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StartseiteEuropa heuteSwetlana Tichanowskaja, die einzige Oppositionskandidatin 24.07.2020

Wahlen in BelarusSwetlana Tichanowskaja, die einzige Oppositionskandidatin

Swetlana Tichanowskaja hatte sich nie für Politik interessiert. Dann wird ihr Mann wegen seines kritischen Blogs verhaftet und Tichanowskaja stellt sich als Kandidatin für das Präsidentenamt auf. Sie gibt nur ein Wahlversprechen: "Ehrliche Wahlen zu organisieren".

Von Thielko Grieß

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Swetlana Tichanowskaja, die einzige Oppositionskandidatin (imago-images)
Swetlana Tichanowskaja wollte eigentlich nie Politikerin werden (imago-images)

Die letzte Phase vor der Präsidentschaftswahl hat begonnen. Und so wird auch den mit Alexander Lukaschenko konkurrierenden Kandidatinnen und Kandidaten die Möglichkeit gegeben, im Staatsfernsehen für sich zu werben. Auch autoritäre Staaten wollen den Schein von Wahlfreiheit wahren, weshalb nun eine Viertelstunde lang die Worte einer 37-jährigen politischen Newcomerin im Land verbreitet werden, die auf diesen Kanälen sonst tabu sind:

"Guten Tag, ich heiße Swetlana Tichanowskaja. Ich bin Kandidatin für das Amt der Präsidentin der Republik Belarus. Ich werde Ihnen nun erzählen, wer ich bin, wie ich an diesen Ort kam, was in unserem Staat nicht funktioniert, und wie wir unser Leben werden verändern können. Ich bin keine Politikerin. Das ist mein Mann, Sergej Tichanowskij, der kandidieren wollte und deshalb jetzt im Gefängnis ist."

Swetlana und Sergej Tichanowskij sind bis vor ungefähr einem Jahr ein recht gewöhnliches belarussisches Ehepaar gewesen. Sie haben zwei Kinder, eine eigene Wohnung. Sergej ist Unternehmer und Videoproduzent, der viel reist, Swetlana Lehrerin, spricht Russisch, Belarussisch und Englisch. Im März vergangenen Jahres beginnt Sergej einen Videoblog auf Youtube zu führen. Er nennt ihn: "Ein Land für das Leben".

Ihr Mann zeigte Missstände auf

Das Konzept ist bestechend einfach: Tichanowskij reist durch Belarus, auch durch Kleinstädte und Dörfer und spricht mit den Menschen über ihr Leben, filmt Missstände. Hier ein Ausschnitt aus einem Gespräch von Ende März mit einer Bürgerin der Stadt Glubokoe, die zwischen Minsk und der lettischen Grenze liegt:

"Wir wissen doch alle ganz genau, dass die Staatsmacht keine Legitimität besitzt. Der Präsident ist nicht gewählt, es ist alles geklaut. Die Landwirtschaftsbetriebe liegen in Trümmern. Die Betriebe hier halten sich gerade so, die Fleischfabriken, die Futtermittelfabriken, die Molkerei. Die Konservenfabrik haben sie komplett zerstört."

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Das Video erreicht bis heute fast 1,2 Millionen Klicks. Unterstellt man, dass die meisten aus Belarus stammen, ist das viel für ein Land mit rund neun Millionen Einwohnern.

Doch den Herrschenden wird der Blogger wohl rasch zu populär. Sie lassen ihn mehrfach festnehmen; seit Ende Mai sitzt er in Untersuchungshaft. Bei einer Durchsuchung seines Sommerhauses seien 900.000 US-Dollar gefunden worden, so die Ermittler. Die Tichanowskijs entgegnen, das Geld sei ihnen untergeschoben worden, um sie anzuschwärzen.

Nur ein Wahlversprechen: "Ehrliche Wahlen zu organisieren"

Swetlana entscheidet kurzerhand, selbst zu kandidieren. Dabei hatte sie sich nach eigenen Angaben nie für Politik interessiert, ging nur ein Mal wählen, vor fast 20 Jahren. Ihre Stimme habe sie damals Alexander Lukaschenko gegeben. Offenkundig trifft sie einen Nerv: In vielen Orten stehen die Leute bei Sonne und bei Regen Schlange, um für sie zu unterschreiben. Und tatsächlich erlaubt die zuständige Behörde ihre Kandidatur.

"Ich bin nicht der Macht wegen in die Politik gegangen", versichert sie nun in ihrer Fernsehansprache. Sie gibt nur ein Wahlversprechen: "Mein wichtigstes Ziel: Ehrliche Wahlen zu organisieren, an denen alle alternativen Kandidaten teilnehmen können. Stimmen Sie für mich, stimmen Sie für neue, ehrliche und gerechte Wahlen."

Tichanowskaja erklärt, ihre Kampagne finanziere sich vorrangig aus Rücklagen, Spenden und Crowdfunding.

Vor wenigen Tagen hat sie sich mit zwei anderen Frauen zusammengeschlossen – die eine ist die Partnerin eines früheren Diplomaten, der zur Wahl nicht zugelassen wurde. Und die andere hätte den Wahlkampf eines früheren Bankmanagers leiten wollen – aber der wurde auch nicht zugelassen und sitzt in Untersuchungshaft.

Zur ersten Kundgebung des Trios kamen fast 8.000 Unterstützer – auch das ist gemessen an der sonstigen politischen Stille im Land ein neues Phänomen.

Ihre beiden Kinder hat Tichanowskaja außer Landes bringen lassen: Sie sollen sich in einem EU-Land aufhalten – also außerhalb der Reichweite des Sicherheitsapparats von Amtsinhaber Alexander Lukaschenko.

Der hat auf die Herausforderinnen bisher kaum reagiert. Aber er ließ wissen, er halte Frauen grundsätzlich nicht für fähig, das Land zu regieren.

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