Mittwoch, 20.03.2019
 
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W. Daniel Wilson"Der Faustische Pakt"

Goethes Weimar fasziniert den US-amerikanischen Germanisten W. Daniel Wilson schon sehr lange. Er hat einige Bücher über den deutschen Dichter und seinen Mikrokosmos geschrieben. Sein neues Werk untersucht das Agieren der Goethe-Gesellschaft in der NS-Zeit und attestiert ihr "Selbstnazifizierung".

Von Henry Bernhard

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Cover-Collage. links: Buchcover "Der faustische Pakt", dtv Verlag. rechts im Hintergrund: Gustaf Gründgens als Mephisto in einer Hamburger Inszenierung im September 1959. (Buchcover: dtv / Hintergrund: dpa)
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten war für die Goethe-Gesellschaft weder ein politisches noch ein moralisches Problem. (Buchcover: dtv / Hintergrund: dpa)
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In Deutschland ist Goethe kein Schriftsteller unter vielen - umso weniger ist er das in Weimar, dem Gralsort der deutschen Kultur. Goethe als Nationalheiliger, als Dichterfürst wird dort nicht nur gelesen, sondern auch verwaltet, gedeutet und benutzt, für oder gegen eine gute oder eine schlechte Sache. Gegen den Krieg, für den Krieg, für Toleranz, gegen die Juden - wie es den Zeitläuften und deren Protagonisten beliebt. Zentrale Deutungsinstanz war dafür seit 1885 die Goethe-Gesellschaft, ein privatrechtlicher Verein mit Ortsgruppen in ganz Deutschland, aber auch Mitgliedern in der ganzen Welt. Mochte Schiller gerade den Deutschnationalen als verlässlicherer Streiter an ihrer Seite erscheinen - im Ausland strahlte Goethe umso heller. Das war für die Goethe-Gesellschaft im Nationalsozialismus Fluch und Segen zugleich, wie W. Daniel Wilson schreibt, Autor der erhellenden Studie: "Der faustische Pakt. Goethe und die Goethe-Gesellschaft im Dritten Reich".

"Schon seit ihrer Gründung im Jahr 1885 war der Goethe-Gesellschaft ein diplomatischer, außenpolitischer Aspekt eigen, der im Dritten Reich von entscheidender Bedeutung wurde. Paradoxerweise musste sie aus einem ‚Defizit‘ - eben der Internationalität, die ihre Gegner mit mangelndem Nationalgefühl verknüpften - Gewinn schlagen. Das sicherte ihr eine ausgesprochen privilegierte Stellung beim NS-Regime, bedeutete aber auch Anpassung und führte letztlich zu Entstellungen der von der Gesellschaft maßgeblich geförderten Goethe-Forschung. Die Goethe-Gesellschaft machte es sich nämlich zur Aufgabe, dem ‚Deutschen Goethe‘ zum Triumph zu verhelfen. Dieses Buch ist die Geschichte eines Erfolgs, der aus heutiger Sicht ein Versagen war."

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten war für das deutschnationale und in Teilen antisemitische Führungspersonal der Goethe-Gesellschaft weder ein politisches noch ein moralisches Problem, führte aber zu einem praktischen Dilemma: Der Anteil der Juden in der Goethe-Gesellschaft war mit acht Prozent zehn Mal so hoch wie in der deutschen Bevölkerung. Sollte man - wie viele andere Organisationen - schon vor dem Wirksamwerden entsprechender Gesetze "dem Führer entgegen arbeiten" und die Juden ausschließen? Die Goethe-Gesellschaft konnte es sich schlicht finanziell nicht leisten, sie war auf die Mitgliedsbeiträge auch der Juden angewiesen. Auch einen Rest Anstand findet der Autor in Briefen des Vorstands, die austretende Juden zurückgewinnen wollten. Das größte Problem aber war die unberechenbare Führung in Berlin.

"Goethe galt bei vielen als Weltbürger, Kosmopolit, Freimaurer - was er auch war; und dieses Goethe-Bild musste in der NS-Zeit überwunden werden, wenn die Goethe-Gesellschaft Erfolg haben sollte. Und es war die Goethe-Gesellschaft, die dieses Goethe-Bild nachdrücklich änderte."

Lavieren und Taktieren

Um die Goethe-Gesellschaft zu retten und die Gleichschaltung von außen zu vermeiden, mussten ihre Präsidenten - Julius Petersen und Anton Kippenberg - und ihr Vizepräsident Hans Wahl entschlossen handeln - immer mit Blick nach Berlin und auf kritische Beobachter im Ausland. Wilson beschreibt filigran und facettenreich das Lavieren und Taktieren der Goethe-Gesellschaft im Umgang mit den jüdischen Mitgliedern. Ab 1933 wurden keine Juden mehr aufgenommen, jüdische Mitglieder möglichst lautlos aus den Vorständen entfernt:

"Die jüdischen Mitglieder wurden von der Leitung der Goethe-Gesellschaft in ihrer menschlichen Würde kaum wahrgenommen; nur wenn sie mit Petersen oder Kippenberg befreundet waren, bekamen sie ein Gesicht. Die anderen verkamen zunehmend zu Zahlen, zu Bauern im Schachspiel der Goethe-Gesellschaft mit Staat und Partei."

