Archiv

Vor 700 Jahren geborenDer römisch-deutsche Kaiser Karl IV.

Der mittelalterliche Herrscher Karl IV. lässt sich keiner Nation zuordnen. Der böhmische König stieg auf zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und holte Prag von der Peripherie ins Zentrum. In Tschechien trägt er bis heute den Beinamen "Vater des Vaterlandes". Heute vor 700 Jahren wurde Karl IV. in Prag geboren.

Von Annette Kraus | 14.05.2016

Eine Statue von Kaiser Karl IV., nach einem Entwurf des Dresdner Bildhauers Ernst Hähnel, erinnert nahe der Karlsbrücke in Prag (Tschechien) an den römisch-deutschen Kaiser und König von Böhmen. Deutschland und Tschechien feiern 2016 das 700. Geburtsjahr Karls IV.
Eine Statue von Kaiser Karl IV. in Prag. (picture alliance / dpa / Michael Heitmann)
Im Jahr 1355 war Karl IV. auf dem Höhepunkt seiner Macht: In Rom wurde der böhmische König zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt.
"Unbändige Freude und unaussprechlicher Jubel erfüllten damals das gesamte böhmische Volk, das seinen König auf dem hohen Throne und mit der Kaiserkrone sah."
So beschrieb der zeitgenössische Prager Chronist Benesch von Weitmühl die Reaktionen auf die Kaiserkrönung. Lenka Bobková, Historikerin an der Prager Karlsuniversität: "Jeder Historiker sucht in der Geschichte Antworten auf die Fragen seiner Epoche. Das zeigt sich später in der Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Tschechen. Karl IV. ist in jedem Fall die große Persönlichkeit für die neuzeitliche tschechische Nation."
Erziehung am französischen Königshof
Da waren zunächst einmal seine böhmischen Wurzeln: Karls Vater Johann war durch die Hochzeit mit Elisabeth aus der Familie der Přemysliden auf den böhmischen Königsthron gelangt. Bei den Untertanen galt der Herrscher aus dem Hause Luxemburg allerdings als "König Fremdling". Karl jedoch wurde am 14. Mai 1316 in Prag geboren und verbrachte hier die ersten Jahre seiner Kindheit. Fünf Sprachen lernte er, darunter auch Tschechisch, das er einmal als "liebliches Idiom" bezeichnete. Eine außergewöhnlich umfassende Erziehung genoss er am französischen Königshof. Einer seiner Lehrer dort war der spätere Papst Clemens VI., der Karls Karriere maßgeblich unterstützte. Als junger Mann kehrte Karl schließlich nach Böhmen zurück:
"Das Prager Schloss aber war so verlassen, eingestürzt und heruntergekommen, dass es seit den Zeiten König Ottokars ganz bis zum Boden verfallen war. Hier trugen wir Sorge, von neuem einen weiten und schönen Palast mit großen Kosten aufzubauen, so wie er heutigentags dem Besucher erscheint."
Prag blüht auf
Mit diesen Worten beschreibt Karl die Rückkehr nach Böhmen. In seiner Autobiografie "Vita Caroli", in der er sich als weisen und tiefgläubigen Herrscher vor Gottes Gnaden inszeniert, schildert er den hart erkämpften Weg an die Spitze des Heiligen Römischen Reiches, gegen die Konkurrenz der Wittelsbacher und Habsburger. Ein Aufstieg, von dem vor allem auch Prag profitierte: "Zum ersten Mal in der Geschichte wurde die Stadt nicht nur das Zentrum des böhmischen Königreichs, sondern des gesamten Reiches. Denn der königliche Hof und die kaiserliche Kanzlei waren nicht getrennt voneinander. Die Tatsache, dass Karl mit seinem Hof nach Prag zog, führte zu einer Blütezeit der Gesellschaft."
Gelehrte und Studenten strömten nach Prag, als Karl 1348 per Dekret die Universitas Carolina gründete. Der Herrscher erhob die Stadt zum Erzbistum und legte den Grundstein für eine monumentale Steinbrücke über die Moldau – als "Karlsbrücke" wurde sie zum Wahrzeichen. Daneben kamen Handwerker, Bildhauer und Maler aus ganz Europa. Sie errichteten einen neuen Stadtteil, bauten Kirchen und Klöster.
Nur halbherzig gegen die Judenprogrome
"Seine Förderung einzelner Künstler, wie des Baumeisters Peter Parler, des Malers Theoderich und mancher uns Unbekannter, macht seine Regierungszeit zur kunstgeschichtlichen Epoche", urteilte der Historiker Ferdinand Seibt. Doch zugleich sah sich Karl IV. konfrontiert mit den großen Krisen seiner Zeit. Das Reich war zersplittert in viele Territorien und Herrschaftsinteressen. Mit der "Goldenen Bulle" versuchte der Herrscher, dem brüchigen Konstrukt eine verfassungsmäßige Struktur zu geben. Zudem wütete Mitte des 14. Jahrhunderts die Pest in Europa und raffte ein Drittel der Bevölkerung hinweg. Den schweren Ausschreitungen gegen Juden, die darauf folgten, trat Karl nur halbherzig entgegen. Das Nürnberger Pogrom im Jahr 1349, dem 600 Menschen zum Opfer fielen, machte er durch ein Dekret sogar erst möglich.
Insgesamt war die Sicht auf Karl IV. und seine 32-jährige Regierungszeit lange geprägt von Differenzen aus nationalen Blickwinkeln. Als "Pfaffenkaiser" und "Erzstiefvater" des Reiches wurde er auf deutscher Seite bezeichnet, Historiker kreideten ihm sein Engagement für Böhmen an. Auf der anderen Seite entwickelte er sich zur unangefochtenen Symbolfigur der tschechischen Nationalbewegung. Bis heute trägt er in Tschechien den Beinamen "Vater des Vaterlandes".