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StartseiteKultur heute„Es klingt alles sehr, sehr unwahrscheinlich“08.04.2021

Vorwürfe gegen Michel Foucault„Es klingt alles sehr, sehr unwahrscheinlich“

Ein französischer Autor erhebt schwere Vorwürfe gegen Michel Foucault. Der 1984 gestorbene Philosoph und Historiker soll in Tunesien kleinen Jungen Geld für Sex angeboten und sie vergewaltigt haben. Der in Paris lehrende Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte verwies im Dlf auf mangelnde Beweise.

Jürgen Ritte im Gespräch mit Michael Köhler

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Michel Foucault in seinem Arbeitszimmer im Collège de France, Paris, 1970. (picture alliance / akg-images / Jacques Violet | akg-images / Jacques Violet)
Michel Foucault in seinem Arbeitszimmer im Collège de France in Paris, 1970 (picture alliance / akg-images / Jacques Violet | akg-images / Jacques Violet)
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In einem Interview mit der Londoner "Times" hat der Essayist Guy Sorman gerade wiederholt, was er zuvor schon in einem Buch und im französischen Fernsehen behauptet hatte: Bei einem Besuch in Tunesien, wo Foucault damals lebte, habe er mitbekommen, dass der homosexuelle Historiker und Philosoph im Frühjahr 1969 Jungen im Alter zwischen acht und zehn Jahren Geld angeboten habe. Später habe sich Foucault, der sich zeitlebens für die Befreiung von Unterdrückung einsetzte, mit den Kindern auf dem Friedhof des Dorfes Sidi Bou Saïd getroffen und sie dort vergewaltigt.

Die Verabredung mit den Jungen bestätigte nun gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit" auch Sormans damalige Lebensgefährtin Chantal Charpentier. Foucault habe sich aufgeführt "wie ein scheußlicher Kolonialist". "Und ich möchte mir nicht vorstellen, wie er sexuell mit den Jungen des Dorfes umging." Sorman gestand allerdings auch ein: "Beweise, dass er sie missbrauchte, habe ich nicht."

"Kein Verdacht, eine Verdächtigung"

Der an der Sorbonne lehrende Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte hält die Darstellung von Guy Sorman für wenig glaubhaft. Im Deutschlandfunk sagte er: "Michel Foucault ist damals nach Tunesien gegangen in Begleitung seines Lebenspartners. Er nahm einen Lehrauftrag an der Universität Tunis an und hat die Zeit genutzt, um die ‚Archäologie des Wissens‘ zu schreiben. Was dort jetzt im Raum steht, ist kein Verdacht – es ist eine Verdächtigung. Es ist nicht mehr als diese komische Ferienerinnerung, die plötzlich auftaucht. Es klingt alles sehr, sehr unwahrscheinlich."

Buchstabensteine mit dem Wort "Sex" (picture alliance / Romain Fellens) (picture alliance / Romain Fellens)Foucault und die Sexualmoral - Wie das Fleisch zur Sünde wurde 
Michel Foucault zählt zu den einflussreichsten Philosophen der Gegenwart. Im vierten Teil seiner Abhandlung "Sexualität und Wahrheit" fragt er, warum die christliche Religion Sexualität kontrollieren will.

Das französische Magazin "jeune afrique" hat vor Ort in Tunesien recherchiert. In der vor wenigen Tagen erschienenen Reportage erinnern sich einige Zeitzeuginnen und Zeitzeugen anders an die Ereignisse vor über 50 Jahren in Sidi Bou Saïd: Foucault habe sich damals nicht pädophil verhalten, wird ein Mann namens Moncef Ben Abbes zitiert. Der Franzose sei von "Jungen von 17 oder 18 Jahren" verführt worden, "mit denen er sich für kurze Zeit in den Wäldchen unter dem Leuchtturm, neben dem Friedhof getroffen" habe. Auch sexuelle Kontakte mit Jugendlichen in diesem Alter wären allerdings nach den damals in Tunesien und Frankreich geltenden Gesetzen illegal gewesen.

"Keine Spur eines Beweises"

"Absolut skandalös" nannte Jürgen Ritte den Umstand, "dass solche Verdächtigungen ungeprüft durch die Presse gehen. Ich glaube, ehrlich gesagt, kein Wort. Und gefragt nach Beweisen, hat bisher niemand auch nur die Spur eines Beweises vorlegen können. Kein Mensch hat auch nur ansatzweise bestätigt, was Herr Sorman und Madame Charpentier jetzt in die Welt setzen und womit sie sich jetzt in die Medien, in die Schlagzeilen bringen. Ich vermute, da ist ein ganz zynischer Schachzug dahinter."

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