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StartseiteInterview"Auch für uns in Europa ein zunehmendes Problem"04.01.2020

Waldbrände"Auch für uns in Europa ein zunehmendes Problem"

Dass die Waldbrände in Australien mit dem Klimawandel zusammenhängen sei "in der Wissenschaft unumstritten", sagte der Klimaforscher Stefan Rahmstorf im Dlf. Auch in Europa werde die Waldbrandgefahr zunehmen, insbesondere die Vegetation am Mittelmeer sei in Gefahr und könne langfristig Wüsten weichen.

Stefan Rahmstorf im Gespräch mit Peter Sawicki

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Ein Buschfeuer in der Nähe der kleinen Stadt Moruya. (AFP)
3000 zusätzliche Reservisten des Militärs sollen für die Bekämpfung des Feuers mobilisiert werden (AFP)
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Es sind dramatische Bilder, die mittlerweile seit Monaten in Australien zu sehen sind. Fast im ganzen Land stehen große Teile der Vegetation in Flammen, seit Oktober ist in Australien eine Fläche etwa so groß wie die von Belgien abgebrannt. Mindestens 17 Menschen sind bislang umgekommen, dazu mutmaßlich Millionen von Tieren. Und auch durch das Phänomen der sogenannten Feuerwolken breiten sich die Brände immer weiter aus.

Peter Sawicki: Es ist ja in den Medien zuletzt immer öfter von Begriffen wie Inferno und Feuerhölle die Rede gewesen in Australien. Trifft das aus Ihrer Sicht zu?

Rahmstorf: Ja, das sind auf jeden Fall Brände von bislang nie dagewesenem Ausmaß und Intensität, die eben mit der extremen Dürre zusammenhängen, die in Australien herrscht.

Sawicki: Also eine neue Qualität, die da jetzt entstanden ist?

Rahmstorf: Richtig. Und der australische Wetterdienst, der berechnet ja immer diesen Feuerwetterindex, in den praktisch die Niederschläge, Temperaturen, Winde eingehen. Der hat im vergangenen Frühjahr eine Rekordhöhe erreicht, die es nie zuvor gegeben hat.

Sawicki: Nun ist Australien ja grundsätzlich ein Land, wo hohe Temperaturen herrschen, wo es oft trocken ist, wo es auch immer wieder Brände gegeben hat. Warum in diesem Jahr beziehungsweise jetzt in diesem australischen Sommer diese Verschärfung der Situation?

Rahmstorf: Solche Extreme entstehen ja immer dann, wenn die natürlichen Wetterschwankungen, die es immer gibt, in dieselbe Richtung gehen und zusammentreffen mit dem Klimatrend, der von uns Menschen verursacht wird. Wenn diese Effekte sich praktisch aufaddieren, dann kommt es zu solchen Rekordwetterextremen.

"Das ist eine sichere Vorhersage der Klimaforschung gewesen"

Sawicki: War das absehbar, dass das in Australien in diese Richtung sich entwickeln könnte?

Rahmstorf: Dass die Gefahr von Waldbränden und Hitzewellen zunimmt, davor wird seit vielen Jahren gewarnt in den Berichten des Weltklimarats IPPC zum Beispiel. Da wurde schon vor über zehn Jahren die Wahrscheinlichkeit, dass das in Australien passiert, mit über 99 Prozent angegeben. Das ist eine sichere Vorhersage der Klimaforschung gewesen, dass diese Buschbrände in Australien und übrigens auch in einigen anderen Weltregionen wie Kalifornien oder dem Mittelmeerraum zunehmen durch die globale Erwärmung.

Sawicki: Darüber können wir gleich auch noch mal sprechen, was das über Australien hinaus vielleicht noch für Konsequenzen haben könnte, beziehungsweise ob das mehr oder weniger übertragbar ist. Aber jetzt in Australien selber, ist es also für Sie offensichtlich beschlossene Sache, dass das mit dem Klimawandel zu tun hat, was wir da jetzt sehen?

