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StartseiteKultur heuteDas Raubtier in uns10.05.2019

Wajdi Mouawads „Fauves“ in Paris uraufgeführtDas Raubtier in uns

Der im Libanon geborene Autor Wajdi Mouawad hat immer wieder seine traumatisierenden Erfahrungen im Bürgerkrieg in großen epische Erzählungen verarbeitet. Sein neues Stück „Fauves“ ("Raubtier") erzählt von der Macht des Verdrängten. Das Pariser Théâtre National de la Colline betreibt Traumaforschung.

Von Eberhard Spreng

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Eine Szene aus "Fauves" von Wajdi Mouawad am Théâtre national de la Colline in Paris (Alain Willaume / tendance floue)
Eine Szene aus "Fauves" von Wajdi Mouawad am Théâtre national de la Colline in Paris (Alain Willaume / tendance floue)
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Ein kleines Hotelzimmer, eingerahmt von Paneelen. Eine Gewaltszene zwischen Liebenden, die im Mord endet: Eine weiße Frau rammt ihrem schwarzen Liebhaber ein Messer in den Leib. Dann die Wiederholung der Szene: Ein Zuschauer hockt neben dem Spielraum. Es ist der Filmregisseur Hippolyte Dombre, der den Akteuren Anweisungen gibt.

Filmschnitt auf der Theaterbühne

So als wären sie Bilder auf einem Videoband im schnellen Rücklauf, huschen die Akteure auf frühere Positionen im Raum zurück und beginnen die Szene aufs Neue. So beginnt der lange Theaterabend und das neue Stück des Wajdi Mouawad. Immer wieder ist diese Mordszene in einem kleinen Hotelzimmer zu sehen und immer wieder nimmt der hochkonzentriert zuschauende Hippolyt daran Veränderungen vor. Der Regisseur will sie unreflektierter, animalischer, urgewaltiger.

Traumatisches Erbe

Noch weiß er selbst nicht, welche Energie ihn umtreibt und dass die Motive für sein Tun in der eigenen verborgenen Familiengeschichte zu suchen sind. Die schiebt sich nun immer mehr um den ursprünglichen Handlungsstrang um den Regisseur und seine Arbeit in Frankreich, die Nachricht vom Unfall seiner Mutter in Quebec, sein Aufenthalt dort. Dass sein leiblicher Vater ein anderer ist, erfährt er nach dem Tod der Mutter von einem Notar. Dann folgen weitere, verborgene Geschichten. Sein leiblicher Vater hatte auch Kinder mit einer anderen Frau. In Kanada lernt er so seinen Halbbruder kennen und dessen Mutter Nimrah.

"Elle ne t’a pas parlé du pacte, elle ne t’a pas parlé de moi, Nimrah, elle ne t’a rien dit ?"

Zwei Frauen, so erfährt der Zuschauer in einer von Gewalt und Vergewaltigung, von Verrat und fatalen Irrtümern geprägten Geschichte, hatten dereinst beschlossen, ihre Neugeborenen zu tauschen. Weil sie glaubten, so die Erinnerung an deren düstere Empfängnis hinter sich lassen zu können. Und um zu einer Mutterliebe fähig zu sein, die nicht von Hass verdunkelt wird. Der Hass auf Väter, die ihre Kinder mit einem traumatischen Erbe allein lassen. Das verdrängte Trauma, so weiß die Familienpsychologie und so erzählt der Dramatiker, taucht von Generation zu Generation immer wieder neu auf. Der Pakt der Mütter, der Kindstausch zwischen Nimrah und Leviah, kann daran letztlich nichts ändern. Er ist eines der zentralen Handlungsmotive des Stücks "Fauves".

Verdrängte Familiengeschichte

Wie schon in seinem auch in Deutschland bekannten Stück "Verbrennungen" schickt der Autor seine Protagonisten auf die Suche nach ihrer verdeckten, verdrängten Familiengeschichte, zu der auch das Erbe jüdischer Erfahrungswelten gehört.

Wann immer man glaubt, an den Quell des Übels gelangt zu sein, an die Gewalt-Urszene im Verhältnis zwischen Mann und Frau, kommt Mouawad mit einer neuen Wendung. Plötzlich ist ein alter Mantel mit Judenstern auf der Bühne und unvermittelt ist von der Montrealer Exilantenszene der 1930er Jahre die Rede. Plötzlich will Mouawad aus der privaten Geschichte in die große Zeitgeschichte ausgreifen, und weil bei ihm eben alles über Figuren erzählt wird, werden es derer am Ende zu viele.

Rhythmisch perfekte Regie

Spielerisch wird das zum Teil wunderbar vorgeführt: Von Jérôme Kirchner als Hippolyte und Lubna Azabal als Nimrah zum Beispiel. Immer wieder werden Szenen in dieser äußerst komplexen, figurenreichen Familiensaga unterbrochen, rückenschlagartig vergangene Situationen in die laufende Handlung. All das kommt, spektakulär genug, ohne Videoprojektionen aus. Hier verschränkt das Theater selbst mit seinen eigenen, alten Mitteln des Spiels verschiedene Wirklichkeitsebenen ineinander. Nie schien Mouawad in seiner rhythmisch perfekten Regie den Arbeiten des großen frankokanadischen Vorbildes Robert Lepage näher, im Zaubern mit dem Dekor, das sich aus vier, fünf Elementen ständig zu neuen Räumen und Zeitebenen zusammensetzt. Das geht so dahin, gebannt verfolgt vom Publikum im Théâtre de la Colline, bis der letzte Nachkomme der Geschichte, Hippolytes Sohn Lazare, als Raumfahrer nun gleich die ganze Menschheit in den Blick nehmen soll:

"La destruction de la terre nous a été transmise dans le silence, dans la déni et dans le mensonge."

Wir erben eine Katastrophe, die man uns verschwiegen hat, sagt der Astronaut mit dem Blick auf die Erde. Aber nichts kann uns von der Wahrheit verschonen, die uns verschlingen wird. Vielleicht ist das Kronos, der Urvater der Geschichte, der alles, was er hervorbringt, wieder verschlingt. Auch Léo Ferrés "Le temps" wird immer wieder zart angespielt. Alles vergeht mit der Zeit. Auch das Theater, das seinen Faden im Mythos und im Übermaß der Geschichten ein wenig verliert.

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