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Was tut die EU gegen die Verbreitung von SARS?

Heinlein: Obwohl bisher aus Europa nur wenige Verdachtsfälle gemeldet werden, warnen viele Experten, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Lungenkrankheit SARS auch in EU-Staaten erste Opfer fordern werde. Über diese Gefahr und mögliche Vorsorgemaßnahmen habe ich deshalb soeben mit der gesundheitspolitischen Sprecherin der Sozialdemokraten im Europaparlament Dagmar Roth-Behrendt gesprochen und sie zunächst gefragt, ob sie den in Bangkok beschlossenen Maßnahmen der asiatischen Staaten vertraut.

    Roth-Behrendt: Nein, das tue ich aus mehreren Gründen nicht. Erstens reicht es nicht, dass die asiatischen Staaten alleine Präventionsmaßnahmen beschließen. Außerdem ist es in einem Maße spät mittlerweile, obwohl Kenntnisse darüber bekannt waren, dass auch das kein Vertrauen schafft.

    Heinlein: Was müsste denn mehr getan werden von asiatischer Seite und vor allem von China, um eine Ausbreitung von SARS zu verhindern?

    Roth-Behrendt: Na ja, ohne jetzt über vergossene Milch zu weinen und dauernd sagen zu wollen, was alles falsch gemacht worden ist, müssten jetzt mehrere Dinge geschehen. Erstens natürlich völlige Transparenz, das bedeutet alle Zahlen auf den Tisch. Es müsste sichergestellt sein, dass alle Reisenden kontrolliert werden. Das wird in China angeblich jetzt gemacht. Ich weiß es nicht. Ich möchte zur Zeit nicht dorthin reisen. Es müssten insgesamt, übrigens nicht nur in China, endlich eine Kooperation mit allen Nachbarsstaaten bezüglich der Zug- und Flugbewegungen festgestellt werden, und dann müsste natürlich überall an Impfstoffen mit Hochdruck gearbeitet werden.

    Heinlein: Ist denn hier die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, gefordert?

    Roth-Behrendt: Ja, die Weltgesundheitsorganisation würde ich mir manchmal etwas dynamischer wünschen, denn sie hat ja kein so strenges Korsett wie es meinetwegen die Europäische Union in der Gesetzgebung hat. Die WHO könnte eigentlich sehr früh und sehr frühzeitig sagen, Leute, hier können wir eine Seuche haben, die die größte Seuche werden kann oder eine der größten Seuchen, die wir uns im 21. Jahrhundert vorstellen können, hier müssen wir dies und das tun, hier müssen wir zum Beispiel Reisende beobachten, hier müssen wir einen Austausch haben, hiermit fordern wir zumindest die reichen Länder der Welt auf, sofort zwei, drei, vier Millionen Euro in die Hand zu nehmen und alle Kapazitäten nur an Forschung für Impfstoffe freizusetzen.

    Heinlein: Die Maßnahmen in den asiatischen Staaten sind nicht ausreichend - Sie haben es deutlich gemacht. Halten Sie es vor diesem Hintergrund für ausgeschlossen, dass SARS nach Europa eingeschleppt wird?

    Roth-Behrendt: Nein, das halte ich nicht für ausgeschlossen. Ich bin niemand, der gerne Panik macht - das habe ich noch nie gemacht -, aber ich habe davor Angst und ich halte es auch für möglich.

    Heinlein: Ist SARS überhaupt ein Thema, das auf europäischer Ebene besprochen wird?

    Roth-Behrendt: Ja, das wird es. Wir haben es auch vor vier oder sechs Wochen, nachdem wir von niemandem richtige Informationen bekommen haben, in einer Dringlichkeit akut auf die Tagesordnung der Plenarsitzung des Europäischen Parlamentes gesetzt, haben aber auch von dem zuständigen Kommissar im Grunde eine windelweiche Information bekommen. Ich muss ihn in Schutz nehmen; die Europäische Union und die Mitgliedsländer haben immer darauf geachtet, dass das Europäische Parlament und die anderen Institutionen zwar eine Menge zu entscheiden haben, aber nicht im Bereich der Gesundheitspolitik. Das haben sich die Mitgliedsländer immer selbst vorbehalten. Deutschland, Frankreich, Dänemark wollen immer Gesundheitspolitik alleine machen. Es gibt natürlich eine Kooperation im Bereich der Seuchenprävention und des Austausches an Daten, aber das ist eine Art von Flexibilität und wenig streng, dass es nicht ausreicht. Das macht deutlich, dass die Europäische Union im Moment eine andere verpflichtende Kompetenz braucht. Das ist eine Frage der Zukunft. Im Moment müssten die Länder der Union auch anders handeln, als sie es im Moment tun.

    Heinlein: Welche Möglichkeiten hätten denn die EU-Staaten, gemeinsam gegen diese Lungenkrankheit vorzugehen?

