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Wahlkampf-Experte Frank StaussTV-Duell kann einen Impuls für die SPD geben

Viele Menschen würden SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz noch nicht sehr gut kennen, sagte Wahlkampf-Experte Frank Stauss im Dlf. "Das ist eine große Chance für ihn, aber natürlich auch ein Risiko". Persönliche Attacken auf die Kanzlerin wären ein Fehler, aber politisch sei sie auf jeden Fall angreifbar.

Frank Stauss im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann | 02.09.2017

Wahlkampfexperte Frank Stauss nach der Aufzeichnung der ZDF-Talkshow "Markus Lanz". Stauss war in den 90er-Jahren in der Kampagne des späteren US-Präsidenten Bill Clinton und seines Vize Al Gore involviert.
Wahlkampfexperte Frank Stauss war in den 90er-Jahren in der Kampagne des späteren US-Präsidenten Bill Clinton und seines Vize Al Gore involviert (picture alliance / dpa / Georg Wendt)
Dirk-Oliver Heckmann: Morgen ist es also so weit, das erste und einzige sogenannte TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz findet statt und wird auf vier Fernsehkanälen gleichzeitig ausgestrahlt. Die Sozialdemokraten setzen große Hoffnungen auf diese Begegnung, denn die SPD befindet sich nach dem anfänglichen Hype um Schulz bekanntlich wieder im Umfragetief. Andererseits: Fast die Hälfte der Wähler ist noch unentschlossen, das Duell bietet also durchaus Chancen. Und darüber können wir jetzt sprechen mit Frank Stauss, er ist Strategieberater bei der Agentur ButterBerlin, er ist SPD-Mitglied, Wahlkampfexperte, er hat über 30 Wahlkämpfe auf Bundes- und Landesebene begleitet und geprägt, unter anderem für Gerhard Schröder, Peer Steinbrück, Hannelore Kraft, Frank-Walter Steinmeier. Schönen guten Tag, Herr Stauss!
Frank Stauss: Hallo, ich grüße Sie!
"Das Highlight des Wahlkampfs"
Heckmann: Herr Stauss, beide Kandidaten dürften sich in diesen Stunden ja intensiv auf das TV-Duell vorbereiten. Was läuft da konkret in beiden Lagern ab, wie muss man sich das vorstellen?
Stauss: Es ist tatsächlich das Highlight des Wahlkampfs, sie werden beide nie wieder die Möglichkeit haben, so viele Zuschauer in einem Moment zusammen zu erreichen. Und wir wissen ja auch aus der Erfahrung, wenn eben so viele Menschen zuschauen, dann wird auch am nächsten und am übernächsten Tag noch darüber gesprochen, am Arbeitsplatz, an der Uni, in der Schule, überall. Und deswegen ist das tatsächlich der wichtigste Moment. Jetzt haben wir allerdings einen Punkt erreichen, einen Tag vor dem Duell, wo es beide Kandidaten am besten täte, sich zurückzunehmen, also Momente der Entspannung einzuplanen, möglichst sich morgen auch den Tag vor dem Duell freizuhalten, weil, beide werden Anspannung haben, die wird bei Martin Schulz noch etwas höher sein, weil er das zum ersten Mal bestreitet, für Angela Merkel ist es ja jetzt das vierte Mal. Aber auch sie - und das zeigt die Erfahrung - hat viel zu verlieren.
Heckmann: Man kann sich auch vorstellen, dass beide Kandidaten sozusagen mögliche Fragen durchspielen, Counterparts an ihrer Seite haben und die ganze Situation schon mal proben?
Stauss: Ja, bei beiden kann man mal eine Professionalität unterstellen. Es ist auch wichtig, das zu tun, auch für Frau Merkel ist das wichtig, Herr Schulz ist wieder ein anderer Herausforderer, als das Peer Steinbrück war, oder eine ganz andere Situation als damals gegen den amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder anzutreten. Insofern ist es ganz, ganz wichtig, und für Martin Schulz ist es eben auch - Sie sagten es eingangs schon - einer der wenigen Momente, wo er sich noch mal so vielen Menschen präsentieren kann und damit auch noch mal das Ruder herumreißen kann. Der große Unterschied zu den vergangenen Duellen ist, dass viele Menschen eben Martin Schulz noch nicht so gut kennen, wie sie damals Frank-Walter Steinmeier oder Peer Steinbrück bereits kannten. Das ist eine große Chance für ihn, aber natürlich auch ein Risiko. Viele werden jetzt zum ersten Mal richtig hinschauen, und wenn ihnen das gefällt, was sie an Schulz sehen, dann kann das auch noch mal einen richtigen Impuls für die SPD geben.
