Donnerstag, 09. Dezember 2021

Vor 90 Jahren eröffnetSchneefernerhaus auf Zugspitze - ein Hotel auf höchstem Niveau

Kaum war die Zugspitze per Zahnradbahn erschlossen, eröffnete am 20. Juni 1931 knapp unter dem Gipfel auf 2.650 Meter Höhe ein mondänes Hotel: das Schneefernerhaus, benannt nach einem Gletscher des Massivs. Das Hotel gibt es nicht mehr - den Gletscher vermutlich bald ebenso wenig.

Von Monika Seynsche | 20.06.2021

Ein Schwarzweiß-Foto zeigt etwa ein Dutzend Menschen in Liegestühlen sonnend auf einer mit Geländern eingefassten Terrasse. Im Hintergrund ein gewaltiges Alpen-Panorama
Dachterrasse des Schneefernerhauses 1934 (picture alliance / arkivi )
Vom Gipfel der Zugspitze fallen die grauen Felswände fast senkrecht ab und münden in ein steiles Geröllfeld. Den größten Teil des Jahres herrschen Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt, Schnee und Eis bedecken das nackte Gestein. Diese unwirtliche Gegend war das Ziel eines gewaltigen Bautrupps, der sich ab 1928 die steilen Hänge des Wettersteingebirges hinauf kämpfte.

Von Beginn an Luxusherberge

Meist zu Fuß und mit Lasttieren schleppten tausende Bauarbeiter Material in die Höhe, sprengten Tunnel ins Gestein, verlegten Schienen und Zugseile. Sie trotzten dabei Steinschlägen und Schneestürmen. Nach nur zwei Jahren Bauzeit war die Bayrische Zugspitzbahn fertig und an ihrem Endbahnhof auf 2650 Meter Höhe entstand ein Hotel, sagt Verena Altenhofen von der Bayrischen Zugspitzbahn Bergbahn AG. 1931 wurde das Schneefernerhaus feierlich eröffnet:
" Das Hotel Schneefernerhaus war absolut mondän, richtete sich an die gehobenen Gesellschaftsklassen. War natürlich teuer im Vergleich zu dieser Zeit, das galt als Luxusunterkunft und war als höchstes Hotel Deutschlands natürlich schon an sich sehr angesehen."
Garmisch Partenkirchen, Blick über den Ort zur Zugspitze, Kirchtürme | Verwendung weltweit
August 1820 - Als Josef Naus die Zugspitze erklomm
Die Zugspitze galt lange als unbesteigbar und von Geistern heimgesucht. Bis vor 200 Jahren ein unerschrockener bayerischer Leutnant kam: Josef Naus, der erste namentlich bekannte Bezwinger von Deutschlands höchstem Berg.

Die Lawinenkatastrophe von 1965

Das Gebäude klammert sich an den steilen Geröllhang, der vom Gipfel der Zugspitze zur Hochfläche des Zugspitzplatts abfällt. Mit einer Seilbahn konnten die Gäste zum Gipfel gelangen oder die Aussicht von einer der zahlreichen Dachterrassen genießen. Das taten sie auch am 15. Mai 1965, erinnert sich Till Rehm vom Schneefernerhaus.
"Ja, das war ja im Mai ein sehr schöner, warmer Tag. Es hat in dem Jahr sehr, sehr viel Schnee gegeben und da hat sich also oberhalb vom Haus ein riesiges Schneebrett gelöst. Und dann ist eben eine riesige Lawine hier übers Haus drüber gegangen. Jetzt stehen ja unsere Terrassen voll mit Messgeräten. Damals waren das eben Liegestühle und Gäste, die da draußen gestanden sind, Kaffee, Bier getrunken haben in dem schönen Wetter. Und es sind über 100 Leute einfach von der Terrasse runter geschwemmt worden, mehr oder weniger. Und dann den steilen Hang hier unterhalb vom Haus runtergespült worden. Und man hat tagelang in den Schneemassen nach den Leuten gesucht, Also das war schon ein sehr einschneidendes Ereignis."

