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StartseiteForschung aktuellWasserfloh statt Fisch30.05.2008

Wasserfloh statt Fisch

Serie: Alternativen zum Tierversuch

Biologie. – Um die Wirkung einer Chemikalie in Gewässern zu testen, sind Tests mit Algen, Wasserflöhen und Fischen vorgeschrieben. Um die Zahl der Wirbeltiere bei den Tests zu verringern, verwenden die Umweltchemiker immer mehr Algen und Wasserflöhe, weil die in der Regel empfindlicher reagieren, und dazu Fischeier, weil deren Reaktion der der geschlüpften Tiere entspricht.

Von Marieke Degen

Die Ökologie der Flüsse wie hier des Rheins wird mit ausgefeilten Tests überwacht. (AP)
Die Ökologie der Flüsse wie hier des Rheins wird mit ausgefeilten Tests überwacht. (AP)

Es ist noch gar nicht so lange her, da musste die Gold-Orfe der BASF dabei helfen, die Abwassergebühr zu ermitteln. Die rot-schillernden Fischlein schwammen in mehr oder weniger stark verdrecktem Wasser, und ihre Überlebensrate hat dann darüber bestimmt, wie viel die BASF zu zahlen hatte.

"Und es ist natürlich keine gute Begründung für einen Tierversuch zu sagen, wir brauchen den, um eine Gebühr festzusetzen, darum waren sich eigentlich alle einig, dass dieser Test ersetzt werden muss."

Vor vier Jahren ist die Gold-Orfe abgelöst worden. Seitdem wird die Reinheit des Abwassers an Fischeiern geprüft. Sabine Zok leitet das Ökologie-Labor der BASF. Sie würde die Eier auch gern für Chemikalien einsetzen. Aber die müssen nach wie vor an Fischen getestet werden. So will es das Gesetz. Sabine Zok betritt ihr Labor. An der linken Wand Regale mit kreisrunden Aquarien, in denen winzige Zebrabärblinge schwimmen.

"Ja, das sind dann die normalen Tests, hier das sind noch ganz junge Fische, und die werden dann bis 30 Tage nach dem Schlupf exponiert gegen die Substanz."

Auf dem Tisch daneben stehen kleine Schälchen mit Fischeiern. Sie liegen ebenfalls in verdünnten Chemikalien. Zok:

"Und man kann dann sehen, ob es bei den höheren Konzentrationen irgendwelche Effekte gibt. Im Fischei direkt und das kann man dann hier sehen, unterm Mikroskop."

Sabine Zok schiebt die Schälchen unterm Objektiv hin und her.

"Man sieht den Eidotter, und darauf den sich entwickelnden Fischembryo. Bei der späteren Entwicklung kann man den Herzschlag erkennen, man kann sehen, ob die Entwicklung verzögert ist, letztendlich Ersatz-Endpunkte, um zu sagen, der Fisch ist gestorben."

Meistens liefert so ein Versuch die gleichen Ergebnisse wie der Test im Aquarium. Aber macht es – ethisch gesehen – überhaupt einen Unterschied, ob Fische sterben oder Fischembryonen? Ja, sagt Zok. Denn Fischembryonen haben weniger Schmerzempfinden. So sieht es das Tierschutzgesetz. Zok:

"Wir hatten neulich bei einem Workshop die Diskussion, ob Fische überhaupt Schmerz empfinden können, auch da gibt es keine Einigkeit in der Wissenschaft. Wir gehen davon aus, dass ein Fisch Schmerzen empfinden kann. Und dann kann man, denke ich, auch davon ausgehen, dass sich im Laufe der Entwicklung das Schmerzempfinden verstärkt. Und dass es bei einem Embryo noch nicht so ausgeprägt ist, er hat ja noch nicht in dem Maße ein entwickeltes Nervensystem."

Beim Nervensystem von Wasserflöhen sind sich alle einig: Ein Wasserfloh spürt ziemlich wenig. Auch Wasserflöhe können Fische ersetzen. Sabine Zok zieht ein Gestell mit Reagenzgläsern aus einer Glasvitrine. Zok:

"Da kann man jetzt sehen, ups, wir haben auch hier abgestufte Konzentrationen, und in jedes Glas kommen dann fünf Wasserflöhe."

Weil Sabine Zok auch klären muss, was eine Chemikalie in einem Fluss mit all den Lebewesen darin anrichten kann, muss sie jeden Stoff an drei Organismen gleichzeitig testen: an Algen, Wasserflöhen und Fischen. Das ist Vorschrift. Sie sollen herausfinden, bei welcher Konzentration die Lebewesen sterben. Doch solche Versuche sind inzwischen so oft gemacht worden, dass die Forscher wissen: In acht von zehn Fällen sind Algen und Wasserflöhe viel empfindlicher als Fische. Also haben sie den herkömmlichen Tierversuch einfach umgestrickt. Zok:

"Man kann jetzt so vorgehen, dass man die Alge testet, den Wasserfloh testet, und sich die Konzentration raussucht, wo gerade nichts mehr passiert, und dort den Fisch testet. Man würde dann eben mit einer ganz begrenzten Zahl an Fischen auskommen. Und nur in Fällen, wo tatsächlich der Fisch empfindlicher ist als die anderen Organismen, dann müsste man einen richtigen Fischtest durchführen."

Die Chancen stehen gut, dass die abgewandelte Methode bald offiziell eingesetzt werden darf, auch für Tests, die in der neuen EU-Chemikalienverordnung "Reach" vorgeschrieben sind. Dann könnten allein durch das neue Studiendesign 170.000 Laborfische dem sicheren Tod entrinnen.

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