"Am Ende war die Kanzlerin immer Angela"
Heckmann: Kann noch mal einen wichtigen Impuls geben, aber wie wichtig sind denn die TV-Duelle in der Vergangenheit gewesen? Haben sie schon mal eine entscheidende Wende gebracht?
Stauss: Das TV-Duell allein sicherlich nicht, aber es kann Bestandteil einer entscheidenden Wende sein. Die berühmteste Entwicklung war sicherlich die 2005, nach dem TV-Duell Gerhard Schröder/Angela Merkel, da waren die Umfragen vom ARD und ZDF im Vorfeld der TV-Debatte so, dass die CDU/CSU bei ungefähr 43 Prozent lag in den Umfragen und am Wahlkampf selbst, 14 Tage später, ist sie nur auf 35 Prozent gekommen, während die SPD angestiegen ist. Bei den anderen, folgenden Duellen wurden zwar in den Blitzumfragen nach den Sendungen immer Peer Steinbrück oder Frank-Walter Steinmeier als die Sieger gekürt, aber mit geringeren Margen. Und eine Erfahrung gibt es halt auch: Egal, wie die Duelle ausgegangen sind, die letzten drei, am Ende war die Kanzlerin immer Angela Merkel.
Heckmann: Jetzt ist natürlich die Frage: Wie sollte Martin Schulz als Herausforderer vorgehen? Angela Merkel sagt ja immer, wir gehen Schritt für Schritt vor, insgesamt läuft es aber ja ganz gut in Deutschland. Kajo Wasserhövel, der SPD-Wahlkampfmanager von 2005 und 2009, hat geraten, Merkel persönlich zu attackieren sei kein Fehler. Sehen Sie das genauso?
Stauss: Ich glaube, es wäre ein Fehler, sie persönlich zu attackieren, das glaube ich nicht. Aber politisch ist sie auf jeden Fall angreifbar. Und das ist, glaube ich, eine ganz, ganz wichtige Gratwanderung, die Martin Schulz morgen absolvieren muss, dass er auf der einen Seite sagt, ich kann das besser, wir haben hier Defizite in Deutschland, denken Sie auch an die Frage der Zukunftsfähigkeit unseres Landes, da ist Diesel-Gate vielleicht ein ganz wichtiger Punkt, wo viele Menschen sehen, vielleicht sind wir ja gar nicht so richtig gut aufgestellt; aber auch andere Augenblicke gibt es. Man darf nur nicht verbissen dabei wirken. Man sollte von vornherein akzeptieren: Dieses Format ist eigentlich kein Duell. Es gab ja viele Debatten darüber im Vorfeld, es ist ein so enges Korsett, dass man viel eher die Chance nutzen sollte, für sich zu werben, als mit einer Aggressivität in die Debatte zu gehen, wo man denkt, man müsste jemand anderen stellen. Es ist eine Riesenchance für Martin Schulz, für sich und sein Programm zu werben. Und wenn er das macht, dann kann er besser punkten, als wenn er die Kanzlerin jetzt auf irgendeine persönliche Art und Weise attackiert. Habe ich aber von ihm auch so noch nicht gehört.
"Schulz kann freier aufspielen als ein Bundesminister"
Heckmann: Wie groß ist das Problem, Herr Stauss, dass Schulz Merkel ablösen will, aber seine Partei, die SPD, Teil der Regierung ist?
Stauss: Ja, das ist von Anfang an eine schwierige Situation gewesen. Die kannte man allerdings auch schon vor vier Jahren, als man sich entschlossen hat, in diese Regierung zu gehen. Auf der anderen Seite ist eben Martin Schulz auch nicht Bestandteil dieser Bundesregierung, er kann deshalb freier aufspielen, als wenn er beispielsweise ein ins Kabinett eingebundener Bundesminister wäre.
Heckmann: Aber er kann immer nur sagen: Ja, das ist ja schon ganz gut gewesen, was wir gemacht haben mit der Regierungsbeteiligung der SPD, ich will es nur etwas besser machen. Ob das jetzt die Leute so überzeugt, ist die Frage!