Rahmstorf: Ja, das ist in der Wissenschaft unumstritten und völlig klar. Man kann eigentlich sagen, es ist ein No-Brainer. Es ist ja offensichtlich, wenn es heißer und trockener wird, dass dann die Waldbrandgefahr entsprechend zunimmt. Und wie gesagt, das ist lange vorhergesagt worden, das kann man in den Berichten nachlesen, auch von der australischen Wetterbehörde selber wurde davor gewarnt. Und auch von Brandexperten, die ja schon im April oder Mai des letzten Jahres versucht haben mit Morrison, dem australischen Premierminister, einen Termin zu bekommen, um mit ihm über – weil ja die Dürre schon lange anhält – die Gefahren in dem kommenden Feuersommer zu sprechen, wie man da Vorsorge treffen kann, aber Morrison hat das ja abgelehnt.

"Morrison ist ja wirklich ein Kohlelobbyist"

Sawicki: Und wieso dringt man da nicht zu ihm und auch zu vorherigen Politikern nicht durch? Liegt das wirklich nur an der Kohle, jetzt in dem Sinne, der Kohle, die exportiert wird, die dort gewonnen wird?

Rahmstorf: Ich glaube schon, denn Morrison ist ja wirklich ein Kohlelobbyist, der mit einem Klumpen Kohle im Parlament aufgetreten ist und das hohe Lied der Kohle dort gesungen hat. Er hat in seiner Partei einfach eine große Fraktion direkter Wissenschaftsleugner, die überhaupt die Existenz eines von Menschen gemachten Klimawandels verleugnen.

Sawicki: Gut, aber woran liegt das, dass das eben offenbar zumindest einigermaßen konsensfähig gewesen ist über die vielen Jahre, sie kennen ja Australien selber aus eigener Hand. Ist das irgendwo auch eine andere Mentalität mit Blick darauf dort?

Rahmstorf: Nein, es war auch nicht konsensfähig. Wenn Sie die Geschichte der australischen Regierungen der letzten Jahre anschauen, da gab es ja immer wieder Regierungswechsel, Regierungschefs, die gestürzt worden sind wie Turnbull. Und das hat sich immer am Streit um Klimaschutzmaßnahmen entzündet. Also, das ist seit Langem ein heiß umstrittenes Thema in Australien, weil eben die Kohlelobby dort so stark ist, und auch die Medienwelt, das darf man auch nicht vergessen, ist dominiert durch das Medienimperium von Rupert Murdoch. Und da werden einfach, das beobachte ich seit Jahrzehnten, ständig solche Klimaleugner-Thesen verbreitet, die wissenschaftlich einfach nicht Hand und Fuß haben. Und das ist auch das Problem übrigens in den USA. Trumps Lieblingssender Fox News ist ja auch von Murdoch, der hat das gleiche Problem.

Bei der Thüringer Klimakonferenz sitzt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut am 12.05.2014 in Erfurt während einer Pressekonferenz auf dem Podium. (dpa-Zentralbild)Stefan Rahmstorf ist einer der führenden deutschen Klimaforscher (dpa-Zentralbild)

Sawicki: Und ist dem entgegenzukommen, glauben Sie, jetzt angesichts der neuen Entwicklungen?

Rahmstorf: Ich hoffe, dass jetzt doch ein Umdenken in Australien einsetzt, was einerseits die Qualität der Klimaschutzpolitik der Regierung angeht, weil die australische Regierung hat ja bei dem Klimagipfel in Madrid wirklich zusammen mit Saudi-Arabien, USA, Brasilien gemauert und wesentlich zum Scheitern des letzten Klimagipfels beigetragen. Und ich denke, die Australier müssen einfach sich auch noch mal mit der Qualität ihrer Medien auseinandersetzen. Ich glaube, das beginnt jetzt auch, dass auch mal direkt gesagt wird, dass zum Beispiel die nationale Zeitung, "The Australian", auch von Murdoch, hier systematisch die Klimakrise herunterspielt.

Sawicki: Welche langfristigen Konsequenzen können Sie in irgendeiner Form schon absehen, welche langfristigen Konsequenzen es für die Natur, für den Tierbestand in Australien geben könnte?