Nach Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935 wurden jüdische Mitglieder nicht mehr vom Austritt abgehalten; nach den Novemberpogromen 1938 forderte man die wenigen verbliebenen ultimativ zum Austritt auf. Das konnte man sich inzwischen leisten, denn der Vizepräsident Hans Wahl hatte einen Pakt mit der Reichsjugendführung geschlossen, der der Gesellschaft neue, "arische" Mitglieder zuführte:

"Der humanistische Goethe wurde mit diesen Mitgliedern ausgestoßen und wie die Regimegegner und Juden ins Exil gejagt. In Deutschland war Goethe als Vertreter des 'besseren Deutschlands' spärlich vertreten. Es war vielmehr der nationalistische, antisemitische, kriegerische, kurz: der 'Deutsche Goethe', der spätestens 1936/1937 von der Goethe-Gesellschaft in Weimar durchgesetzt und vom Regime nachdrücklich propagiert wurde."

Eine Büste von Johann Wolfgang von Goethe im Brentanohaus, aufgenommen am 23.01.2014 in Oestrich-Winkel (Hessen). (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)„Goethe galt bei vielen als Weltbürger, Kosmopolit, Freimaurer; und dieses Goethe-Bild musste in der NS-Zeit überwunden werden" - schreibt W. Daniel Wilson. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)

Goethe wurde durch Verkürzung, Umdeutung, Zuschreibung und Verdrehung zum Antisemiten und Kriegseiferer umdeklariert - und stand so, zur Unkenntlichkeit entstellt, dem Regime zur Verfügung. Gleichzeitig wurde der plumpe Antisemitismus der Straße durch Goethe geadelt. Mit ihm konnte auch die humanistisch gebildete Jugend für die nationalsozialistische Sache gewonnen werden:

"Die Goethe-Gesellschaft sollte auch die 'innere Front' stärken. Das heißt, der deutsche Soldat sollte erkennen, dass er für eine höhere Kultur kämpfe. Und den unterworfenen Völkern sollte Goethe auch dafür stehen, für die Überlegenheit der deutschen Kultur. Das Propagandaministerium hat mit der Bewilligung von Goebbels geschrieben, dass die Goethe-Gesellschaft eine 'Weltmission' zu spielen habe."

Mit Überfall auf Polen begann "rhetorischer Kriegseinsatz"

 Die Einweihung des Goethemusems neben dem Goethehaus in Weimar 1935 war ein Staatsakt, auf dem die Goethe-Gesellschaft den Rest ihrer Würde aufgab, als Präsident Petersen den Nationaldichter als einen beschrieb, der in Nazi-Deutschland verwirklicht sähe, was "in seinem fernsten Hoffen lag".

Wilson spricht hier von der "Selbstnazifizierung der Goethe-Gesellschaft". Mit dem Überfall auf Polen 1939 begann auch für die Goethe-Gesellschaft der "rhetorische Kriegseinsatz". Der Vizepräsident Hans Wahl reiste als Propagandist in Sachen Goethe und Deutschtum durch Europa und unterstützte Studenten in Jena, die Goethes Werke nach Textstellen durchforsteten, die als Propaganda gegen die Feindstaaten nutzbar waren.

"Hans Wahl bleibt so etwas wie der schwarze Engel der Goethe-Gesellschaft, ihr Scharnier zum Regime. Bei seinen nachweislich zahlreichen Un- und Halbwahrheiten erledigt sich am deutlichsten die bis heute verbreitete Meinung, profunde Goethe-Kenntnisse würden unweigerlich bessere Menschen hervorbringen."

Trotz eines solchen Opportunimus' verwundert es, dass Hans Wahl seine Funktion bis zu seinem Tod 1949 ausüben konnte, dass er sich erst den Amerikanern, dann den Sowjets, dann der SED andiente und nun Goethe, den Humanisten, verkaufte. Wilson resümiert:

"Hätte die Gesellschaft im Jahr 1933, 1935 oder 1938 ihre Tätigkeit eingestellt, statt sich zu prostituieren, dann hätte sie sich nach dem Krieg vielleicht nicht mit Lügen und Ausreden durchlavieren müssen."

Für Wilson hat die Goethe-Gesellschaft im Nationalsozialismus versagt: vor den verfolgten Juden, vor den Deutschen, vor der Welt und auch vor Goethe. Wilsons Buch ist in bester angelsächsischer Tradition glänzend geschrieben. Zu Recht schätzt und fürchtet man seine Bücher in Weimar.

W. Daniel Wilson: "Der Faustische Pakt. Goethe und die Goethe-Gesellschaft im Dritten Reich",
dtv, 368 Seiten, 28,00 Euro.

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