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StartseiteKultur heuteVorhaut als Politikum19.07.2012

Vorhaut als Politikum

Der Bundestag diskutiert über die Beschneidung

Nun gibt es zwei gleichermaßen ergiebige und interessante Arten, die Sache zu betrachten: Zum einen geht es um das Für und Wider der Beschneidung, zum anderen um die Formen des Diskurses. Die Heftigkeit der Kontroverse ist schon bemerkenswert; sie zeigt, welche Energie in religiösen Fragen steckt – auch und gerade bei antireligiösen Menschen. Das ist für aufmerksame Zeitgeistbeobachter allerdings nichts Neues; das hat man schon bei der Kopftuchdebatte erlebt – und die Vorhaut ist ja das Kopftuch des männlichen Glieds.

Von Burkhard Müller-Ullrich

Jüdische Beschneidungszeremonie (picture alliance / dpa / Bea Kallos)
Jüdische Beschneidungszeremonie (picture alliance / dpa / Bea Kallos)

Es gibt 1001 Argumente für und gegen die Beschneidung: medizinische, theologische, kulturhistorische und psychologische – und keines davon sticht die anderen aus. Das liegt letztlich an der logischen Unmöglichkeit, eine kompetente Entscheidung zu fällen. Denn während man bei anderen Dingen seine Wahl trifft, nachdem man gekostet, getestet und probiert hat, geht das bei der Vorhaut nicht. Man kann nicht gleichzeitig beschnitten und nicht beschnitten sein und dann darüber Auskunft geben, was sich besser anfühlt oder auswirkt.

Ansonsten haben wir es mit einer durchaus produktiven Problematik zu tun, bei der viele gleich gewichtige Aspekte gegeneinander stehen: eigentlich optimale Voraussetzungen für eine fruchtbare Erörterung. Was für einen Wert hat Tradition? Wie kommt es zu der Engführung von Sexualität und Religion? Kann ein säkularer Rechtsstaat Ohrfeigen für Kinder verbieten und zugleich deren chirurgische Verstümmelung zulassen?

Solche Fragen stellen sich auch viele Juden. Der amerikanische Schriftsteller Michael Chabon hat in seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch "Mann sein für Anfänger" genau davon Zeugnis gegeben. Es kann, es darf, es soll also sehr wohl über den Sinn dieses archaischen Ritus‘ gestritten werden. Aber vielleicht lieber nicht in Deutschland. Hier entgleist die Auseinandersetzung allzu leicht und allzu deutlich in Antisemitismus. Schon ist vielfach vom Einknicken unserer Regierung vor einer jüdischen Lobby die Rede. Da ist unsere Komikernation gar nicht mehr zum Lachen.

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