Samstag, 25. Juni 2022

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Wagner-Forscher: Aufzeichnungen bieten Überraschungen über den Komponisten

Nach über 130 Jahren kommt das Bayreuther Tagebuch von Alfred Pringsheim erstmals an die Öffentlichkeit. Interessant an den Aufzeichnungen von Thomas Manns Schwiegervater sei, dass sie Wagner von seiner menschlichen Seite zeigten, sagt der Philologe Dieter Borchmeyer.

Dieter Borchmeyer im Gespräch mit Beatrix Novy | 22.02.2013

Der Komponist Richard Wagner, Foto eines Gemäldes von 1843
Der Komponist Richard Wagner, Foto eines Gemäldes von 1843 (picture alliance / dpa / Zentralbild)
Beatrix Novy: "Die Probe geht im Ganzen sehr gut. Doch fühle ich mich nach derselben entsetzlich deprimiert". So geht es einem, der die Götterdämmerung aus erster Hand kennenlernt, 1876 in Bayreuth, und der das in sein Tagebuch seufzte war Alfred Pringsheim, multitalentierter Mathematiker, guter Klavierspieler, später Vater einer Tochter Katia, die Thomas Mann heiratete. Das Bayreuther Tagebuch von Alfred Pringsheim kommt jetzt ans Licht, zum 200. Geburtstag von Richard Wagner wird es erscheinen, bis dahin müssen es ein paar Auszüge tun, die heute in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" abgedruckt wurden. Unter den gar nicht wenigen Büchern zum 200. Geburtsjahr Richard Wagners ragt die große Biografie von Dieter Borchmeyer heraus, er ist unser Experte heute. Sein Buch ist schon erschienen, ein Zurück gibt es nicht mehr, da möchte man doch wissen, ob Dieter Borchmeyer es aufgrund des Pringsheim-Fundes umschreiben müsste?

Dieter Borchmeyer: Nein, ich müsste mein Buch nicht umschreiben aufgrund des Fundes, von dem ich übrigens ja auch schon wusste, als ich an dieser Biografie arbeitete.

Novy: Sie wussten, dass es existierte, das Tagebuch?

Borchmeyer: Ja, ich wusste, dass das existierte, und ich wusste es schon deshalb, weil ich mit der Dagny Beidler, der Tochter von Franz-Wilhelm Beidler, dem ersten Wagner-Enkel, befreundet bin, und ich habe ja die Cosima-Biografie von Beidler herausgegeben und eine Dokumentation mit einer Biografie von Beidler, die voriges Jahr im selben Verlag, Königshausen & Neumann, erschienen ist, in dem auch das Tagebuch Bringsheims erscheint. Und Beidler war mit Alfred Pringsheim befreundet, er hat auch die Trauerrede gehalten beim Tode Pringsheims und der Pringsheim hat ihm einfach dieses Tagebuch geschenkt.

Novy: Wer hat es denn eigentlich so lange und so sorgfältig gehütet und warum?

Borchmeyer: Er hat es wahrscheinlich bekommen von Pringsheim, weil Pringsheim das brauchen konnte für seine Cosima-Biografie. Da war er sowieso in Quellenschwierigkeiten, weil er als Emigrant – er hat in der Schweiz gelebt, hatte eine jüdische Frau – nicht an das Bayreuther Archiv konnte. Das konnte er dann einfach gut brauchen!

Novy: Haben Sie denn den Eindruck, aufgrund der Auszüge, die jetzt erschienen sind, dass da irgendeine Neuigkeit ist, ein vielleicht doch neuer, kleiner, bezeichnender Blick auf Wagner oder sonst irgendetwas, was Sie interessiert?

Borchmeyer: Ich kenne, weil der Herausgeber das schön geheim hält – es soll ja noch niemand so richtig kennen, bevor es erscheint – das aus den Auszügen, die ich heute in der "FAZ" gelesen habe. Ich habe auch früher schon einige Auszüge bekommen, weil wir einen Vorabdruck in unserer Zeitschrift Wagner-Spektrum überlegt haben. Es ist interessant, weil es Wagner von seiner menschlichen Seite her zeigt, und es sind einige Dinge, die zwar nicht überraschend sind, aber die eine überraschende Bestätigung sind, dass Wagner zum Beispiel so eine hohe Meinung von Jacques Halévy und seiner Oper "Die Jüdin" hatte. Dafür gibt es zwar Zeugnisse, aber dass er das so im Alltag und so immer wieder betonte und als jemand gegen die französische Oper polemisieren will, da weist er das in Bezug auf Halévy energisch zurück, das hat er für ein großes Werk gehalten. Er kannte Halévy ja auch persönlich. Da merkt man auf einmal von Antisemitismus nichts, auch nicht in seinem Umgang mit Pringsheim. Das ist alles schon sehr interessant und was ich nicht wusste, dass der Pringsheim doch ziemlich kritisch Wagners Musik partiell gegenüberstand bei grundlegender Bewunderung. Also das ist schon sehr interessant.

Novy: Und er beklagt sich ja sehr ausführlich ausgerechnet über den Klang. Die Akustik hat ihm also nicht gefallen?

Borchmeyer: Ja, das ist besonders interessant, weil die Bayreuther Akustik ja keineswegs so ideal ist, wie immer dargestellt wird. Zum Beispiel die Probleme, die Christian Thielemann mit der Akustik hat, die hat er ja in seinem schönen Wagner-Buch ausführlich dargestellt. Für manche Teile des wagnerschen Werks eignet sich die Bayreuther Akustik nun mal nicht so besonders, weil sie den Klang zu sehr vermischt.

Novy: Man hat das Gefühl, wenn man diese Auszüge liest, das ist so ein frischer Eindruck vor der Sakralisierung eines Komponisten. Kann man das so sagen?

Borchmeyer: Ja, das kann man so sagen. So eine Kultfigur wie Stefan George war Wagner in seinem Kreise eigentlich nicht. Er hat das durch seine sächsische Jovialität doch immer wieder konterkariert, die ja auch diesen Tagebuchaufzeichnungen von Pringsheim deutlich hervorgeht.

Novy: Blieb sein Verhältnis zu Pringsheim so, wie es sich hier darstellt, so herzlich und freundschaftlich?

Borchmeyer: Ach das glaube ich schon. Das glaube ich schon. Und wenn da in der "FAZ" steht, ja, er war so nett zu den Juden, solange er sie brauchen konnte, also ich finde, man muss nicht immer und in jedem Falle das kritische Wetzmesser ansetzen. Er hat nicht in jedem Moment, wo er mit einem Menschen umging, gedacht, kann ich den jetzt brauchen, wie lange kann ich den brauchen. So war das nicht. Da hat er nicht immer dran gedacht. Er hat ihn als Verehrer natürlich gebraucht und wahrgenommen.

Novy: Also nicht so sehr als Mäzen?

Borchmeyer: Ja sicher: Geld musste er natürlich immer haben. Aber dass er da so funktional in Bezug auf Menschen gedacht hat, das glaube ich einfach nicht. Das geht auch aus den Aufzeichnungen eigentlich ganz schön hervor.

Novy: Dieter Borchmeyer war das zu Alfred Pringsheims Bayreuther Tagebuch.


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