Dienstag, 16. April 2024

Nach der Menopause
Was Firmen für Frauen in den Wechseljahren tun sollten

Laut einer Befragung gehen zehn Prozent der arbeitenden Frauen in Deutschland wegen Wechseljahresbeschwerden früher in den Ruhestand oder erwägen dies. Das ist angesichts des Fachkräftemangels auch ein wirtschaftliches Problem. Was sollten Firmen tun?

03.04.2024
    Eine Geschäftsfrau mit verschwitzten Achselhöhlen, die vor einem Ventilator steht.
    Hitzewallungen sind nur ein Symptom der Wechseljahre. In Großbritannien gibt es Vorschläge, bei betroffenen Arbeitnehmerinnen beispielsweise auf einen Uniformzwang zu verzichten. (imago / fStop Images / Paula Winkler)
    Hitzewallungen, hormonelle Schwankungen, Konzentrations- und Schlafstörungen, Ängste, Schmerzen – das sind Begleiterscheinungen von Wechseljahren bei Frauen. Wenn die Symptome bei der Arbeit auftreten, fühlen sich betroffene Frauen dort oft nicht mehr wohl. Und sie schämen sich nicht selten. Dennoch befassen sich Unternehmen kaum mit dem Thema Wechseljahre, in ihrem Gesundheitsmanagement spielt es keine große Rolle. Das hat auch wirtschaftliche Folgen, wie erste Ergebnisse der Studie „MenoSupport“ der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin (HWR Berlin) zeigen. Es ist die nach eigenen Angaben erste deutschlandweite Studie, die sich mit dem Thema Wechseljahre und Arbeit befasst.

    Überblick

    Welchen Einfluss haben Wechseljahre auf die Arbeit von Frauen?

    „Frauengesundheit fand lange Zeit kaum Beachtung im Forschungskontext und ist auch im betrieblichen Gesundheitsmanagement erst seit wenigen Jahren wirklich ein Thema“, sagt Andrea Rumler, Professorin für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Marketing an der HWR Berlin. Dabei würden allerdings oft nur die Bedürfnisse junger Frauen adressiert, das Thema Wechseljahre sei weitgehend noch ein Tabuthema im betrieblichen Arbeitskontext, so Rumler. Das bestätigten die von ihr und ihrem Team erhobenen Daten in der Studie zum Thema Wechseljahre am Arbeitsplatz. Erste Ergebnisse daraus liegen nach einer Befragung von mehr als 2.000 Frauen im Alter zwischen 28 und 67 Jahren vor.

    Hitzewallungen, Erschöpfung, Schlafstörungen und mehr

    In der Befragung gaben 52 Prozent der Frauen an, die Wechseljahre seien nach wie vor ein Tabuthema am Arbeitsplatz und sie fühlten sich damit alleingelassen. Gleichzeitig gaben viele der Befragten an, dass sie durch körperliche und geistige Erschöpfung, Schlafstörungen, erhöhte Reizbarkeit, depressive Verstimmung sowie Hitzewallungen negativ am Arbeitsplatz beeinflusst werden, berichtet Studienleiterin Andrea Rumler. „Aber auch Gelenk- und Muskelbeschwerden, Augentrockenheit und Migräne wurden häufig als Beeinträchtigung genannt.“
    Die Arbeitsfähigkeit der Befragten werde durch die Wechseljahre in ähnlicher Weise wie in der vom House of Commons (Women and Equalities Committee) 2021 durchgeführten Studie in Großbritannien beeinträchtigt, sagt Rumler. „Die Top 4 der sowohl in Deutschland als auch in UK genannten Beeinträchtigungen sind erhöhter Stress, geringere Konzentrationsfähigkeit, erhöhte Ungeduld und Gereiztheit gegenüber anderen und ein geringeres Selbstbewusstsein bezüglich der eigenen Fähigkeiten.“

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    Warum sollten Firmen Arbeitnehmerinnen in den Wechseljahren unterstützen?

