Mittwoch, 07. Dezember 2022

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Vorlesungsreihe an der Uni Frankfurt
Essen als politisches Statement und kulturelles Phänomen

An Weihnachten ist Essen ein großes, auch politisches Thema. Was zuhause auf den Tisch kommt, ist das Ergebnis einer komplexen Entscheidung. Zuviel Fleisch ist nicht gesund und belastet das Klima - essen wir Fisch, riskieren wir, die Meere zu überfischen. Es heißt, wir sollen uns beim Essen disziplinieren, andererseits war das Angebot nie so reichhaltig wie heute.

Von Eva-Maria Götz | 15.12.2016

    Lebensmittelabteilung mit Obst und Gemüse
    Lebensmittelabteilung mit Obst und Gemüse (imago/Jochen Tack)
    In einigen Kulturkreisen spielen religiöse Essenvorschriften eine wichtige Rolle, in anderen ist wiederum der ausgefeilte Genuss, die Suche nach dem besonderen geschmacklichen Erlebnis, zu einer Art Zwang geworden. Dass das Essen immer schon auch eine kulturpolitische Dimension hatte, ist ein Thema der Vorlesungsreihe "Denken geht durch den Magen" an der Goethe- Universität Frankfurt.

    "Aber die deutsche Küche überhaupt– was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit, die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse, die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die viheischen Nachguss-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes – aus betrübten Eingeweiden!"
    So schimpfte der Philosoph Friedrich Nietzsche auf die deutsche Küche in seinem Werk "Ecce homo"- und zog auch gleich die direkte Schlußfolgerung von dem, was auf dem Teller liegt zur nationalen Mentalität:
    "Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit Nichts fertig."
    Mit dieser ganz und gar nicht ironisch gemeinten Gleichsetzung von Essgewohnheiten mit nationalen und individuellen Charaktereigenschaften stand Nietzsche nicht allein. Die "Gastrologik" war in 18. und 19. Jahrhundert ein weit verbreitetes Denken, wie die Romanistin und Initiatorin der Frankfurter Vorlesungsreihe, Professor Christine Ott erläutert.
    Parallelen zwischen dem Essen und dem Nationalcharakter
    "Als ich die 'Bekenntnisse', die 'confessions' von Rousseau gelesen hab, da ist mir auf einmal klar geworden, dass das Essen für ihn eine ganz wichtige Rolle spielt, es gibt Mahlzeitensituationen, in denen Rousseau das Gefühl hat, irgendwie am falschen Platz zu sein, ausgeschlossen zu werden, sozial heruntergestuft zu werden."
    Auch Jean-Jaques Rousseau zog Parallelen zwischen dem Essen und dem Nationalcharakter: Die Italiener hielt der gebürtige Schweizer für weibisch und weichlich, äßen sie doch fast nur Gemüse. Die Engländer mit ihrem hohen Fleischkonsum hätten dagegen eine fast barbarische Härte. Aber Rousseau war auch einer der ersten Schriftsteller, der ganz vehement gegen die Prasserei des französischen Adels anschreibt:
    "Er erkennt eigentlich sehr früh die politischen Implikationen der Gastronomie. Der schreibt, warum haben wir es nötig, im Winter Erdbeeren zu essen? Der Essensluxus als Demonstration von Macht anprangert und er glaubt, mit einer Rückkehr zu einem einfachen Essen gleichzeitig auch eine moralische Umkehr zu bewirken."
    Dass die Ernährung Einfluss auf die Moral und das seelische Befinden hat, war auch Thema des Vortrages der Kulturwissenschaftlerin Maria Guiseppina Muzzarelli von der Universität Bologna. Und das Wissen über die Wirkung der Nahrung lag in den Händen der Frauen. Das konnte zum Guten führen, wie im Fall der Benediktinerin Hildegard von Bingen, die mit wissenschaftlicher Genauigkeit Pflanzen, aber auch tierische Nahrungsmittel auf ihre Heilkraft hin untersuchte und deren Erkenntnisse bis heute Bestand haben. Allerdings galt auch der Giftmord seit den Zeiten des römischen Reiches als typisch weibliches Verbrechen. Und weil es in der Regel die Frauen waren, die wussten, mit welchen Speisen Männer zu verwöhnen, aber auch zu verführen sind, erregten sie den Unmut der katholischen Kirche und wurden im schlimmsten Fall als Hexen verbrannt. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Die Ansicht jedoch, dass die Nahrungsaufnahme eine moralische Tat von weitreichender Bedeutung ist, hat auch heute wieder Konjunktur. So hat zum Beispiel die amerikanische Begründerin des "Ökofeminismus", Carol Adams, die These aufgestellt, dass Feminismus nur dann konsequent sei, wenn er mit Vegetarismus einhergehe. Christine Ott:
