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StartseiteInterviewWedel: Konflikt in Sri Lanka ist nicht militärisch zu lösen19.01.2008

Wedel: Konflikt in Sri Lanka ist nicht militärisch zu lösen

Koordinator der Kindernothilfe sieht Gefahr von Anschlägen auf Zivilisten

Nach Meinung des Koordinators der Kindernothilfe auf Sri Lanka, Ruben Wedel, ist der Konflikt zwischen Regierungen und Tamilenrebellen nicht militärisch zu lösen. Die derzeitige Regierung sei jedoch nicht an einer friedlichen Lösung interessiert. Durch die Bombardements der Regierungstruppen müssten zahlreiche Zivilisten ihre Häuser verlassen und in Flüchtlingscamps ziehen, was die Lage vor Ort noch verschärfe.

Moderation: Oliver Thoma

Soldaten kontrollieren einen Parkplatz in Colombo (AP)
Soldaten kontrollieren einen Parkplatz in Colombo (AP)

Oliver Thoma: Auf Sri Lanka eskaliert die Gewalt wieder. Schon vor dem Ende des Waffenstillstandes vor drei Tagen kam es immer häufiger zu Auseinandersetzungen zwischen tamilischen Rebellen und der Regierungsarmee. Am Mittwoch dann der Bombenanschlag auf einen voll besetzten Bus im Südosten des Landes. Dabei kamen 27 Menschen ums Leben. Und nun will die Armee die Befreiungstiger im Norden Sri Lankas vernichtend schlagen und den 25-jährigen Bürgerkrieg gewaltsam beenden. Die Regierungstruppen sind längst auf dem Vormarsch, aber auch die Tamil Tigers machen mobil und dabei muss fast jeder ran, auch Kinder und schwangere Frauen. Ruben Wedel ist Koordinator der Kindernothilfe auf Sri Lanka, im Moment natürlich auch dort. Herr Wedel, wie erleben Sie denn die Lage? Ist das Land schon wieder voll im Bürgerkrieg?

Ruben Wedel: In Lage in Colombo nach der Aufkündigung des Waffenstillstandes ist sehr angespannt, auch generell im ganzen Land, das ist nicht nur regional beschränkt, dieser Konflikt, einfach dadurch, das jetzt relative Gefahr besteht, dass Anschläge auf zivile Objekte stattfinden, wie es ja schon vor zwei Tagen der Fall war.

Thoma: Wo genau helfen Sie denn in Sri Lanka?

Wedel: Wir helfen im Osten Sri Lankas, einer Gegend, die auch seit einem Jahr wieder ziemlich stark vom Bürgerkrieg betroffen ist. Wir helfen in Flüchtlingslagern, wir machen dort Camps für Kinder, einfach damit die Schulbildung weitergeht, damit dafür gesorgt wird, dass die Kinder gesund bleiben unter diesen Umständen im Flüchtlingslager.

Thoma: Jetzt gibt es Informationen, dass auch Kinder rekrutiert werden und sogar schwangere Frauen im Norden. Was wissen Sie genau darüber?

Wedel: Also diese Situation ist allgemein bekannt in Sri Lanka, dass Kinder rekrutiert werden und auch natürlich schwangere Frauen, also die Rekrutierungstoleranz ist wesentlich höher gegangen. Es werden schwangere Frauen bis zum vierten Schwangerschaftsmonat rekrutiert, es werden Kinder rekrutiert, es werden ältere Männer bis 55 eingezogen, also praktisch alles wird mobil gemacht, was da ist.

Thoma: Machen das die Tamilen, weil sie sonst keine Chance haben möglicherweise gegen die Regierungstruppen?

Wedel: Die Tamilen ist vielleicht ein bisschen allgemeiner Ausdruck, die Rebellen kann man sagen, ja. Also es ist nicht so, dass die kompletten Tamilen mobil machen, sondern eine Rebellengruppe. Und jetzt geht es praktisch um das Herzstück. Die letzte Hochburg der Rebellen steht jetzt unter Beschuss. Auch momentan wird schon bombardiert in der Gegend und es steht jetzt die letzte große Schlacht bevor.

Thoma: Das heißt, die Regierungstruppen werden das Ganze schon bald für sich entschieden haben?

Wedel: Das ist sehr, sehr schwer abzusehen. Also dieser Konflikt geht schon 25 Jahre und es sah schon sehr, sehr oft schlecht für die Rebellen aus. Ein Ende ist meiner Meinung nach nicht abzusehen von diesem Konflikt, also keine kriegerische Lösung ist meiner Meinung nach erreichbar.

