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StartseiteEuropa heuteEs geht um die Wurst 28.02.2017

Wahlkampf auf der Pariser LandwirtschaftsmesseEs geht um die Wurst

Auf der Pariser Landwirtschaftsmesse werden sich die Präsidentschaftskandidaten die Klinke in die Hand geben, denn das ländliche Frankreich spielt bei der Wahl eine wichtige Rolle. Doch von der dramatisch schlechten Lage vieler Bauern könnte vor allem die Front National Kandidatin Marine Le Pen profitieren.

Von Anne Raith

Tahon präsentiert seine Zucht dem Publikum auf der Landwirtschaftsmesse Concours General Agricole 2017 in Paris. (Deutschlandradio / Anne Raith)
Tierzüchter François Tahon präsentiert seine Zucht dem Publikum beim Concours General Agricole 2017 in Paris. (Deutschlandradio / Anne Raith)
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François Tahon gibt sich alle Mühe, seine Schafe zu beruhigen. Doch so einfach wollen sich die Tiere nicht auf den bereitstehenden Anhänger bugsieren lassen, damit Tahon sie gleich einige Meter weiter dem Publikum präsentieren kann.

"Wir kommen aus dem Massif Central, das ist eine bergige Region mit langen Wintern und heißen Sommern, ein schwieriges Klima. Diese Tiere kommen gut mit den widrigen Bedingungen klar. Deshalb wollen wir unsere Rassen hier bekannter machen."

Auch sein Standnachbar Gérard Genty kommt aus dem Zentralmassiv. Er züchtet Salers-Rinder, sehr eindrucksvolle rotbraune Tiere, die stoisch die klickenden Kameras der Besucher zu ignorieren versuchen.

"Beim Salon dabei zu sein ist eine Ehre, man muss ja ausgewählt werden. Hier kann man Kontakte pflegen und wir nehmen mit den Tieren auch am Wettbewerb teil."

Es geht darum, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen

Auch für die Politiker ist es eine Frage der Ehre, beim Salon aufzukreuzen. Und: es geht um Wettbewerb. Darum, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen.

Präsident François Hollande hat am Wochenende ein letztes Mal in seiner Amtszeit die Internationale Landwirtschaftsmesse, den Salon International de l’Agriculture, eingeweiht und die Bedeutung der Landwirtschaft für Frankreich hervorgehoben. Und fast alle Präsidentschaftskandidaten werden es ihm in dieser Woche gleichtun. Das ländliche Frankreich spielt bei der Wahl eine wichtige Rolle. Nur leider sind die Landwirte auf die Politik nicht besonders gut zu sprechen.

"Die Politiker haben immer einen Koffer voller Versprechungen dabei. Die Präsidenten wechseln sich ab, aber das Ergebnis ist immer das gleiche."

Gérard Genty sieht nicht so aus, als könne ihn einer der Präsidentschaftskandidaten vom Gegenteil überzeugen. Und er ist nicht der einzige.

"Die Lage ist katastrophal", pflichtet ihm René Becker bei, weil die Preise weiter sinken. Becker ist im Saarland geboren, aber in Frankreich aufgewachsen. Er war selbst lange Landwirt, bevor er eine Bürgerinitiative zum Freikauf von Land gegründet hat, die den Direktverkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen fördern soll. Er selbst wohnt auf einem Hof im Burgund.

Hohe Selbstmordrate unter den Bauern

"Viele Bauern können nicht mehr von ihrem Beruf leben. Ein Markstein ist, dass viele Bauern Selbstmord begehen. Offiziell sagt man, es sei einer jeden Tag oder jeden zweiten Tag, aber in Wirklichkeit sind es mehr."

Erst vor wenigen Tagen hat sich eine Milchbäuerin und Mutter zweier Kinder das Leben genommen. Sie ertrage die Situation nicht mehr, heißt es in ihrem Abschiedsbrief.

"Der Bauer ist so an sein Land gebunden, an seine Tiere, seine Pflanzen, das erlebt er als échec, als Versagen. Es gibt dadurch auch viele Depressionen, viel Einsamkeit."

Durchschnittlich zehn Anrufe gehen jeden Tag bei der Hotline ein, die die Versicherung der Landwirte wegen der hohen Zahl an Selbstmorden eingerichtet hat. Die Milch- und Getreideproduzenten sind jene, die am meisten unter den fallenden Preisen leiden, doch auch Rinderzüchter wie Genty klagen, obwohl die Regierung die Hilfen für Rinderzüchter gerade erst verlängert hat. Die Geflügelzüchter wiederum leiden unter den Folgen der Vogelgrippe. 600.000 Enten mussten im Südwesten des Landes seit Januar getötet werden.

Zuwenig Nachwuchs

In diesem Jahr haben sich außerdem auch die jungen Landwirte mit einem Manifest an die Präsidentschaftskandidaten gewandt: Frankreich habe in den vergangenen zehn Jahren über 30 Prozent seiner Landwirte verloren. Sorgen, die Rinderzüchter Gérard Genty kennt und teilt:

"Der Beruf interessiert nicht mehr besonders viele. Das ist ein harter Job, bei dem man zu wenig verdient. Das ist nur was für Leute, die eine Leidenschaft für die Landwirtschaft haben."

Das gleiche hört man auch in der nächsten Messehalle von Éric Allain, einem Mann mit wattierter Weste und kräftigem Schnurrbart. Er ist mit seinen besten Stutenfohlen aus dem Département Loire-Atlantique nach Paris gereist, um am diesjährigen Wettbewerb teilzunehmen.

"Die Pferdezucht spielt keine große Rolle mehr, wir sind Züchter aus Leidenschaft, wir wollen die Tradition bewahren. Aber wir haben nicht nur Zucht-, sondern auch Arbeitspferde und wir verkaufen Fleisch, sonst könnten wir unsere Pferdezucht nicht retten."

Die Präsidentschaftskandidaten haben – alle bis auf eine – in diesen Tagen noch eine andere große Sorge: Dass die Landwirte wegen all ihrer Nöte mit einer weiteren Tradition brechen und nicht mehr mehrheitlich konservativ oder zu einem kleineren Teil links wählen, sondern sich enthalten. Oder der Kandidatin Marine le Pen vom Front National ihre Stimme geben.

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