Samstag, 21. Mai 2022

Walter Benjamin: Texte über Städte, Berichte, Feuilletons
Meister der kleinen Form

Mit dem Seitenblick sieht man besser. Nach diesem Motto verfuhr der Denker Walter Benjamin, indem er Vernachlässigtes, Abseitiges, Vergessenes, etwa in den ärmsten Winkeln von Neapel beobachtete. Jetzt ist all das wieder zu entdecken im eben erschienenen 14. Band der Kritischen Werkausgabe von Walter Benjamin.

Von Ruthard Stäblein | 04.01.2022

Walter Benjamin war der Meister der kurzen Form. Jetzt ist Band 14 seiner Werkausgabe erschienen.
Walter Benjamin war der Meister der kurzen Form. Jetzt ist Band 14 seiner Werkausgabe erschienen. (© Suhrkamp )
In diesen Bänden der Kritischen Werkausgabe wird erstmal ein Projekt abgedruckt, das Walter Benjamin in seinem Pariser Exil (auf Französisch) ankündigte: Eine Sammlung von Texten, die er unter dem Titel "L´Allemagne fraternelle", „Das brüderliche Deutschland“ stellen und veröffentlichen wollte. Nicht die lehrhaften Meisterschriften der „großen Männer“ sollte sie enthalten, sondern die Texte ihrer unbekannteren Zeitgenossen und Gesprächspartner, also der geistesverwandten „Geschwister“. Statt Johann Wolfgang Goethe der Musiker Carl Friedrich Zelter, statt Karl Marx der Frühsozialist Moses Hess. Es sollten unveröffentlichte, vernachlässigte, verkannte oder verborgene Schriften sein. Der Plan wurde, wie so vieles, von Benjamin nicht mehr ausgeführt, aber er enthält das Programm für den 14. Band der Kritischen Gesamtausgabe von Benjamins Werken und Nachlass. 
So versammeln die Herausgeber Bernhard Veitenheimer und Klaus Reichelt hier die eher nebensächlich erscheinenden Schriften von Benjamin, „Brotarbeiten“, wie Reiseberichte über Neapel, Moskau, Paris und Marseille, Gespräche mit französischen Schriftstellern, Feuilleton-Berichte und Artikel über Ausstellungen, aber auch intimere Traumprotokolle. Oder so Banales wie Benjamins Einlassung auf Dienstmädchenromane:
„Dienstmädchenromane? Seit wann werden denn Werke der schönen Literatur nach dem Kreise ihrer Verbraucher klassifiziert? Allerdings – leider werden sie es nicht, oder allzuselten. Und wieviel mehr Erleuchtung hätte man sich doch davon zu versprechen als von ausgeleierten ästhetischen Rezensionen. Vergessen wir nicht, daß das Buch ursprünglich ein Gebrauchsgegenstand, ja ein Lebensmittel gewesen ist. Diese hier sind verschlungen worden. Studieren wir an ihnen die Nahrungsmittelchemie der Romane!“

Langeweile verdummt. Kurzweil klärt auf

Hier entwirft Benjamin so ironisch wie nebenbei eine Rezeptionsgeschichte der Literatur. Nicht mit dem Blick nach oben auf die „großen Geister“, sondern mit dem Blick nach unten auf das unbedeutend Erscheinende, das niedere Genre der billigen Romane. Für seine Literatursoziologie sucht Benjamin nicht die „Aussicht auf Gipfeln“, wie er schreibt, sondern die Einsicht in die Basis des Büchergebirges, in die am meisten verkauften und gelesenen Kolportageromane. Was marginal erscheint, rückt Benjamin ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Das charakterisiert schon seinen Seitenblick auf das damals von der Wissenschaft Übersehene. Sein Blick ist der eines Außenseiters, dessen Habilitationsschrift über das barocke Trauerspiel von der Frankfurter Universität 1925 abgewiesen wurde. Nachdem seine universitäre Karriere verstellt war, war Benjamin finanziell auf Beiträge in der Presse und auch im Rundfunk angewiesen. Darunter auch ein Bericht über eine Essens-Ausstellung, in der Benjamin zu folgendem Schluss kommt:
„Die Masse will nicht „belehrt“ werden. Sie kann Wissen nur mit dem kleinen Chock in sich aufnehmen, der das Erlebte im Innern festnagelt. Ihre Bildung ist eine Folge von Katastrophen, die sie auf Rummelplätzen und Jahrmärkten in verdunkelten Zelten ereilen, wo ihnen Anatomie in die Glieder fährt, oder in der Manege, wo mit dem ersten Löwen, den sie zu sehen bekommen, sich unauslöschlich das Bild des Dompteurs verbindet, der ihm die Faust in den Rachen steckt. Es braucht Genie, die traumatische Energie, den kleinen spezifischen Schrecken derart aus den Dingen herauszuholen.“

