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StartseiteForschung aktuell"Behörden hätten sich anders vorbereiten können"19.11.2019

Waldbrände in Australien"Behörden hätten sich anders vorbereiten können"

In den Bundesstaaten New South Wales und Queensland entlang der Ostküste Australiens lodern derzeit unkontrollierbare Feuer. Zwei Experten aus Deutschland berichten über mögliche Ursachen der Brände und die Fehler der Behörden.

Alexander Held und Detlef Maushake im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Straßenverlauf, im Hintergrund brennender Wald  (Getty Images / AsiaPac/ Brett Hemmings)
Buschfeuer in Colo Heights im Bundesstaat New South Wales in Australien am 15.11.2019 (Getty Images / AsiaPac/ Brett Hemmings)
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Lennart Pyritz: Die Zerstörungen durch die Brände haben bereits zu scharfen politischen Debatten über den Einfluss des Klimawandels geführt. Forschende warnen vor Gesundheitsbelastungen durch die riesigen Rauchschwaden. Heute Morgen habe ich mit zwei Experten über Ausmaß und Ursache der Buschbrände gesprochen: Alexander Held, Fortwissenschaftler vom European Forest Institute mit Schwerpunkt Waldbrandmanagement. Und Detlef Maushake, Vorsitzender des Vereins für Wald- und Flächenbrandbekämpfung. An ihn ging auch meine erste Frage. Ich wollte wissen, wie sich die Brände in den letzten Tagen entwickelt haben?

Detlef Maushake: Das komplette Ausmaß ist schwer zu erfassen, da es sich ja nicht um ein Feuer handelt, sondern um viele Feuer. Um ein Beispiel der Größe mal zu geben, um das abzuschätzen, ein Feuer in New South Wales brennt derzeit mit etwa 150.000 Hektar in einem Nationalpark, ist nicht eingedämmt. Es ist schon so, dass die extreme Wetterlage und die Umweltbedingungen dazu beitragen, dass die Feuer im Moment so extrem groß werden.

Pyritz: Wie werden diese Brände seitens der australischen Feuerwehr bekämpft, welche Maßnahmen kommen da zum Einsatz?

Maushake: Im Prinzip die gesamte Bandbreite der Waldbrandbekämpfung, von Fahrzeugeinsatz, also mobiler Fahrzeugeinsatz mit Löschfahrzeugen mit Tanks, Bulldozern mit zum Teil Baumschilden, die also Bäume auch umdrücken können im Brandeinsatz, Flugzeuge. Was man in den Medien immer sieht, ist der Skycrane, das ist ein knapp 9000 Liter Wasser tragender Hubschrauber.  Ausbrennen und Gegenfeuer sind da auch Maßnahmen, also im Prinzip die gesamte Bandbreite der Brandbekämpfung.

Überraschung über die Heftigkeit der Brände

Pyritz: Sind die Feuer zu dieser Jahreszeit normal, und ist das jetzt einfach ein größeres Ausmaß?

Maushake: Die Feuersaison hat wesentlich heißer und wesentlich früher begonnen, jetzt im September schon, das ist sonst relativ später. Wir haben ja den verschobenen Sommer-Winter Rhythmus auf der Nord- und Südhalbkugel. Also, die Australier sind da auch überrascht über die Heftigkeit der Brände, sie sind sich natürlich im Klaren, woher das kommt, über die Wetterlage und die anderen Bedingungen. Aber es ist schon – wie auch auf der Nordhalbkugel in diesem Jahr – merkbar gewesen, dass es wesentlich früher anfängt, und die Aussichten sehen so aus, dass es auch weiter über das normale Saisonende hinaus so bleiben wird.

Suche nach den Ursachen

Pyritz: Herr Held, wir haben jetzt die Ursachen schon ein bisschen gestreift, wenn wir da noch mal im Detail draufblicken: Einige der Brände wurden offenbar absichtlich gelegt, und dass sich das Feuer so unkontrollierbar ausgebreitet hat, wird dann aber auch durch hohe Temperaturen und heftigen Wind begünstigt. Wie wirken in so einer Situation Wetterlage und Brände zusammen?

Alexander Held: Also, die Wechselwirkung zwischen Feuer und Wetter – da schaut man üblicherweise auf Wind, Windgeschwindigkeit, Temperatur, Luftfeuchte und Brandverhalten –, die ist eigentlich sehr gut verstanden: Je schöner das Ferienwetter ist, desto schlechter für den Waldbrand. Dass es jetzt durch den Klimawandel häufiger zu solchen Phänomenen kommt, da herrscht auch eigentlich weite Übereinstimmung in der Forschung und in den Trends, die wir beobachten. Die Frage der Ursachen, ich finde wir müssen sehr vorsichtig diskutieren, wenn wir sagen, die Ursache ist ein einzelner Brandstifter.

