
Wie ist die Ausgangslage in Paris?
In der Hauptstadt hatten sich gleich fünf Kandidaten für die zweite Runde qualifiziert. Der sozialistische Kandidat Emmanuel Grégoire lag in der ersten Runde mit 38 Prozent der Stimmen vorn. Die konservative Ex-Kulturministerin Rachida Dati kam auf 25 Prozent. Sie vereint Konservative, Liberale und Zentristen hinter sich. Grégoire führt eine Liste von Sozialisten, Grünen und Kommunisten an, lehnt aber ein Bündnis mit der Linksaußen-Partei La France insoumise (LFI) ab. Deren Kandidatin Sophia Chikirou kam ebenfalls in die Stichwahl.
Wie stehen die Chancen auf einen Machtwechsel in der Hauptstadt?
Nach zwölf Jahren linker Regierung unter Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die nicht wieder antritt, könnte die Konservative Dati mit indirekter Unterstützung der extremen Rechten ins Amt kommen. Denn Rechtsaußen-Kandidatin Sarah Knafo, die in der ersten Runde auf zehn Prozent der Stimmen kam, zog sich zurück. Zudem konnte Dati ihre Liste mit der des Mitte-Rechts-Kandidaten Pierre-Yves Bournazel zusammenlegen, der auf elf Prozent kam - ein Bündnis, das beide im Wahlkampf noch ausgeschlossen hatten.
Warum gilt die konservative Kandidatin als politisch belastet?
Sollte Dati das Rathaus der französischen Hauptstadt erobern, könnte es sein, dass sie das Amt nur für ein paar Monate ausübt: Sie ist in zahlreiche Justizaffären verstrickt und muss sich ab September in einem Korruptionsprozess vor Gericht verantworten. Dati weist die Vorwürfe zurück.
Weshalb steht auch die Hafenstadt Marseille im Blickpunkt?
Für den rechtspopulistischen Rassemblement National wäre ein Sieg in Marseille der größtmögliche Erfolg. RN-Kandidat Franck Allisio lag im ersten Durchgang mit 35 Prozent nur knapp hinter dem sozialistischen Amtsinhaber Benoît Payan. Zwar lassen sich die Ergebnisse in den Kommunen nur bedingt auf die nationale Lage übertragen, doch die Signalwirkung ist beträchtlich: Gelänge es dem RN, eine Großstadt wie Marseille zu erobern, wäre das "ein starkes Symbol" mit Blick auf die Präsidentenwahl 2027, sagte Adélaïde Zulfikarpasic vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos bva der Nachrichtenagentur AFP.
Wie stehen die Aussichten des RN auf einen Sieg in Marseille?
Der LFI-Kandidat Sébastien Delogu verzichtete auf die zweite Runde, was Bürgermeister Payan wichtige Stimmen bescheren dürfte. Dieser hatte zuvor allerdings eine Allianz mit der radikalen Linken vehement abgelehnt. Die konservative Kandidatin Martine Vassal nimmt dagegen an der Stichwahl teil - und verhindert damit ein geschlossenes rechtes Lager gegen den Amtsinhaber. Der Ausgang ist offen.
Warum hat der RN in Marseille viele Wähler auf seine Seite gezogen?
Die Stadt am Mittelmeer hat knapp 900.000 Einwohner. Sie kämpft seit langem mit Rassismus, Rauschgiftkriminalität und Bandenkriegen. Zwar gibt es inzwischen viele Vorzeigeprojekte, in einigen Vierteln sind etliche Kulturschaffende zugezogen. Doch um den kommunalen Haushalt steht es schlecht. In der Presse finden Schießereien große Aufmerksamkeit, bei denen auch Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Partei von Marine Le Pen verspricht den Menschen mehr Sicherheit: Kandidat Allisio will die Zahl der kommunalen Polizisten verdreifachen. Er verspricht mehr Videoüberwachung und eine härtere Gangart gegen Drogendealer.
Wie hat der RN landesweit abgeschnitten?
Zwei Dutzend Bürgermeister wurden im ersten Wahlgang gewählt, unter ihnen ein 19 Jahre alter Student in einem Dorf in Ostfrankreich. Zudem lagen in rund 60 Kommunen die RN-Kandidaten nach der ersten Runde vorn. Das ist eine hohe Zahl für die Rechtspopulisten - aber doch eine kleine Zahl mit Blick auf die landesweit 35.000 Kommunen.
Wie hatte sich der RN auf nationaler Ebene positioniert?
Parteichef Bardella hatte als Ziel ausgegeben, mehrere Dutzend Städte und Gemeinden für den RN zu erobern. Sollte dies auch in Großstädten wie Marseille und Toulon gelingen, dürften die Rechtspopulisten gestärkt in den Präsidentenwahlkampf ziehen - selbst wenn sich erst im Juli entscheidet, wer überhaupt für die Partei kandidieren wird. Fraktionschefin Le Pen muss möglicherweise auf eine vierte Kandidatur für das höchste Staatsamt verzichten - falls sie in einem Berufungsverfahren wegen Veruntreuung erneut verurteilt wird. In diesem Fall würde der 30 Jahre alte Bardella antreten.
Diese Nachricht wurde am 20.03.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