Die Theorie der Schocks

In den großen Essays etwa über den französischen Dichter Charles Baudelaire entwickelte Benjamin seine Theorie der Schocks, denen der moderne Mensch in der Großstadt täglich beispielsweise im Straßenverkehr ausgesetzt ist. Dort, in der Schrift „Über einige Motive bei Baudelaire“, erklärt Benjamin diese Schocktheorie auf komplexe Weise mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud. Aber hier, in einem kleinen Ausstellungsbericht, wird die Theorie anschaulich, durch das Bild von der Faust im Rachen des Löwen. Denn: Mit der Angst, die der Dompteur beim Zuschauer erzeugt, wird die Bereitschaft gestärkt, auf die Katastrophen im modernen Alltag gefasst zu sein. Um so rechtzeitig die Hand aus dem Rachen zu nehmen, um im Bilde zu bleiben.

Denkbilder

Benjamin hatte die einmalige Begabung, beim Beobachten und Erzählen sein Denken zu entfalten. Meisterlich gelungen ist ihm das in seinen Reiseberichten über Marseille und Neapel.  In Neapel benutzt er keinen Reiseführer wie den Baedeker , er besucht kein einziges Museum, sondern er folgt den ärmsten Bewohnern bis in ihre Schlafstätten. Erst in den dunklen Ecken von Neapel geht ihm ein Licht auf, dass nämlich in dieser Stadt die Grenzen zerfließen, zwischen Eigenem und Fremden, Innen und Außen, Tag und Nacht. Kinder, die tagsüber auf der Straße schlafen, weil zu Hause nicht genügend Betten stehen. Waisen, die von fremden Nachbarn übernommen werden.
Im Randständigen, Abseitigen, Vernachlässigten erkennt er das Eigentümliche von Neapel, das er mit dem Wort „Porosität“  auf den Begriff bringt. Das Durchlässige, das Löcherige, der fließende Übergang von Innen und Außen. So entdeckt Benjamin gerade in den vom Zentrum abgelegenen Vierteln der Vorstädte, im „Weichbild“ einer Stadt, im Übergang zum Land, die Geheimnisse einer Stadt. Benjamin denkt, wenn er dichtet. Durch die genaue Beobachtung von Erscheinungen des Alltäglichen entwickelt er seine „Denkbilder“. Wie das Bild von der Durchlässigkeit.

Akribie der Herausgeber

Es ist bewundernswert, mit welcher Akribie die Herausgeber die eher abgelegenen Werke Benjamins gelesen und ediert haben. Insbedonsere Klaus Reichert ordnet in seinem Nachwort die Texte Benjamins kenntnisreich in seine Biographie ein. Während  Bernhard Veitenheimer sein philologisches Geschick beim Nachweis von Schreib- und Druckfehlern, Papierformen und verschiedenen Tinten und Schreibarten in den Handschriften zeigt. Er hat auch bisher unbekannte Dokumente und Plagiate von Benjamin entdeckt. Manchmal wäre ein erweiterter Sachkommentar dienlich gewesen.
Mit diesem 14. Band der „Kritischen Ausgabe“ erweist sich Benjamin als ein Illuminat, als ein später Abkömmling jener aufklärerischen Freimaurer, der das Unscheinbare beleuchtet und fast dichterisch zum Leuchten bringt.
Walter Benjamin: "Texte über Städte, Berichte, Feuilletons"
Herausgegeben von Bernhard Veitenheimer
in Zusammenarbeit mit Klaus Reichert.
Suhrkamp Verlag Berlin. 1903 Seiten, 98 Euro.