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StartseiteDeutschland heuteKompromisse in einer bedrohten Wildnis30.07.2015

WattenmeerKompromisse in einer bedrohten Wildnis

Das Niedersächsische Wattenmeer ist weltweit einzigartig und gehört seit 2009 zu den Weltnaturerbestätten wie etwa auch das Great Barrier Reef in Australien oder die Serengeti in Afrika. Doch das Naturerbe ist bedroht. Denn hier verlaufen auch wichtige Schifffahrtsrouten, es gibt wegweisende Energieprojekte. Deshalb sind Kompromisse gefragt.

Von Alexander Budde

Eine alte Buhne an der Nordseeküste bei Niedrigwasser vor Cuxhaven in Niedersachsen. (Imago / blickwinkel)
Eine alte Buhne an der Nordseeküste bei Niedrigwasser vor Cuxhaven in Niedersachsen. (Imago / blickwinkel)
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Sonne, Wasser - und sonst wenig: Besucher wähnen sich hier, am Ostende von Norderney, in der Wildnis. Eine sanfte Brise streichelt über Sträucher und Gräser. Der Wind bewegt auch den Sand, der von See her den Strand und die Dünen aufbaut.  Peter Südbeck stapft in seinen Gummistiefeln voraus. Der Leiter der Nationalparkverwaltung ist an diesem Morgen in eine Windjacke gehüllt, um seinen Hals baumelt ein Feldstecher.

Die größten Wunder finden sich im Verborgenen, stellt Südbeck fest. 50.000 Schnecken und bis zu zwölf Kilo Miesmuscheln auf einem Quadratmeter Schlickwatt: Strömungen, Gezeiten, Salzgehalt und Temperatur schufen einen Lebensraum mit enormer Artenvielfalt und einer Bioproduktion größer als im tropischen Regenwald."Die Tierarten, die damit klarkommen, die müssen sich extrem anpassen. Aber sie werden durch jede Tide und auch natürlich durch die Zuflüsse aus den Flüssen – Ems, Weser, Elbe, Jade - mit sehr starken Nährstoffen versorgt. Das heißt, Spezialisten leben in einer Art Paradies, haben sehr gute Nahrungsbedingungen und können damit extrem hohe Populationen aufbauen!"

Botschafter zwischen Niedersachsen und Eastern Cape

2009 wurde der Nationalpark Wattenmeer zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt, nicht zuletzt aufgrund seiner internationalen Bedeutung für den Vogelzug. Die Pfuhlschnepfe etwa brütet in der arktischen Tundra, überwintert jedoch im westlichen Afrika. Im Wattenmeer, ihrer Zwischenstation, fressen sich die Tiere in wenigen Wochen mehr als Doppelte ihres Körpergewichts an. "Die weltweite Bedeutung des Wattenmeeres für die Biodiversität ist am Zugvogel - von der Brandseeschwalbe bis zur Pfuhlschnepfe - direkt und unmittelbar ablesbar. Und das ist tatsächlich Weltverantwortung im Welterbe. Wenn wir lauschen, hören wir wirklich die Brandseeschwalbe als Botschafter zwischen Niedersachsen und Eastern Cape!"

Bei einzelnen Arten verzeichnen die Forscher einen Rückgang der Population, die komplexen Ursachen können sie noch nicht wirklich durchschauen. Betroffen ist auch die Kornweihe. Der wendige Greifvogel wird auf seinen Reisen mit Peilsendern überwacht. Südbeck erzählt von seinem Forscherdrang. Der oberste Ranger lässt erkennen, dass er viel von Biologie aber auch was von PR versteht. "Wir haben den Klimawandel auch hier bei uns, mit leicht ansteigenden Wasserständen. Da ist die Sorge, dass irgendwann, wenn es weitergeht, dass das Watt nicht mehr mitwachsen kann, dass wir dann ein Ersaufen des Wattes haben können."

Frank Ulrichs ist der jung-dynamische Bürgermeister von Norderney. Er steht vor einem Becken mit Strandkrabben, die im nagelneuen Nationalparkhaus gerade eine Meute von Kleinkindern in ihren Bann ziehen. Die kaum berührte Natur bringt alljährlich rund 100 Millionen Euro Wertschöpfung in die Nordregion, hat Ulrichs berechnen lassen. "Wir stellen fest, dass es viele Gäste und Urlauber gibt, die gerade in diesem Bewusstsein hierher kommen und die Landschaft noch ganz anders wahrnehmen. Und wir tragen natürlich auch viel dazu bei, wir unterrichten über dieses Thema, wir versuchen, die Leute aufzuklären."

Industrielle Nutzung in bislang unberührter Natur

Kaufkräftige Investoren wähnen sich auf den Ostfriesischen Inseln wie in der Karibik. Die Immobilienspekulation, klagt Ulrichs, ist für viele Eingesessene längst zum existentiellen Problem geworden. "Es findet schon ein gewisser Verdrängungswettbewerb statt, weil Angebot und Nachfrage einfach den Preis hier bestimmen. Die Flächen und die Grundstücke sind unglaublich viel wert. Und der Einheimische verschmäht das liebe Geld natürlich auch nicht - und verkauft dann, wenn er es selbst nicht mehr benötigt! Wir haben durchaus Straßenviertel und Häuserblocks, die im Winter nahezu verwaist sind, wo die Rollläden runtergelassen sind und in denen eigentlich kein Leben mehr stattfindet."

"Wir sind eben nicht alleine! Und wir müssen immer diesen Ausgleich auch schaffen! Die Energiewende ist allgemein akzeptiertes Ziel in Deutschland", sagt Peter Südbeck am Ende eines langen Tages. Er steht oben auf dem Sonnendeck der Fähre, die uns zurück zum Festland bringt. Überall an der Küste ragen Windräder auf. Quer durch den Nationalpark wurden Gräben ausgebaggert und Stromkabel zur Anbindung der Offshore-Windparks verlegt. Mit seinem Wächterauftrag sind die Energieprojekte nicht wirklich vereinbar, sagt Südbeck diplomatisch.

"Ein Offshore Windpark, der in einer Landschaft errichtet wird, die bislang von diesen Einrichtungen unberührt war, der wird jetzt in eine industrielle Nutzung übernommen. Das muss man, aus meiner Sicht, auch so aussprechen. Natürlich, wenn der Windpark an falschen Standorten errichtet wird, haben wir ein großes Umweltproblem. Das wird durch kluge Standortplanung minimiert, aber es wird nicht auszuschließen sein!" Der Nationalparkchef setzt sich dafür ein, bei der Planung neuer Windparks alle nur denkbaren Risiken ins Kalkül zu ziehen, etwa die möglichen Auswirkungen der Anlagen auf die Zugrouten der Vögel.

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