Thoma: Gibt es denn eine Möglichkeit für Sie, den Kindern auch im Norden des Landes zu helfen?

Wedel: Ja, also wir haben lokale Partner dort vor Ort, die zur Zeit auch schon helfen. Es gibt Flüchtlinge jetzt schon. Durch die Bombardements müssen Zivilisten ihre Häuser verlassen, ihre Wohngegend verlassen und leben momentan auch schon in Flüchtlingslagern. Wir helfen dort auch durch diese Kinderzentren, die wir dort haben. Wir sorgen dafür, dass hier ein bisschen Normalität beibehalten wird. Wir kümmern uns um die Gesundheit der Kinder, wir kümmern uns um Schulbildung und versuchen einfach, aus der Situation das Möglichste zu machen.

Thoma: Aber das die Kinder zu Soldaten werden und von Rebellen missbraucht werden, quasi, das können Sie nicht verhindern?

Wedel: Zum gewissen Teil können wir das schon, ja, wie genau, das will ich jetzt hier nicht unbedingt sagen.

Thoma: Wäre das zu gefährlich, das zu sagen?

Wedel: Das wäre zu gefährlich, genau. Also ich möchte hier nicht die Quellen oder die Art und Weise, wie wir das machen, bekanntgeben.

Thoma: Nun ist es vielen Helfern, internationalen, inzwischen auch schon überhaupt zu gefährlich geworden in den Norden zu gehen, die haben Projekte zurückgestellt. Gilt das auch für Sie?

Wedel: Das ist meistens so, das sind internationale Mitarbeiter, die die Gegend im Norden verlassen, aber die lokalen Mitarbeiter, die in der Gegend wohnen, zurückbleiben. Also ich habe gehört, dass fast alle großen Hilfsorganisationen sich aus dem Norden schon zurückgezogen haben, mit den internationalen Mitarbeitern. Für uns ist das so, wir haben lokale Partner vor Ort, die in der Gegend wohnen und die auch unsere Projekte weitermachen. Also wir sind nicht auf internationale Mitarbeiter angewiesen, die sich dann aus dem Norden zurückziehen müssen.

Thoma: Haben Sie Angst, in Kämpfe verwickelt zu werden? Ist der Einsatz manchmal wirklich gefährlich, auch für Sie?

Wedel: Ein gewissen Risiko ist dabei, es gilt natürlich, Sicherheitsinformationen reinzuholen, bevor man eine Reise antritt in bestimmte Gebiete. Das ist einfach alltäglich hier. Zum Beispiel, bevor ich ein Projekt besuche, kläre ich mit den internationalen Organisationen ab, ob der Weg frei ist und hole mir einfach die Sicherheitsinformationen rein, die ich brauche, um ein gewissen Maß an Sicherheit zu gewährleisten. Aber ein gewisses Risiko ist dabei, ja.

Thoma: Nun gibt es viel Kritik an der Regierung in Sri Lanka, dass sie den Konflikt gewaltsam beenden will. Es werden Hilfslieferungen eingefroren. Ist das der richtige Weg?

Wedel: Schwere Frage, also ich bezweifle das sehr stark und jeder hier bezweifelt das sehr stark, einfach dadurch, dass dieser Konflikt schon 24 Jahre geht und ich glaube, man lernt hier zu schätzen, was man eigentlich an diesem Waffenstillstandsabkommen hatte. Einfach, dass während dieser Zeit, während dieses Waffenstillstandabkommens war eine gewissen Ruhe da, die es davor seit 20 nicht gab.

Thoma: Können denn die Menschen überhaupt ohne internationale Hilfe auskommen im Moment?

Wedel: Nein, ein Flüchtlingslager auf gar keinen Fall, also in den umkämpften Gebieten ist es so, dass wir komplett auf Hilfslieferungen angewiesen sind. Wenn das zusammenbricht, wenn also die Hilfsorganisationen sich zurückziehen müssen, dann geht das auf eine humanitäre Katastrophe, weil einfach Grundnahrungsmittel zum Beispiel gar nicht mehr vorhanden sind, oder die medizinische Versorgung. Das wird momentan fast ausschließlich von Hilfsorganisationen gemacht.

Thoma: Sehen Sie noch Spielraum für eine politische, friedliche Lösung?

Wedel: Mit dieser Regierung, die im Moment an der Macht ist, nein, weil sie einfach sich dafür entschieden hat, diesen Konflikt militärisch zu lösen.

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