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StartseiteKalenderblattGründer des argentinischen Großstadtromans26.07.2017

Vor 75 Jahren gestorbenGründer des argentinischen Großstadtromans

Das Werk von Roberto Arlt ist keine Erbauungsliteratur. Es sollte "wuchtig wie ein Kinnhaken" sein - so schrieb er einmal - und hat deshalb viele Zeitgenossen vor den Kopf gestoßen. Arlt machte als einer der ersten den Lunfardo literaturfähig, die Gauner- und Gassensprache von Buenos Aires.

Von Peter B. Schumann  

Häusermeer von Buenos Aires aus der Luft gesehen (imago/imagebroker)
Roberto Arlt wurde 1900 in Buenos Aires geboren und fand im Schreiben seine Bestimmung. (imago/imagebroker)
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Armutsschicksal Das böse Spielzeug

"Es ist, als würde er die Wörter wie eine wilde Meute loslassen und zusehen, was passiert. So wie sich auf den Straßen der Stadt die Sprachen der Immigranten kreuzten, überlagerten und mischten.", bemerkte seine deutsche Übersetzerin Elke Wehr. In Arlts Kopf spukten mehrere Sprachen: das Deutsch seines österreichischen Vaters und das Italienisch seiner Mutter. Die Eltern suchten Ende des 19. Jahrhunderts ihr Glück in Argentinien, doch den ärmlichen Verhältnissen, denen sie entfliehen wollten, blieben sie auch hier verhaftet.

Roberto Arlt, der 1900 in Buenos Aires geboren wurde, suchte schon früh seinen eigenen Weg. Er verließ die Familie und brach die Schule ab. Als 20-jähriger Autodidakt fand er im Schreiben seine Bestimmung. Viel Zeit blieb ihm dafür nicht, denn er starb bereits zwei Jahrzehnte später am 26. Juli 1942 an einem Herzinfarkt. "In diesen Jahren schrieb er mehrere Romane, sieben Theaterstücke, 1.800 Zeitungskolumnen und zahllose Erzählungen, versuchte, einen neuen Damenstrumpf zu erfinden, heiratete zweimal, hatte zwei Söhne, reiste als Korrespondent viel umher und schrieb unaufhörlich.",

so fasste die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Saítta seine Lebensleistung zusammen. Roberto Arlt war ein Getriebener, ständig geplagt von Geldnöten und mangelnder Anerkennung. Er war zu Lebzeiten weniger für seine Romane oder Theaterstücke bekannt als für seine Aguafuertes Porteños, seine gesellschaftskritischen Kolumnen über das Alltagsleben in Buenos Aires. 

Viele von Arlts Figuren leiden an Persönlichkeitsspaltung

Die Kulturwissenschaftlerin Beatriz Sarlo schätzt sie sehr. "Das war eine höchst eindrucksvolle journalistische Prosa, und zugleich das Rohmaterial, aus dem er seine Romane schuf. Sie entstand meist auf den Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln. So er-fuhr er die Stadt und lernte auf diese demokratische Weise ihre einfachen Menschen sowie deren Schwierigkeiten kennen und ließ sich nicht vom äußeren Erscheinungsbild, der modernen Stadt-Architektur blenden."

Roberto Arlt hat als einer der ersten argentinischen Schriftsteller die krisengeschüttelte Großstadt nach dem Ersten Weltkrieg sowie ihre sozialen Spannungen und den kriminellen Untergrund zum zentralen Thema des gesamten Werkes gemacht. In seinem Roman-Debüt "Das böse Spielzeug" von 1926 schildert er das Erwachsenwerden des 14-jährigen Silvio. Doch bei ihm entartet die "éducation sentimentale" zu einer "éducation criminale". Er bildet eine Bruderschaft von Dieben: Das Gaunertum wird zu einer extremen Variante der Kindheit. Wie dieser Silvio leiden viele von Arlts Figuren an Persönlichkeitsspaltung.

Beatriz Sarlo: "Sie bestehen aus zwei völlig widerstrebenden Elementen, die nicht kompatibel sind … Ihre Psyche ist defekt, sodass sie von den Extremen hin- und hergerissen werden, die sich nicht versöhnen lassen. Es gibt für sie keine Alternative zu dem Desaster, auf das sie zusteuern."

Innovative Erzähltechnik

Wie die "sieben Irren" in Roberto Arlts bekanntestem Roman von 1929. Der Protagonist Erdosain schließt sich aus Geldnot dem Geheimbund des sogenannten Astrologen an. Dieser will die soziale Ordnung durch eine brutale Revolution stürzen und sein Projekt mithilfe einer Kette von Bordellen finanzieren.

Wie in Dostojewskis Dämonen prallen auch in Arlts Romanen unterschiedliche Wertesysteme aufeinander. Und ähnlich wie Döblin in Berlin Alexanderplatz, der im selben Jahr erschien, entwickelte er eine expressive Sprache und innovative Erzähltechnik für die Großstadtliteratur. Damit wurde er zum Vorbild für andere lateinamerikanische Schriftsteller.

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