    Roth-Behrendt: Na ja, es ist ja in erster Linie leider mittlerweile nur noch vorbeugend, was wir machen können. Zuallererst muss sichergestellt sein, dass flächendeckend innerhalb der Europäischen Union bekannt ist, wer aus einem gefährdeten Gebiet kommt. Das bedeutet leider, auch wenn da manchmal vielleicht Datenschutz ein Problem sein kann, dass alle Daten erfasst werden von Menschen mit Visa aus entsprechenden Ländern und dass sie gebeten werden, uns ihre Reisedaten mitzuteilen und dass auch bekannt ist, wo sie sich aufhalten, damit wir auch unter Umständen eine Infektionskette zurückverfolgen können. Wissen Sie, wenn jemand innerhalb von drei Tagen durch fünf Staaten der Europäischen Union reist und wir haben nicht eine ungefähre Ahnung und wir stellen nach drei, fünf Tagen fest, er ist infiziert, dann haben wir keine Chance mehr, auch nur "vorbeugend" Menschen in den anderen Staaten zu beobachten, das heißt, wir müssen eine Form der "Überwachung" oder Information, wenn es netter klingt, über die Reisedaten haben. Dann müssen wir unbedingt versuchen, natürlich Forschungen für Impfstoffe zu betreiben. Dass wir die Möglichkeit haben, entsprechende Quarantänestationen in Hospitälern zu haben, davon gehe ich aus - auch das ist ja in asiatischen Ländern nicht wirklich gewährleistet.

    Heinlein: Sehen Sie denn eine Chance, dass diese behördlichen Zwangsmaßnahmen verabschiedet werden auf europäischer Ebene?

    Roth-Behrendt: Ich bin mir nicht sicher, ob alle Mitgliedsländer wirklich glauben, dass es nötig ist. Ich denke, dass einige im Moment immer noch mit anderen Dingen prioritär beschäftigt sind. Ich würde es mir wünschen. Wir haben es auf europäischer Ebene mehrfach gefordert. Ich selbst habe es auch im Plenum des Parlamentes auch laut und öffentlich gesagt. Ich würde mir auch wünschen, dass auf einem Sondergipfel der Gesundheitsminister der Europäischen Union gesagt wird, OK, wir verpflichten uns, an Impfstoffen zu arbeiten, und zwar mit Hochdruck innerhalb der nächsten zwei Monate, und verpflichten uns, so viel Geld, staatliche Mittel dafür einzusetzen - jedes Mitgliedsland -, und nach zwei Monaten sind wir wieder hier und sagen, was wir gefunden haben, denn wenn wir das nicht tun, besteht die Gefahr, dass SARS ein Thema ist, was uns nicht nur noch drei Wochen beschäftigen wird, wie das ja viele geglaubt haben. Viele haben gedacht, na ja, im Sommer kann ich ja wieder nach Kanada reisen oder nach Asien reisen, dann ist das längst erledigt. Das glaube ich mittlerweile nicht mehr.

    Heinlein: Braucht es erst die ersten Toten und Kranken hier in Europa, damit diese von Ihnen beschriebenen Maßnahmen beschlossen werden?

    Roth-Behrendt: Ich fürchte, ja, so zynisch das klingen mag. Ich kann mich erinnern, als ich BSE-Ausschussvorsitzende war und alle in Deutschland sagten, wir sind ja BSE-frei, da muss man nichts tun, und es war in anderen Ländern genauso. Erst wenn es vor der Haustür passiert, beginnt natürlich ein gewisser Aktionismus. Dann ist es nur leider zu spät, und dann ist es für viele, die betroffen sind, zu spät, aber dann ist auch meistens die Möglichkeit des Handelns sehr eingeschränkt, aber ich fürchte, im Moment ist das vorbeugende Tätigwerden immer noch nicht intensiv genug.

    Heinlein: Sie haben die mangelnde Forschung mehrfach angesprochen. Wie intensiv wird denn überhaupt auf europäischer Ebene bisher geforscht in Sachen SARS?

    Roth-Behrendt: Ich kann es Ihnen nicht sagen, weil ich in dem Netz der Daten, die es hoffentlich, am Austausch nicht beteiligt bin, aber wir alle wissen, dass insgesamt natürlich die Ausgaben für Forschungsmittel, also der Anteil des Haushaltes der Mitgliedstaaten für Forschung immer zurückgegangen ist, was ich aus vielen Gründen für einen Fehler gehalten habe. Erstens aus Gründen zum Schutz und Nutzen der Menschen, aber auch zum Standort der Europäischen Union, was Forschung und Wissenschaft angeht. Deshalb ist natürlich jeder Euro nur einmal auszugeben, und wenn Sie Forscher haben, die mit diesem einen Euro oder mit diesen tausend, hunderttausend Euro im Moment an einem Mittel gegen Leberkrebs arbeiten oder zur Behandlung von Alzheimer oder Parkinson, dann werden Sie diese Menschen nur schwer dazu bewegen können zu sagen, OK, wir ziehen jetzt dieses Geld ab, du forschst jetzt an einem anderen Projekt. Das heißt, man muss zusätzliches Geld in die Hand nehmen. Davon habe ich bis jetzt noch nichts gehört.

    Heinlein: Vielen Dank für das Gespräch.

    Link: Interview als RealAudio