Warum 1992 mit dem Hotelbetrieb Schluss war

Zehn Tote und 21 Verletzte forderte das bis heute schwerste Lawinenunglück in Deutschland. Als direkte Folge wurde der staatliche Lawinenwarndienst gegründet. Das Hotel wurde renoviert und durch Lawinenverbauungen geschützt. Ende der 1980er-Jahre dann baute die Bayrische Zugspitzbahn einen neuen Bahnhof mitten im Skigebiet auf dem Zugspitzplatt mit einem eigenen Restaurant. Dadurch blieben dem etwas abseits am Hang liegenden Schneefernerhaus immer mehr Gäste fern. 1992 dann schloss das Hotel, so Till Rehm:
"1992 gab es damals in Rio de Janeiro die erste große Umweltkonferenz der Vereinten Nationen, im Zuge derer man eben auch erkannt hat, man muss viel mehr in die Wissenschaft investieren und viel mehr verstehen, wie dieser Klimawandel eigentlich funktioniert, und daraufhin hat man die Gelegenheit quasi beim Schopf ergriffen und aus diesem ehemaligen, dann leerstehenden Hotelgebäude diese Station gebaut."
Ein Farbfoto zeigt einen terrassierten, grau verkleideten Gebäudekomplex inmitten eines steil abfallenden, schneebedeckten Felsmassivs
Das frühere Hotel Schneefernerhaus dient seit den 1990er-Jahren als Umweltforschungsstation (picture alliance/dpa | Angelika Warmuth)
Till Rehm, wissenschaftliche Leiter der heutigen Umweltforschungsstation Schneefernerhaus. Er koordiniert die Arbeiten zahlreicher Forschungsinstitute, die auf dem Schneefernerhaus Daten sammeln und Untersuchungen durchführen. Das reicht von der Atmospährenphysik über die Geologie bis hin zur Höhenmedizin. Sie alle nutzen die besondere Lage des Hauses, erklärt Rehm:
"Zum einen sind wir natürlich wirklich am höchsten Berg Deutschlands, also das ist natürlich schon mal eine herausragende Position. Zum anderen sind wir auch sehr weit weg von anthropogenen Quellen. Also, die nächste Ortschaft Garmisch liegt auf der anderen Seite vom Berg, das heißt, wir haben hier eigentlich die Möglichkeit, die Hintergrundbelastung vor allen Dingen der Atmosphäre mit allen möglichen Schadstoffen zu messen, also das, was nicht direkt aus einer Quelle kommt, sondern was eben überall weit verbreitet ist."
Regenwolken
Wolken-Forschung auf der Zugspitze
Wie Regen entsteht, ist eigentlich klar: Aus Millionen winziger Tröpfchen wachsen in Wolken große Regentropfen heran. Allerdings geschieht das in der Natur viel schneller als laut Theorie erlaubt. Nun gibt es eine Erklärung dafür.

Der Schneefernergletscher könnte in zehn Jahren verschwunden sein

Das Treibhausgas Kohlendioxid etwa hat den Messdaten des Schneefernerhauses zufolge allein in den letzten zehn Jahren um sechs Prozent zugenommen. Und die Temperaturen an der Zugspitze sind im vergangenen Jahrhundert um zwei Grad und damit doppelt so stark angestiegen wie unten im Tal, so Till Rehm:
"Es gibt es einen ganz neuen Bericht auch von der Bayerischen Akademie der Wissenschaft, die jetzt davon ausgehen, dass der Schneeferner innerhalb der nächsten 10, 15 Jahre wahrscheinlich verschwunden sein wird."
Der Gletscher schwindet, der Permafrostboden taut und die Berghänge werden instabil. Die Aufgabe der Forschenden am Schneefernerhaus ist es, diesen rasanten Wandel weiter zu beobachten und zu dokumentieren.