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StartseiteKalenderblattVilla Hammerschmidt zum Bonner Amtssitz des Bundespräsidenten erklärt05.04.2020

Vor 70 JahrenVilla Hammerschmidt zum Bonner Amtssitz des Bundespräsidenten erklärt

Heute vor 70 Jahren wurde die hochherrschaftliche Villa Hammerschmidt in Bonn zum Sitz des deutschen Staatsoberhaupts. Ob den einzelnen Bundespräsidenten der Stil der Villa am Rhein nun zusagte oder nicht, jeder von ihnen hat dort seine persönlichen Spuren hinterlassen.

Von Jochen Stöckmann

Die Villa Hammerschmidt in Bonn unter Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Deutschland 1980er-Jahre (dpa / United Archives)
Die Villa Hammerschmidt in Bonn unter Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Deutschland 1980er-Jahre (dpa / United Archives)
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Die "Bonner Republik" nahm ihren Anfang in Bad Godesberg: Auf der dortigen Viktorshöhe, in einem Eisenbahner-Erholungsheim, fand der erste Bundespräsident Theodor Heuss 1949 seinen improvisierten Amtssitz – und den mochte er nicht aufgeben. Zwar hatte die Bundesregierung am 5. April 1950 eine repräsentative Villa in Bonn erworben, aber Heuss scheute den Abstieg ins Rheintal. Das berichtete der FDP-Politiker Erich Mende:

"Schließlich aber musste er umziehen und sagte dann etwas resigniert: Nun, ich bin zwar dem lieben Gott etwas ferner als auf Viktorshöhe – dafür dem Konrad Adenauer etwas näher."

Adenauer, der Bundeskanzler, residierte im Palais Schaumburg, gleich neben der Villa Hammerschmidt. Beide spätklassizistischen, schneeweißen Bürgerhäuser mit Blick auf den Rhein stammten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts – was den Kunsthistoriker Heinrich Klotz in einer Geschichte der "Politischen Architektur" zu seiner Bemerkung über die "Bonner Staatsarchitektur" veranlasste:

"Villa Hammerschmidt und das Palais Schaumburg - die beiden Parkvillen am Rhein, Haus des Bundespräsidenten und Haus des Kanzlers, gaben dem deutschen Provisorium ein Flair von Tradition, die es nicht hatte." (Zitat)

Russische Anklänge begeistern Gorbatschow

Vorgetäuschte Tradition hatte schon Heuss gewittert. Als ehemaliger Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes der Moderne verpflichtet, ließ er nicht nur aufgesetzten Stuck und Marmor aus der "Zuckerbäcker"-Fassade entfernen:

"Wie ich in die Villa Hammerschmidt herunterging, da habe ich mir gesagt, die Türmle müssen weg! Und sie sind halt gefallen, weil ich mich nicht auf der Krim, sondern eher am Rhein beheimatet vorkommen wollte."

Mit dem Abriss von zwei Zier-Türmchen waren die russischen Anklänge nicht vollends getilgt – glücklicherweise. Denn als im Sommer 1989 Michail Gorbatschow nach Bonn kam, nahm ihn dieser Geist des Ortes ein. In der Villa Hammerschmidt residierte als Bundespräsident Richard von Weizsäcker, er schreibt in seinen "Erinnerungen":

"An diesem warmen Junimittag tat die anziehende, ganz und gar nicht protzige Villa Hammerschmidt vollends ihren menschlich-politischen Dienst. […] Albrecht Troost, ein rheinischer Unternehmer, hatte sie gebaut. Der nächste Besitzer, Leopold Koenig, war in Petersburg geboren und als Kaufmann in Russland mit Zucker reich geworden. Auch der heutige Namensgeber der Villa, Rudolf Hammerschmidt, war Kaufmann in Russland gewesen." (Zitat)

Nach Bauherren und Besitzern haben die jeweiligen Bundespräsidenten der Villa Hammerschmidt ihre persönlichen Spuren eingeschrieben. Das stellte Joachim Gauck fest, als er – 2012 gewählter Präsident der "Berliner Republik" – seinen zweiten Amtssitz in Bonn in Augenschein nahm:

"Es ist natürlich immer verbunden auch mit den Bewohnern: Das sind Menschen, die mit ihrem Stil und ihrer Bildung das Land geprägt haben – und das bildet sich auch ein bisschen ab in so einem schönen Haus."

Rahmen für Gesprächsrunden mit Künstlern schaffen

Unter Gustav Heinemann, dem "Bürgerpräsidenten", wurde die Inneneinrichtung Anfang der 1970er-Jahre erneuert, Walter Scheel ließ Erde vor dem Haupteingang anschütten, um der Eingangstreppe ihren herrschaftlichen Charakter zu nehmen. Richard von Weizsäcker sorgte für Interieurs in hellen Pastelltönen. Das sollte einen einladenden Rahmen schaffen für Gesprächsrunden mit Künstlern und Intellektuellen, für Bürgerempfänge und nicht zuletzt für Staatsbesuche – bei denen die Ausstattung mit Kunstwerken zur Geltung kam:

"In der Villa Hammerschmidt herrschten deutsche Impressionisten und die klassische Moderne vor. Schräg hinter dem Platz für den jeweiligen Hauptgast im Empfangszimmer hing ein köstliches großes Gemälde, das eine leichtbekleidete Mandolinenspielerin von Kirchner darstellte. Auf diese Weise fanden sich die britische Königin und Gorbatschow, Mandela und Papst Johannes Paul II. in Pressebildern mit der extravaganten Musikantin als Hintergrund wieder." (Zitat)

Andere Bundespräsidenten hielten sich zurück – und bewahrten dadurch den Charakter der Villa Hammerschmidt.

"Die Bauverwaltungen haben ja immer die Idee, dass gebaut werden muss. Und damals bestand die Vorstellung, dass ein großer Speisesaal gebaut werden sollte, in dem fünfzig oder achtzig Menschen essen konnten. Damit hätte man die Architektur zerstört. Ich habe das abgelehnt."

Das war Karl Carstens, der als Bundespräsident bekannt wurde, weil er die Villa Hammerschmidt regelmäßig verließ – für ausgedehnte Wandertouren unter großer Beteiligung der Bevölkerung.

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