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StartseiteSportgespräch"Joachim Löw lebt ja nicht auf Wolke sieben"29.11.2020

Vor der DFB-Präsidiumssitzung"Joachim Löw lebt ja nicht auf Wolke sieben"

Kommende Woche dürfte es bei der DFB-Präsidiumssitzung um den Job von Bundestrainer Joachim Löw gehen. Im Sportgespräch sind sich alle Gesprächsteilnehmer in einem aber einig: Es gibt viele Gründe dafür, warum die DFB-Elf derzeit nicht erfolgreich spiele. Joachim Löw sei aber keiner davon.

Mara Pfeiffer, Dietrich Schulze-Marmeling und Roland Eitel im Gespräch mit Matthias Friebe

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Ein Portraitfoto Joachim Löws vor einem dunklen Hintergrund, er schaut ernst in die Ferne (Alexander Hassenstein/Getty Images)
DFB-Bundestrainer Joachim Löw steht nach der 0:6-Niederlage gegen Spanien massiv unter Druck. Wird er Bundestrainer bleiben? (Alexander Hassenstein/Getty Images)
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Die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes will in der kommenden Woche* über die Situation der Nationalmannschaft und die Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw beraten. DFB-Direktor Oliver Bierhoff werde dann in einer Präsidiumssitzung eine Analyse des jüngsten 0:6 in der Nations League gegen Spanien und der "Gesamtentwicklung der Mannschaft in den vergangenen zwei Jahren" vorstellen. Auf diesen Fahrplan habe sich das DFB-Präsidium einstimmig verständigt.

Kurz vor der Analyse-Sitzung in der DFB-Zentrale ist sich der ehemalige Löw-Berater Roland Eitel im Deutschlandfunk-Sportgespräch sicher, dass der Bundestrainer die Nationalmannschaft selbst wieder auf Kurs bringen will, auch wenn er natürlich auch über einen Rücktritt nachdenken werde. "Er lebt ja nicht auf Wolke sieben, sondern er kriegt auch die Stimmung im Lande mit und die würde ich als alarmierend bezeichnen". Eitel tat sich jedoch schwer mit einer eindeutigen Prognose: "Weil ich den DFB nicht einschätzen kann. Aber ohne Unterstützung kann natürlich auch der Jogi Löw nicht weitermachen." 

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Die Beziehung zwischen Löw und den Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sei ohnehin nie eine Liebesbeziehung gewesen, sagte die Journalistin und Podcasterin Mara Pfeiffer. Selbst in Erfolgszeiten sei Löw bei den Fans nur "geduldet" gewesen. Sie riet dem Bundestrainer, "sich auf seine Arbeit zu konzentrieren und die Störgeräusche auszublenden." Ein Trainerwechsel zu diesem Zeitpunkt würde aktuell nichts bringen, sagte sie. 

Es gebe viele Gründe, warum die Nationalmannschaft nicht erfolgreich spiele. Joachim Löw sei aber keiner davon, waren sich alle Gesprächsteilnehmer einig: "Ich frage mich nur, wie lange er das durchhalten will, wenn die öffentliche Meinung so dermaßen gegen ihn gerichtet ist. Er muss sich das nicht antun, was da seit Monaten passiert", sagte Sporthistoriker und Buchautor Dietrich Schulze-Marmeling und riet dem DFB-Teamchef damit indirekt zum Rücktritt, um seinen Ruf nicht weiter zu gefährden. Es sei ohnehin stark zu bezweifeln, dass die DFB-Elf bei der EM 2021 eine gute Rolle spielen werde, sagte Schulze-Marmeling. 

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"Wo sind die jungen deutschen Spieler?"

PR-Berater Eitel vermittelte aufgrund seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Löw einen Eindruck von dessen Denk- und Sichtweise: Dieser sehe sich primär als klassischer Fußballtrainer, sagte Eitel. "Er sieht seine Arbeit auf dem Platz. Er wird deswegen nur seine taktischen Entscheidungen hinterfragen, aber er wird sich nicht fragen, ob er seine Kommunikation ändern muss", sagte Eitel. 

Nach Einschätzung von Schulze-Marmeling sei schon seit dem WM-Titel 2014 eine Krise im deutschen Fußball absehbar gewesen. Diese liege vor allem in der Ausbildung begründet und außerdem gebe es auch nicht mehr so viele erstklassige deutsche Nachwuchsfußballer. Andere Nationen wie Belgien, Frankreich und England hätten zudem extrem aufgeholt. 

Eitel und Schulze-Marmeling wiesen daraufhin, dass sowohl bei Bayern München und Borussia Dortmund nur noch wenige deutsche Spieler überhaupt zum Einsatz kämen, beziehungsweise im Kader stünden, die für die Nationalmannschaft nominiert werden könnten. "Dafür kann der Bundestrainer nichts", sagte der Sporthistoriker. Ein Bundestrainer könne sich schließlich nur aus dem vorhandenden Spielermaterial bedienen und keine neuen Spieler einkaufen. Die Vereine seien damit Teil des Problems. Eitel kritisierte auch, dass die Vereine sich bei Talenten lieber schnell im Ausland bedienen würden. Er vermisse auch den unbedingten Willen und Trainingseifer bei jungen Spielern. 

27.06.2018, Russland, Kasan: Fußball, WM, Vorrunde, Gruppe F, 3. Spieltag: Südkorea - Deutschland in der Kasan-Arena. Mario Gomez aus Deutschland (r-l) und Marco Reus aus Deutschland hocken nach dem Spiel neben den jubelnden Wooyoung Jung (Woo-Young Jung) aus Südkorea und Yong Lee aus Südkorea auf dem Platz.  (picture alliance / dpa / Ina Fassbender) (picture alliance / dpa / Ina Fassbender)WM-Aus: "Haben ignoriert, dass andere Länder aufgeholt haben"
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Verjüngung noch radikaler 

Nach Meinung von Mara Pfeiffer hätte es nach den Trennungen von Hummels, Boateng und Müller durchaus noch weitere geben können, um die Mannschaft noch radikaler zu verjüngen und neu aufzustellen. Es sei aber fraglich, wieviel Vertrauen und Geduld die erfolgsverwöhnten Fans dem Bundestrainer und seiner neu formierten Nationalmannschaft dann eingeräumt hätten. Zeit, um eine Mannschaft mit neuen, jüngeren Spielern zu entwickeln, habe Löw nach der WM 2018 in Russland nicht bekommen, kritisierte Journalistin Mara Pfeiffer.

Ex-Löw-Berater Eitel teilte vor allem auch gegen den DFB aus und kritisierte fanunfreundliche Anstoßzeiten, um sich den Fernsehgewohnheiten anzupassen. "Da klappt ja gar nichts. Dass da eine Entfremdung stattfindet, das ist doch völlig logisch", sagte er. Auch die neue DFB-Akademie sei eine Fehlplanung, da die Ausbildung der Spieler in den Vereinen stattfinde.

Generell gebe in der ganzen Situation auch der Deutsche Fußball Bund kein gutes Bild ab, sagte Sporthistoriker Dietrich Schulze-Marmeling. Er beobachtet aktuell eine Machtverschiebung weg vom DFB und hin zur DFL und den großen Bundesliga-Klubs: "Der DFB strampelt sich gegen seine wachsende Bedeutungslosigkeit für den deutschen Fußball ab und sitzt dabei zwischen den Stühlen", sagte er.

* In der ursprünglichen Version dieses Artikels war vom 4. Dezember als Tag der entscheidenenden Präsidiumssitzung die Rede. Der DFB hat den Termin vorverlegt.

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