seinen unterschiedlich breiten schwarzen und weißen Streifen, anhand derer sich heute nahezu sämtliche Waren zum Beispiel in einem Supermarkt eindeutig identifizieren lassen. Martin Wölker, Professor für Logistik an der Hochschule Kaiserslautern:

"Ist relativ einfach. Man hat Striche. Die Striche sind in einer bestimmten Systematik angeordnet. Ein Lichtstrahl wird ausgesendet, typischerweise ein Laserstrahl, der sehr schön fokussiert ist. Es gibt eine Reflektion. Die Reflektion wird gemessen. Und klar: Auf den schwarzen Flächen habe ich eine andere Reflektion als auf den weißen Flächen. Und aus diesen Reflektionen können Informationen rekonstruiert werden."

Ein einfaches Prinzip also, aber gerade deshalb auch eine geniale Erfindung, die letztlich nur einem Zufall zu verdanken war. Woodlands Freund Bernard Silver, mit dem er am Drexel Institute of Technology in Philadelphia studierte, hatte ein Gespräch zwischen dem Dekan der Hochschule und Sam Friedland, dem Chef der größten regionalen Supermarktkette, mit angehört. Friedland hatte den Professor dazu animieren wollen, ein System zur automatischen Warenerfassung zu entwickeln. Der Professor hatte abgewunken. Er war sich für eine solche Auftragsforschung entweder zu schade oder interessierte sich für das Thema nicht. Aber Woodland, dem Silver die Geschichte erzählte, horchte auf. Sein erster Gedanke:

"Das Hauptproblem wird die Ausrichtung sein. Egal welche Markierung man auf einer Ware anbringt, die Richtung muss stimmen, wenn der Käufer oder die Kassiererin den Gegenstand unter ein Lesegerät hält."

Balkenmuster am Strand von Miami

Erste Versuche mit Etiketten aus fluoreszierender Tinte, die mit Hilfe von UV-Licht ausgelesen werden sollten, verliefen unbefriedigend. Woodland ließ nicht locker. Um in Ruhe nachdenken zu können, zog er zu seinem Großvater nach Miami Beach. Er war als Kind bei den Pfadfindern gewesen und hatte dort das Morsealphabet gelernt. Das fiel ihm wieder ein, als er am Strand herumlungerte.

"Ich hab die Punkte und Striche, die ich vom Morsecode kannte, einfach nach unten verlängert, so dass daraus enger und weiter auseinanderliegende Balken entstanden. Das war’s!"

Am 20. Oktober 1949 meldeten Woodland und Silver ein Patent auf ihre Erfindung an. Das Balkenmuster war anfangs noch kreisförmig angeordnet, um die Etiketten auf den Waren von allen Seiten auslesen zu können. Das erste Lesegerät, das die Freunde in Woodlands Wohnzimmer bastelten, bestand im Wesentlichen aus einer 500-Watt-Birne als Lichtquelle und einer Elektronenröhre, die das Licht, das von den schwarzen und weißen Streifen entweder absorbiert oder reflektiert wurde, detektieren konnte. Leider fanden sich keine Kunden für den klobigen Apparat, und so verkauften Woodland und Silver ihr Patent schweren Herzens an die Elektronikfirma "Philco", die es später an die RCA, die "Radio Corporation of America" weiter veräußerte. Silver kam 1963 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Woodland arbeitete inzwischen als Entwicklungsingenieur bei IBM, wo er weiter für seinen Strichcode warb. Lange Zeit vergeblich.

Lebensmittelhandel wollte den Strichcodescanner

Die weitere Entwicklung wurde vom Lebensmittelhandel diktiert, der angesichts schrumpfender Gewinnmargen auf ein automatisches Warenerfassungssystem drängte. Mehrere Anbieter wetteiferten um das beste System. 1973 einigte sich ein Exekutivkomitee der größten amerikanischen Lebensmittelhändler auf den Vorschlag - von IBM. Es war ein Strichcode, der stark demjenigen ähnelte, den Woodland und Silver sich seinerzeit hatten patentieren lassen, nur dass die Balken jetzt nicht mehr kreisförmig, sondern vertikal angeordnet waren. Dank der Erfindung des Lasers gab es inzwischen auch geeignete Lesegeräte. Am 26. Juni 1974 war es so weit: In einem Supermarkt im US-Bundesstaat Ohio wurde zum ersten Mal eine Ware von einem modernen Strichcodescanner erfasst - ein Zehnerpack Fruchtkaugummi zum Preis von 67 Cent.

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