    "Carol Adams hat anhand von sehr einleuchtenden, beeindruckenden Bilder- Beispielen gezeigt, dass tatsächlich gastronomische Werbung oft mit dieser Analogie zwischen weiblichem Körper und dem toten Körper eines Tiers spielt."
    Der Diätwahn begann seinen Siegeszug
    Allerdings warnt Christine Ott trotzdem davor, aus dem Essen eine Ideologie zu machen:
    "In dem Sinne: 'Denken geht durch den Magen', dass man sagt, Vegetarismus bedeutet automatisch eine feministische Position einzunehmen und umgekehrt, Fleischverzehr bedeutet automatisch, eine antifeministische Haltung einzunehmen."
    Doch auch wenn man nicht so weit gehen möchte, wie die Feministin Carol Adams - die Ansicht, dass jedes Individuum für seinen Körper verantwortlich ist, hat sich im 20. Jahrhundert etabliert und auch hier waren Frauen entscheidend. In dem Moment nämlich, als sie die einengenden Korsagen ablegten, begannen sie, ihre Körper mit dem zu formen, was sie zu sich nahmen - oder besser: nicht zu sich nahmen. Der Diätwahn begann seines Siegeszug:
    "Da wäre meine These jetzt," meint der Frankfurter Psychologe, Professor Tilmann Habermas, "dass das Diäthalten im Grunde so etwas ist wie eine Einübung in die Selbstkontrolle, die später nötig ist, um sich in einer modernen, globalisierten Welt so zurechtzufinden, dass man immer bedenkt, was für Langzeitfolgen die eigenen Handlungen haben."
    Im schlimmsten Fall führt das zur Magersucht, einer Zivilisationskrankheit, die erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts untersucht wurde und die sich im 20. Jahrhundert in der gesamten westlichen Welt ausbreitete. Magersüchtige denken, sie könnten mit ihrem Verhalten den eigenen Körper beherrschen und sogar bezwingen, meint Habermas. Nur:
    "Es kehrt sich dann um. Insofern mit dem Untergewicht sie eigentlich zur Sklavin des Hungers werden, gegen den sie ständig ankämpfen müssen. Das ist wie so eine Zweierbeziehung, in der man kämpft und aus der man nicht mehr rauskommt.
    Die politisch korrekte Auswahl spielt gesellschaftlich eine große Rolle
    Zwar lässt sich Magersucht mittlerweile sogar in Asien beobachten, was wiederum ein Indiz für unsere globalisierten Essgewohnheiten ist, die im Rahmen der Vorlesungsreihe ebenfalls einen großen Raum einnehmen. Insgesamt aber stagniert die Anzahl der auftretenden Krankheitsfälle. Anders bei den Übergewichtigen, die die Soziologin Professor Eva Bärlösius von der Universität Hannover im Blick hat. Sie arbeitete mit fettleibigen Jugendlichen aus sozial schwierigen Unterschicht-Milieus und las mit ihnen das Märchen vom Schlaraffenland, in dem der Faulste von allen Schlaraffiern der König ist.
    "Sie haben sofort nur noch darüber gesprochen, dass der König der Dickste ist, im Grunde genommen, obwohl da steht, dass es der Faulste ist. Woran man, glaub ich, ganz gut sehen kann, wie stark sie das schon verinnerlicht haben, dass in unserer Gesellschaft dicksein mit faulsein gleichgesetzt wird."
    Dass der Körper gelesen wird wie eine Biographie, ist für Eva Barlösius ein zeitgenössisches Phänomen. Wir müssen dünn sein, um erfolgreich zu werden. Andererseits verfügen wir in unseren Breitengraden über ein Nahrungsangebot wie nie zuvor und die politisch korrekte Auswahl spielt gesellschaftlich eine genauso große Rolle wie die Kunst der "richtigen" Zubereitung. Christine Ott:
    "Ich habe manchmal das Gefühl, dass auch der Genuss beim Essen fast zu einem moralischen Imperativ geworden ist. Einerseits erlegen wir uns immer mehr Disziplin beim Essen auf, andererseits gibt es diesen Trend, der sagt, kochen ist wieder in und genießen ist wieder in. Das ist eigentlich eine sehr paradoxe Angelegenheit."