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StartseiteKalenderblattAls US-General MacArthur Kaiser Hirohito traf27.09.2020

Vor 75 Jahren Als US-General MacArthur Kaiser Hirohito traf

Auf Bitten von Kaiser Hirohito kam es im September 1945 zu einem Treffen mit General Douglas MacArthur, dem Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen in Japan. Es war der Beginn einer eigentümlichen bilateralen Beziehung. In den Augen vieler Japaner verlor der Tenno daraufhin seine göttliche Autorität.

Von Barbara Geschwinde

Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt  den  amerikanische Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, General Douglas McArthur, im September 1945 in seinem Hauptquartier in Tokio mit Kaiser Hirohito (r). An Bord des in der Bucht von Tokio ankernden US-Schlachtschiffs "Missouri" endete am 2. September 1945 mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch Japan. (dpa/picture-alliance)
Bei dem Treffen zwischen US-General MacArthur und Kaiser Hirohito soll dieser gebeten haben, sein Volk zu schonen. (dpa/picture-alliance)
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"Die atomaren Angriffe spielen sicherlich in unseren Gefühlen gegenüber den Yankees eine Rolle. Aber entscheidend für unsere Einstellung sind sie nicht. Viel ärger hat uns in unserem Stolz getroffen, dass General MacArthur sich mit unserem Kaiser ohne Krawatte und mit beiden Händen bis zu den Ellenbogen in den Hosentaschen photographieren ließ. Dies war für uns alle eine tödliche Beleidigung, die wir nie vergessen können."

So empörte sich ein Japaner gegenüber seinem seit Jahren in Japan ansässigen deutschen Freund. Hans Kroll, der von 1955 bis 1958 als deutscher Botschafter in Tokio residierte, hat diesen Gesprächsausschnitt in seinen Tagebüchern festgehalten. 

Bereits im Frühjahr 1945 lagen Japans Städte in Schutt und Asche. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki Anfang August machten die Kapitulation unvermeidlich. Am 15. August 1945 forderte der Kaiser sein Volk in einer Radioansprache dazu auf, "das Unerträgliche zu ertragen." Der Zweite Weltkrieg war nun auch in Japan zu Ende.

6. August 1945 - Als eine Atombombe Hiroshima zerstörteSchwarzweißfotografie eines großen Atompilzes. (imago/United Archives) (imago/United Archives) 
Vor 70 Jahren haben die USA die erste Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen. Mehr als 140.000 Menschen wurden sofort getötet. Am Jahrestag finden zahlreiche Veranstaltungen statt, unter anderem die Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen in Hiroshima.

Der Hände-in-den-Hosentaschen-Skandal

Mitte September 1945 erreichte General MacArthur die Bitte aus dem kaiserlichen Palast, einem Treffen mit Hirohito zuzustimmen. Der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen empfing den Kaiser und machte ihn zu seinem Verbündeten. Vom ersten Treffen zwischen General MacArthur und dem Tenno am 27. September 1945 existiert ein Foto, das beide signiert haben. Es zeigt sie in der US-amerikanischen Botschaft in Tokio. Kaiser Hirohito steht mit zusammengeschlagenen Hacken neben MacArthur. Seinen Zylinder hat er vor der Aufnahme abgenommen. Das Foto wurde am darauffolgenden Tag in den japanischen Zeitungen veröffentlicht. Sven Saaler, Professor für moderne japanische Geschichte an der Sophia Universität in Tokio.

"Einige aus der Elite fanden das Foto zwar erniedrigend, aber für den Großteil der Bevölkerung war hier die Message enthalten, dass General MacArthur nun das Sagen hat und der Tenno nicht mehr der göttliche Oberbefehlshaber ist, der er kurz zuvor noch war." 

Das Kaisertum als Institution blieb bestehen, erfuhr allerdings bedeutende Veränderungen: der Tenno verlor seine göttliche Autorität und wurde zum reinen Symbol des Staates. Bei dem Treffen mit MacArthur soll der Kaiser die volle Verantwortung für alle politischen und militärischen Entscheidungen übernommen und darum gebeten haben, ihn nicht zu schonen, aber sein Volk zu retten. 

"Verlässliche Quellen und offizielle Quellen gibt es keine, aber man kann davon ausgehen, dass es natürlich um die Zukunft Japans ging, um die Zukunft der amerikanisch-japanischen Beziehungen und um die Ausgestaltung der kommenden Besatzung sowie um die Frage, wie weit der Kaiser selbst zur Kooperation bereit ist."

Kaiser-Dynastie bleibt unangetastet 

In der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli 1945 hatten die USA einen Fortbestand der japanischen Dynastie garantiert. Dennoch wäre es leicht gewesen, den Kaiser als Kriegsverbrecher anzuklagen und hinzurichten, da er der oberste militärische Befehlshaber Japans war. Alle Dokumente und Befehle trugen seinen Stempel. 

Die drei Hauptziele der Besatzung waren Demilitarisierung, Demokratisierung und Dezentralisierung, was sich vor allem auf die Wirtschaft und die Zerschlagung der großen Industriekonglomerate bezog. Japan erhielt eine neue Verfassung, die von MacArthur und den Besatzungsbehörden stark beeinflusst, letztlich aber von Japanern ausgearbeitet und im japanischen Parlament verabschiedet wurde. 

Warum die USA Japans Kommunisten guthießen

Und, so Sven Saaler, "gesellschaftlich hat die Besatzung auch sehr weitreichende Reformen initiiert. Dabei ist es relativ überraschend, dass, obwohl die USA damals schon sehr wohl den Konflikt mit der Sowjetunion heraufziehen sahen, ganz klar die Besatzungsbehörden sagten, wir brauchen in Japan einen Schwenk nach links. Deshalb hat sich dann in Japan direkt nach dem Kriegsende auch eine relativ starke sozialistische Partei und sogar eine kommunistische Partei formiert." 

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Die Bevölkerung war erleichtert über das Kriegsende. Vor allem für Frauen gab es positive Veränderungen: die Gleichberechtigung wurde in der Verfassung und in den Gesetzen festgeschrieben und das allgemeine Wahlrecht erstmals auch auf sie ausgeweitet. Und auch, wenn es immer wieder Diskussionen von konservativen Kräften um Artikel 9 gibt, der kriegerische Aktivitäten verbietet, ist die Akzeptanz für die seit 1947 gültige Verfassung in der japanischen Bevölkerung bis heute sehr hoch.

Dossier: Atomwaffen (picture-alliance/dpa/Fotoreport) (picture-alliance/dpa/Fotoreport)
 

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