Stauss: Ja, das ist eine Schwierigkeit, das ist eine strategische Herausforderung für ihn. Auf der anderen Seite, klar, ich meine, er kann immer sagen: Ja, wir haben Dinge auf den Weg gebracht, die SPD hat ja auch einiges vorzuweisen in der Regierung. Aber es gibt eben Dinge, die ich als Bundeskanzler anders machen würde, und dafür gibt es ja auch eine Richtlinienkompetenz von einem Bundeskanzler, die man eben nicht hat, wenn man Bundesminister ist. Und insofern, das ist glaube ich gar nicht mal so sehr das Problem. Seine Hauptherausforderung, auch in den nächsten drei Wochen ist, die SPD wieder so nah an die CDU heranzuführen, dass eine Spannung aufkommt. Denn ansonsten erleben wir, was wir auch schon in vergangenen Wahlen erlebt haben: Wenn die beiden großen Parteien nicht konkurrenzfähig sind, also nicht weniger als fünf, sechs Prozent auseinander sind, dann beginnen die Wähler, sich eher zu zerfransen und wieder zu den kleineren Parteien zu gehen, individuell zu wählen. Und dann kann es sein, dass am Ende beide großen Parteien im Vergleich zur letzten Wahl verlieren.
Heckmann: Sie haben es gerade eben schon gesagt, Herr Stauss: Angela Merkel hat ja bereits drei TV-Duelle bestritten, nie ging sie so richtig als Siegerin hervor, und die Wahlen hat sie trotzdem dann immer gewonnen. Heißt das, Schulz kann sich anstrengen, wie er will, am Ende hat Angela Merkel doch die Nase vorn?
Stauss: Nein, so ist es zum Glück nicht! Sonst könnten wir uns das alle ersparen und am Sonntag einen "Tatort" gucken, den es nicht gibt. Aber nein, so ist es tatsächlich nicht. Wir haben eben erfahren in den letzten Wahlen, dass sich die Menschen sehr spät entscheiden, dass es wirklich eine viel größere Fluktuation gibt als in der Vergangenheit …
Kritik an kurzer Vorbereitungszeit des SPD-Wahlkampfs
Heckmann: Das ist ja die größte Zahl an Unentschiedenen diesmal.
Stauss: An Unentschiedenen, die sich dann tatsächlich aber auch zum Teil sehr stark in eine Richtung entscheiden, das war früher anders, da haben die sich am Ende einigermaßen gleich verteilt, wie die anderen auch. Und wir haben zum Beispiel bei den Landtagswahlen jetzt in Rheinland-Pfalz, in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Schleswig-Holstein erlebt, dass derjenige, der vier Wochen vorher in den Umfragen geführt hat, am Ende verloren hat. Und das ist natürlich auch immer noch eine Möglichkeit bei dieser Bundestagswahl.
Heckmann: Letzte Frage, Herr Stauss: Sie waren gefragt worden, ob Sie die Kampagne leiten wollen sozusagen. Sie haben es abgelehnt mit der Begründung, weil ein Jahr vor der Wahl weder Kandidat noch Strategie erkennbar waren. Fühlen Sie sich im Nachhinein eigentlich bestätigt, ist die SPD jetzt wieder einmal hineingestürzt in eine Bundestagswahl?
Stauss: Als Sozialdemokrat hätte ich lieber nicht recht behalten, um ganz ehrlich zu sein. Es ist sicherlich nicht auch der einzige Punkt. Aber für den Teil, den ich beitragen kann zu einer Kampagne, also wirklich auch Organisation, Planung, strategische Ausarbeitung, das ist nicht immer der Schlüssel zum Erfolg, aber ohne eine solche funktionierende Organisation muss man eigentlich erst gar nicht antreten. Und insofern, ja, ich halte es nach wie vor für einen Fehler, dass die Entscheidung so spät fiel, und ich glaube, die Kampagne hätte insgesamt ruckelfreier, sage ich jetzt mal, organisiert werden können, als es das war. Und wenn man eine Bundeskanzlerin aus dem Amt vertreiben will, die so erfahren ist wie Angela Merkel und so lange in diesem Amt ist, dann muss man sich auch ein paar Gedanken machen, die länger als fünf, sechs Monate im Voraus entstehen.
Heckmann: Wir werden sehen, wie sich das weiterentwickelt, einstweilen schönen Dank an den Politikberater Frank Stauss, Wahlkampfexperte, Autor des Buchs "Höllenritt Wahlkampf", erschienen bei dtv. Herr Stauss, schönen Dank für Ihre Zeit!
Stauss: Herzlichen Dank!
Heckmann: Und der Deutschlandfunk überträgt das TV-Duell morgen, anschließend analysiert Stephan Detjen das Duell mit seinen Gästen, das Ganze ab 20:05 Uhr hier im Deutschlandfunk.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. DLFKultur/Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.