Rahmstorf: Diese riesigen Brände haben natürlich jetzt schon eine sehr große CO2-Menge freigesetzt, denn beim Verbrennen von Wald wird eben auch CO2 in die Luft abgegeben, der vorher gespeichert war in der Biomasse. Es ist also für den globalen Klimawandel eine ziemlich schlechte Nachricht. Und ich kann jetzt noch nicht die genauen Zahlen nennen, wie viel da zusammengekommen ist, aber das hat Australiens Emissionen, wenn man die Landflächen mit einbezieht, schon erheblich erhöht im vergangenen Jahr.

Sawicki: Und wie lange kann das dauern, bis sich die Natur, die Vegetation erholt von so einem schweren Brand oder Bränden besser gesagt.

Rahmstorf: Das dauert schon Jahrzehnte, bis da die Wälder wieder nachwachsen. Das Problem ist natürlich, der Klimawandel schreitet weiter voran, die nächste Dürre wird irgendwann kommen. Und es ist für die Zukunft insgesamt auf der Erde, nicht nur in Australien, eine ganz entscheidende Frage, ob wir es schaffen können, den Klimawandel so rechtzeitig zu stoppen, dass uns nicht große Teile von Wäldern auch in anderen Weltgegenden verloren gehen, weil sie eben nicht an das sich stark verändernde Klima mehr angepasst sind.

Waldbrandgefahr steigt auch in Europa

Sawicki: Stichwort andere Regionen, Sie haben das ja vorhin angedeutet: Kalifornien, der Mittelmeer sind auch Regionen, die davon betroffen sein könnten. Könnte da so etwas wirklich auch sichtbar sein, so etwas wie jetzt in Australien zu sehen?

Rahmstorf: Ja, wir haben ja sogar in Europa auch schon im Mittelmeerraum in den letzten Jahren immer wieder verheerende Brände gehabt, auch mit vielen Toten übrigens in Griechenland oder in Portugal. Und das ist auch für uns in Europa ein zunehmendes Problem. Und es gibt ja auch zum Beispiel eine Studie, die die Klimadaten der letzten 10.000 Jahre ausgewertet hat und zu dem Schluss gekommen ist, dass selbst zwei Grad globale Erwärmung, dass da selbst große Teile der typischen Mittelmeervegetation nicht überleben würden. Und dann ist eben mit einem Vordringen der Wüste über das Mittelmeer hinweg nach Portugal, nach Spanien hinein, das ist durchaus ein zu befürchtendes Szenario.

Sawicki: Was könnte man denn kurzfristig tun, um da zumindest Vorsorge zu leisten?

Rahmstorf: Kurzfristig helfen natürlich nur Anpassungsmaßnahmen, also besser vorbereitet sein. Auch das kann man ja der Regierung von Morrison in Australien vorwerfen, dass sie auf diese absehbare Feuersaison in diesem Sommer nicht richtig vorbereitet war. Langfristig wird jede Anpassung natürlich nur dann erfolgreich sein, wenn es auch gelingt, den Klimawandel zu stoppen, also das Pariser Abkommen konsequent umzusetzen.

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Sawicki: Aber Vorbereitung kurzfristig in welcher Hinsicht, was genau?

Rahmstorf: In Richtung Brandschutz. Da kenne ich mich natürlich jetzt nicht im Detail aus, aber man muss halt entsprechend Löschflugzeuge und all diese Dinge vorhalten, damit man dann mit einer solchen extremen Brandsituation auch besser klarkommt und besser gerüstet ist. Das hört man ja aus der australischen Feuerwehr heraus, dass es da große Klagen über mangelnde Ausrüstung gibt.

Sawicki: Aber heißt das dann im Umkehrschluss, dass diese Feuer grundsätzlich demnächst zum Alltag gehören werden in verschiedenen Regionen auf der Welt?

Rahmstorf: Auf jeden Fall kann man sagen, die Feuergefahr nimmt zu. Es wird natürlich nicht jetzt jedes Jahr solche Feuer geben. Da gibt es natürliche Wetterschwankungen, die sich mit dem Klimatrend überlagern, dann werden auch wieder ein paar feuchte Jahre kommen. Aber generell geht der Trend in Richtung sich verschärfende Waldbrandgefahr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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