Donnerstag, 09. Dezember 2021

Vor 75 JahrenNürnberger Prozess gegen Hauptkriegsverbrecher endete mit Urteilsverkündung

Wie gehen die Siegermächte mit den NS-Kriegsverbrechen um? Das war eine der großen Fragen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihr Militärtribunal in Nürnberg war juristisches Neuland. Am 1. Oktober 1946 endete der Prozess gegen die 21 Hauptangeklagten mit der Urteilsverkündung.

Von Winfried Sträter | 01.10.2021

Blick auf die Richterbank im Nürnberger Justizpalast während der Verlesung der Urteilsbegründung, v.l.n.r.: Wolchkow, Nikitschenko (UdSSR), Birkett, Lawrence (GB) und Biddle (USA)
Die Urteilsverkündung im Nürnberger Prozess am 1. Oktober 1946 (picture-alliance / akg-images)
Hermann Göring: "Ich bekenne mich im Sinne der Anklage nicht schuldig."
"Man mag sich beim Anblick dieser armseligen Gestalten, wie sie hier als Gefangene vor uns sind, kaum vorstellen, mit welcher Macht sie als Nazi-Führer einst einen großen Teil der Welt beherrscht und fast die ganze Welt in Schrecken gehalten haben."
Mit diesen Worten hatte der amerikanische Chefankläger Robert Jackson am 20. November 1945 das Internationale Militärtribunal gegen die Hauptkriegsverbrecher im Nürnberger Justizpalast eröffnet. Erstmals mussten sich Vertreter eines Regimes für dessen Verbrechen und den Krieg, den sie angezettelt hatten, verantworten. Göring, Heß, Ribbentrop, Streicher, Kaltenbrunner, Sauckel ... - keiner der 21 angeklagten Männer zeigte Einsicht in die eigene Schuld.
Nürnberger Prozess: Blick auf die Angeklagten während des Prozesses gegen die Kriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärtribunal IMT, bei dem 22 Anführer von Nazi-Deutschland vor Gericht standen. 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946
Beginn der Nürnberger Prozesse 1945 - Kriegsverbrecher vor Gericht
Die Nürnberger Prozesse gelten als Meilenstein in der Geschichte des Völkerstrafrechts: Es war der erste Versuch, die Mächtigen einer Diktatur persönlich zur Rechenschaft zu ziehen – mit gemischtem Erfolg.

Verurteilte erschießen oder erhängen?

Der Prozess war 1945 mit großem Elan gestartet, dann aber folgte ein ermüdender Verhandlungsmarathon von 216 Tagen. Ende August 1946 zogen sich die Richter der vier Alliierten USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich zur Urteilsberatung zurück. Fast zwei Monate benötigten sie, um sich auf die Urteile zu einigen. Nach mitunter bizarren Diskussionen. Todesurteile sollte es auf jeden Fall geben – aber wie? Erschießen oder erhängen? Darüber entbrannte ein Streit, bis die Richter sich auf Erhängen einigten.
"In allem ist zu spüren, dass jetzt der Moment eingetreten ist, auf den Millionen freiheitsliebender Menschen der ganzen Welt sehnsüchtig gewartet haben. Hier sitzen die Schuldigen. Die Schuldigen an der Zerstörung und Verwüstung fast eines ganzen Erdteils."
So Markus Wolf, der spätere Chef der DDR-Auslandsspionage: Er ist am 30. September und
1. Oktober 1946, den Tagen der Urteilsverkündung, Rundfunk-Berichterstatter in Nürnberg.
Die Pressetribüne ist voll besetzt, die Spannung ist groß.
"Was mag in diesen Männern vorgehen? Nach den Tagen eines trunkenen Glanzes zwischen ewig monumentalen Kulissen der Sturz vor den irdischen Richter. Göring, noch immer ein wenig die Pose liebend, die uns etwas anderes zu sein scheint als Haltung."

Keine pauschalen Schuldsprüche

Die Richter nehmen das Verfahren ernst. Sie sprechen nicht pauschal alle Angeklagten schuldig. Drei werden sogar freigesprochen.
"Alle Teilnehmer haben ihre Plätze eingenommen. … Nachdenklich sitzen die gestürzten Götzen da, Männer, die irregeführten Massen vorgaukelten, sich selbst vergottend, Geschichte machen zu können."
Hermann Göring, der starke Mann hinter Hitler, wird bei der Urteilsverkündung als erster aufgerufen: "Diese Schuld ist einmalig in ihrer Ungeheuerlichkeit. Der Gerichtshof spricht den Angeklagten Göring nach allen vier Punkten der Anklageschrift schuldig."
Das Urteil: "Death by hanging" - Tod durch den Strang. Insgesamt werden zwölf Angeklagte zum Tode verurteilt, sieben zu langjährigen Haftstrafen. Die Todesurteile werden am 16. Oktober 1946 vollstreckt. Göring gelingt es allerdings, sich vorher das Leben zu nehmen.
Männer in Anzügen sitzen auf einer Anklagebank ein einem Gerichtssaal.
Urteile im Nürnberger Prozess 1946 - Neues Rechtsdenken in der Welt
Das Verfahren war ein Novum der Weltgeschichte: 1945/46 mussten sich Hauptschuldige nationalsozialistischer Kriegsverbrechen vor Gericht verantworten. Doch nach dem spektakulärem Auftakt zeigte sich: Die Rechtsfindung war schwierig.
"Nürnberg ist eben nicht das Ende, sondern der Anfang des neuen Rechtsdenkens in der Welt. Es muss sich in den Regierungen und in den Völkern erst neu verwurzeln, es muss wachsen und sich in die Tiefe und in die Breite entwickeln."
So kommentiert ein Schweizer Korrespondent die Urteilsverkündung. Es sollte mehr als ein halbes Jahrhundert dauern, bis der Gedanke von Nürnberg, Verantwortlichen für staatliche Verbrechen den Prozess zu machen, wieder aufgegriffen wurde: mit dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der 2002 seine Arbeit aufnahm. Bisher sind allerdings nur etwa 60 Prozent aller Staaten dem Gerichtshof beigetreten. Die USA gehören nicht dazu.