Brandstiftung und "Aboriginal Burning"

Pyritz: Was wären denn noch denkbare Auslöser von solchen Bränden in der Dimension, wie sie jetzt da vorliegen in Australien?

Held: Es kann die absichtliche Brandstiftung sein, es kann die unabsichtliche Brandstiftung durch unachtsamen Umgang mit Forstwerkzeugen zum Beispiel oder in der Landwirtschaft. Und natürlich theoretisch auch möglich: die natürliche Zündquelle durch einen Blitzschlag oder so etwas. Dann haben wir noch traditionelles Feuer in Australien also die Aborigines, die immer noch mit Feuer völlig anders umgehen als die westliche Gesellschaft. Und dann ist schon wieder die Frage, ist dieses "Aboriginal Burning", ist das jetzt natürlich, weil es schon seit 60.000 Jahren passiert, oder ist es auch Brandstiftung? Da sind die Übergänge fließend, und wir müssen da etwas weitergehen und die direkte Ursache und den Auslöser etwas verlassen und fragen: Wie kann es denn zu diesen Wahnsinnsbränden kommen, wenn wir doch vor allem in Australien schon vor der Diskussion Klimawandel ja oder nein mit heißen, trockenen Sommern umgehen mussten und einer heißen und trockenen Waldbrandsaison.

Pyritz: Sie sprechen es jetzt schon an: Waldbrände sind ja in Australien keine Seltenheit, sondern eben auch ein natürliches Phänomen. Vor den Folgen des Klimawandels warnen Forschende auch schon seit Jahren. Hätten sich die australischen Behörden auf die derzeitigen Brände vielleicht auch besser vorbereiten können oder ist das Ausmaß dieser Brände einfach zu groß?

Held: Da gibt es eine sehr, sehr klare Antwort, und die heißt ja. Die Behörden hätten sich anders vorbereiten können. Denn egal, wie in Australien der Klimawandel auch kontrovers diskutiert wird, ob es den überhaupt gibt und ob der Klimawandel schuld ist an allem. Nichtsdestotrotz gibt es seit den 80er-Jahren deutliche Hinweise und Warnungen aus den Forstbehörden, aus den Umweltbehörden, dass die Brandlast, die sich auf der Fläche ansammelt, also die verfügbare Vegetation als Brennmaterial für einen Waldbrand oder einen Vegetationsbrand, Ausmaße annimmt, die, wenn sie denn brennen, Klimawandel hin oder her, so viel Energie freisetzen, dass sie nicht zu bekämpfen sind. Diese Feuer, die wir jetzt sehen, haben vor 20 Jahren begonnen zu brennen, im übertragenden Sinne, weil man zu wenig investiert hat in die Prävention und in das Landmanagement und in die Forstwirtschaft, um die Brandlast so weit verringern, dass auch unter extremen Wetterbedingungen die Feuer nicht so intensiv werden können.

Präventives Brennen in Westaustralien

Pyritz: Was wären denn da konkrete Forstmanagementmethoden oder Eingriffsmöglichkeiten gewesen, um sozusagen das Brandrisiko zu minimieren?

Held: Das Interessante bei der Brennmaterialmenge für einen Waldbrand ist immer das feine Brennmaterial, also Gras, Blätter, Buschwerk, wo sich das Feuer schnell ausbreiten kann und wo es dann eben auch sehr schnell und sehr intensiv brennen kann. Dieses feine Brennmaterial, das kann man wunderbar entfernen, entweder mechanisch oder mechanisch oder durch kontrolliertes Brennen. Und da sind wir jetzt auch wieder in Australien in einem Land, das bereits in den 70er-Jahren Techniken entwickelt hat, große Landstriche aus der Luft zu entzünden – unter Wetterbedingungen, wo die Feuer eben mit einer Flammenlänge von 10 bis 20 Zentimeter harmlos durch die Landschaft brennen, genau so. wie die Aborigines das früher gemacht haben. Wenn man diese Spitze des Brennmaterialeisbergs unter milden Bedingungen entfernt, dann können wir nur sehr, sehr schwer zu einem Katastrophenbrand kommen, wie wir es jetzt sehen. In Westaustralien wurde dieses präventive Brennen über 300.000 Hektar im Jahr durchgeführt, in der Zeit gab es auch keine Katastrophenfeuer. Aber im Rest von Australien wird seit Jahrzehnten diese Komponente sträflich vernachlässigt. Da wird viel diskutiert über Rauch und Umweltbelastung und Biodiversität und ob Feuer dahingehört oder nicht. Und all diese Diskussion verhindert die Umsetzung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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