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StartseiteMusikjournal"Wagner war viele Jahrzehnte eine Tabu-Figur"22.07.2019

Wagner und Russland"Wagner war viele Jahrzehnte eine Tabu-Figur"

Die Wagner-Festspiele werden in diesem Jahr russisch - mit Valery Gergiev am Dirigentenpult und Anna Netrebko als Elsa im Lohengrin. Auch in Russland habe der Wagner-Kult eine lange Tradition, erklärte die Journalistin Anastassia Boutsko im Dlf. Im sowjetischen System sei Wagner allerdings ein Tabu-Thema gewesen.

Anastassia Boutsko im Gespräch mit Christoph Vratz

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Schwarzweißfoto Richard Wagners in würdevoller Pose. (Imago / United Archives International)
Richard Wagner (1813-1883) (Imago / United Archives International)
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Spätestens nach Richard Wagners Gastspiel in Russland im Jahre 1863 sei eine Inszenierung nach der anderen gekommen – in Sankt Petersburg aber auch in Moskau. Es habe viele Übersetzungen der Wagner-Texte gegeben, sagte die Journalistin Anastassia Boutsko.

"Es entwickelte sich eine riesige Wagner-Gemeinde, die allen Revolutionen und Wirrungen zum Trotz bis heute überdauert hat." Selbst auf den Fassaden vieler Häuser aus der Jahrhundertwende in Sankt Petersburg und Moskau seien zahlreiche Walküren oder Wotans abgebildet.

Wagner als "Tabu-Figur"

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich die Situation jedoch drastisch verändert. Komponisten wie Richard Wagner oder auch Richard Strauss hätten im sowjetischen System als kapitalistisch gegolten. "Wagner war viele Jahrzehnte, bis in die 1990er-Jahre hinein eine Tabu-Figur", erklärt Boutsko.

Erst Valery Gergiev habe sich wieder für einer Wagner-Renaissance eingesetzt. "Er war verantwortlich dafür, dass Wagner wieder in Russland – und zwar auf Deutsch – gesungen und inszeniert wurde." Ähnlich wie in Deutschland gebe es mittlerweile auch in Russland eine "Wagner-Pilgerschaft", erklärt Boutsko. "Es gibt wirklich echte Wagnerianer, aber es gibt auch ganz viele Opernfans, die einfach der Meinung sind: 'einmal im Leben Ring komplett'".

"Gergiev ist extrem übermüdet"

Mit Blick auf Gergievs Tannhäuser in Bayreuth in diesem Jahr ist Boutsko skeptisch: "Valery Gergiev ist extrem übermüdet – er macht viel zu viel, viel zu schnell, das weiß jeder." Das führe dazu, dass die Musik oft sehr grobmaschig wirke. Auf der anderen Seite sei Gergiev aber auch in der Lage, "eine unglaubliche Energie zu entwickeln", meint Boutsko. "Er ist auch in der Lage, ein Ensemble der Sänger zu führen. Man kann nur hoffen, dass der Geist von Bayreuth auch Valery Gergiev wieder ansteckt."

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