Montag, 08. August 2022

Der Fall Peng Shuai
Weiter Unklarheit über Wohlergehen der chinesischen Tennisspielerin

Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai beschuldigte einen chinesischen Offiziellen des sexuellen Missbrauchs. Danach verschwand sie. Nach internationalem Protest gab es inszenierte Auftritte und Dementis der Vorwürfe. Bei den Olympischen Spielen zeigte sie sich der Öffentlichkeit.

11.02.2022

    Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai fotografiert mit einem Handy auf der Zuschauertribüne bei den Olympischen Spielen
    Die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai besucht den Teamwettbewerb der Eiskunstläufer bei den Olympischen Spielen in Peking (picture alliance / Kyodo)
    Der Fall der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai hat international für Aufsehen gesorgt. Unter dem Hashtag #WhereIsPengShuai sorgten sich Ende 2021 in den sozialen Netzwerken Freunde, Tenniskolleginnen und andere um die ehemalige Weltranglistenerste im Doppel. Das genaue Schicksal Peng Shuais ist nach wie vor ungewiss.
    Wie ist der aktuelle Stand?
    Worum ging es in dem gelöschten Social-Media-Beitrag von Peng Shuai?
    Wie reagierte die Sportwelt?
    Wie zeigte sich Peng Shuai der Öffentlichkeit?
    Welche Schlussfolgerungen kann man daraus ziehen?

    Wie ist der aktuelle Stand?

    Bei den Olympischen Spielen in Peking hat sich Peng Shuai erstmals wieder in der Öffentlichkeit gezeigt. Sie hat sich mit IOC-Präsident Thomas Bach getroffen, der französischen Zeitung L'Équipe" ein überwachtes Interview gegeben und Wettkämpfe im Curling, Eiskunstlauf und Ski-Freestyle besucht.
    Die französischen Reporter berichteten anschließend beim Fernsehsender Sport1, dass zwei chinesische Offizielle zugegen waren, die Fragen vorher eingereicht werden mussten, Peng Shuai aber gesund gewirkt hätte.

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    Das Treffen mit Bach hatte das IOC bereits im Dezember 2021 angekündigt. Laut IOC-Pressemitteilung sprachen die beide unter anderem über die Enttäuschung von Peng Shuai, nicht an den Olympischen Spielen in Tokio teilgenommen zu haben. Bach habe die Chinesin außerdem nach Lausanne eingeladen, um sich das Olympische Museum anzuschauen. In der Pressemitteilung gab es kein Wort zu den Vorwürfen Peng Shuais.
    Warum der Fall Peng Shuai so kompliziert ist

    Worum ging es in dem gelöschten Social-Media-Beitrag von Peng Shuai?

    Peng Shuai hat Anfang November 2021 im chinesischen sozialen Netzwerk Weibo - praktisch die chinesische Kombination von Twitter und Facebook - einen längeren, offenen Brief gepostet. Darin schildert sie ihre Beziehung zu dem ranghohen ehemaligen chinesischen Politiker Zhang Gaoli, der 30 Jahre älter als sie und verheiratet ist. Sie beschuldigte ihn in diesem Text, sie sexuell missbraucht zu haben.

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    Dieser Post ist nach nicht einmal einer halben Stunde gelöscht worden: In China werden alle Medien zensiert, auch das Internet. Die chinesische Zensur verbietet weiterhin jegliche Diskussion über den Fall von Peng Shuai im chinesischen Internet.

    Wie reagierte die Sportwelt?