    Die Benachteiligung von Frauen bei der gesundheitlichen Versorgung fügt der Weltwirtschaft laut einer Studie einen jährlichen Verlust von umgerechnet fast einer Billion Euro zu. Frauen befänden sich in ihrem Leben um ein Viertel länger als Männer in einem "schlechten gesundheitlichen Zustand", heißt es in dem Bericht „Closing the Women’s Health Gap“, der im Januar vom Weltwirtschaftsforum in Davos veröffentlicht wurde.
    Allein die Beseitigung der Ungleichheiten in Bezug auf Endometriose und die Menopause-Folgen, könnte bis 2040 einen Beitrag von rund 130 Milliarden Euro zum globalen Bruttoinlandsprodukt beitragen, wird in dem Bericht geschätzt. 
    In Großbritannien etwa ist die Lage von berufstätigen Frauen in den Wechseljahren besser erforscht. Dort weiß man schon länger: Eine von sechs der betroffenen Britinnen (17 Prozent) überlegt, aus dem Erwerbsleben auszuscheiden, sechs Prozent haben dies getan. In den USA entstehen der Wirtschaft durch den Arbeitsausfall von Frauen in den Wechseljahren jährlich Kosten von mindestens 1,8 Milliarden US-Dollar, inklusive medizinischer Kosten sind es 27 Milliarden Euro.
    Für Deutschland liefert nun die Befragung der HWR Berlin erste Daten. Jede vierte Frau meldete, aufgrund der Wechseljahresbeschwerden ihre Stundenzahl reduziert zu haben. Fast 20 Prozent der Befragten über 55 gaben an, früher in den Ruhestand gehen zu wollen. Zehn Prozent sind es bei den Befragten insgesamt, die früher in Rente gehen wollen oder es bereits getan haben. Fast ein Drittel der befragten Frauen war aufgrund von Wechseljahressymptomen schon einmal krankgeschrieben oder hat unbezahlten Urlaub genommen. Mehr als jede sechste Befragte hat wegen ihrer Wechseljahressymptome schon einmal die Stelle gewechselt. 
    „Wenn sich die Frauen im Unternehmen verstanden fühlen würden mit ihren Wechseljahresbeschwerden, die sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirken, dann wäre das für die Unternehmen besser, weil die Frauen dann nicht vorzeitig ihre Stellen im Unternehmen verlassen“, sagt Studienleiterin Andrea Rumler. „Angesichts des dramatischen Fachkräftemangels, den wir schon jetzt in Deutschland haben, wäre es für die Unternehmen wünschenswert, dass sie ihre Mitarbeiterinnen viel länger als bisher halten können.“

    Was können Firmen tun, um Frauen in den Wechseljahren zu unterstützen?

    Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin ist bei der Studie von Andrea Rumler Projektpartnerin und erarbeitet derzeit ein Konzept für das betriebliche Gesundheitsmanagement von Unternehmen. Rumler berichtete in diesem Zusammenhang im MDR von einer Expertin, die seit 20 Jahren Unternehmen im betrieblichen Gesundheitsmanagement berate: „Sie hat gesagt, sie hat in all den Jahren kein einziges Mal das Wort 'Wechseljahre' gehört im Kontext von betrieblichem Gesundheitsmanagement von Unternehmen. Das finde ich schon beachtlich."

    Wunsch nach wechseljahrefreundlicher Arbeitskultur

    Die Befragung von betroffenen Frauen habe jedoch bereits gezeigt, was diese sich von den Unternehmen wünschten, sagt Rumler. Auf der Wunschliste ganz oben stehe eine wechseljahre-freundliche Arbeitskultur und eine Sensibilisierung für das Thema bei den Führungskräften. „Das geben jeweils ungefähr drei Viertel der Befragten an.“ Es gehe vielen darum, Awareness, also überhaupt erst mal ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen. Aber auch die Mitarbeitenden sollten sensibilisiert werden. Auch eine offenere Kommunikation werde gewünscht.
    „Und dann gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die wahrscheinlich alle Mitarbeitenden gut fänden, aber eben auch besonders Frauen in den Wechseljahren: flexible Arbeitszeitmodelle, eine flexible Organisation der Arbeitsaufgaben, Informationsangebote, Entspannungstechniken, Kurse, Sportangebote. Alles das, was ein betriebliches Gesundheitsmanagement in einer größeren Organisation sowieso leisten sollte, aber hier eben mit dem Fokus auf den Wechseljahren.“

    Großbritannien bei Wechseljahre-Fragen weiter

    Großbritannien ist auch da einen Schritt weiter. Arbeitgeber müssen nach Ansicht einer britischen Aufsichtsbehörde Rücksicht auf Frauen in den Wechseljahren nehmen. Die Kommission veröffentlichte im Februar einen Leitfaden, worauf Unternehmen achten sollen. So könne es helfen, die Raumtemperatur anzupassen oder auf Uniformzwang zu verzichten, wenn von Wechseljahren betroffene Frauen unter Hitzewallungen litten, teilte die für Gleichberechtigung und Menschenrechte zuständige Equality and Human Rights Commission (EHRC) mit.
    „Wenn Wechseljahresbeschwerden langfristige und erhebliche Auswirkungen auf die Fähigkeit einer Frau haben, ihren normalen Alltagstätigkeiten nachzugehen, können diese Symptome als gleichwertig mit denen von Menschen mit Behinderung gelten“, heißt es in dem Leitfaden. Arbeitgeber seien dann rechtlich verpflichtet, angemessene Anpassungen vorzunehmen. Außerdem könnten sie Frauen erlauben, wenn möglich, von zu Hause zu arbeiten oder sie könnten bei den Arbeitszeiten flexibler sein, etwa wenn betroffene Frauen Probleme beim Schlafen hätten.

    aha