    Nachdem Peng Shuai drei Wochen lang nicht in der Öffentlichkeit zu sehen war, kam es zu großen internationalen Protesten und der Frage, wo sich die 36-Jährige aufhält. Sportler, Politiker und Menschenrechtler schalteten sich ein. Die Spielerinnen-Vereinigung WTA setzte Anfang Dezember alle Turniere in China und Hongkong aus, weil ihr die Signale aus China über das Wohlergehen Peng Shuais nicht ausreichten und setzte sich damit aktiv für Peng Shuai ein. Sie fordert, dass die Vorwürfe unabhängig untersucht werden und will solange keine Turniere mehr in China austragen.
    Das IOC betreibt dagegen "stille Diplomatie" und demonstrierte gute Zusammenarbeit mit Chinas Führung. In einer Pressemitteilung verkündete das IOC, Präsident Thomas Bach habe per Videoschalte mit Peng Shuai gesprochen und sich von ihrem Wohlergehen überzeugt.

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    Es gehe ihr gut, sie sei sicher, lebe in Peking, würde aber gerne, dass ihre Privatsphäre respektiert werde, schrieb das IOC, ohne sie direkt zu zitieren. Man sei auch im direkten Kontakt mit den chinesischen Sportorganisationen.
    Wenige Wochen später nutzten Aktivisten die Australian Open, um auf Peng Shuai aufmerksam zu machen - durch hunderte T-Shirts mit der Aufschrift: "Wo ist Peng Shuai?". Ausrichter "Tennis Australia" hatte diese Aktion zunächst verboten und auf die Eintrittsbedingungen hingewiesen. Der Verband revidierte nach öffentlicher Kritik diese Entscheidung. Beim Frauenfinale am 29. Januar wurden die T-Shirts an Zuschauer verteilt.

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    Wie zeigte sich Peng Shuai nach ihrem Verschwinden in der Öffentlichkeit?

    Zunächst bei inszenierten Auftritten, die von den chinesischen Staatsmedien im Internet gepostet wurden - auch auf Englisch, also für das Ausland bestimmt. Wann und unter welchen Umständen diese Screenshots, Filme und Bilder entstanden sind, ist nicht geklärt.
    Ende des Jahres dementierte Peng Shuai ihre Vorwürfe in einem Video-Interview der Zeitung "Lanhe Zaibao". Sie sprach von "privater Angelegenheit" und "Missverständnissen". Sie lebe frei in Peking und nicht unter Aufsicht. Sie erklärte in diesem Interview auch, dass sie wegen der Pandemie nicht beabsichtige, China zu verlassen und dass sie nicht mehr aktiv Tennis spiele.
    Auch in dem Interview mit der französischen Zeitung L’Equipe während der Olympischen Spiele nahm sie in Anwesenheit eines Parteifunktionärs alle Vorwürfe gegen Zhang Gaoli zurück. Das Ganze sei ein enormes Missverständnis. Sie sagte der Zeitung wörtlich: „Meine romantischen Gefühle sollten nicht mit Sport und Politik vermischt werden.“

    Welche Schlussfolgerungen kann man daraus ziehen?

    Ursprünglich hatte sich die chinesische Führung schon durch das Löschen des Posts Ruhe erhofft, danach durch die Verbreitung der inszenierten Auftritte. Doch im Ausland habe dies nicht den gewünschten Effekt gehabt, so ARD-Korrespondent Benjamin Eyssel.
    Hanno Schedler von der NGO "Gesellschaft für bedrohte Völker" bezeichnet Peng Shuai als "Gefangene des Staates". Die große öffentliche Aufmerksamkeit schütze Peng Shuai aber offenbar.

    Die chinesische Regierung kam dann anscheinend in einer internen Kalkulation zu dem Schluss: Wir können die jetzt nicht sofort irgendwie zu einer Haftstrafe verurteilen oder anklagen oder für immer verschwinden lassen. Wir müssen jetzt in Absprache mit dem Internationalen Olympischen Komitee dafür sorgen, dass die Medien sozusagen aus unserer Sicht keinen Grund mehr haben, weiter darüber zu berichten.

    Das IOC bezeichnete Schedler als Komplizen des chinesischen Regimes. Das System Olympia basiere nach Hanno Schedlers Auffassung auch darauf, dass es zu bestimmten Themen Schweigen gibt.
    Quellen: Maximilian Rieger, Matthias Friebe, Benjamin Eyssel, og