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StartseiteInformationen am MorgenDie Angst vor Männern bleibt09.04.2016

Weibliche FlüchtlingeDie Angst vor Männern bleibt

Zwangsverheiratet, zwangsprostituiert, vergewaltigt: Viele Frauen, die alleine aus ihrer Heimat fliehen, haben einen Lebensweg voller Gewalt und Erniedrigungen hinter sich. Für sie gibt es in Deutschland spezielle Flüchtlingsunterkünfte. Doch die Plätze reichen bei Weitem nicht aus.  

Von Lisa Weiß

Eine Frau verdeckt mit ihren Händen das Gesicht (picture alliance/dpa/Nicolas Armer)
In der Sozialeinrichtung Refugio München ist ein Beratungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer. (picture alliance/dpa/Nicolas Armer)
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Sommer 2013: Joy, wie sie sich nennt, zieht mit ihrem Ehemann in den Norden Nigerias. Ihr Mann hofft dort Arbeit zu finden. Eines Tages bricht eine Gruppe von Männern in ihr Haus ein, sie verprügeln Joy und entführen sie. Die 30-Jährige ist in die Fänge der radikal-islamischen Terrormiliz Boko Haram geraten - wie viele andere Frauen. "Ein Mädchen hat mich gleich am Anfang gewarnt: Ich soll mich auf keinen Fall gegen die Männer auflehnen. Sie werden mich sonst umbringen. Manche Mädchen haben sie als Selbstmordattentäterinnen benutzt. Sie haben ihnen Sprengstoffgürtel umgeschnallt und sie losgeschickt. Ich war so verwirrt. Ich wusste nicht, was ich tun soll."

Joy und Dutzende anderer Frauen leben zusammen mit den Kämpfern in einem Lager. Sie bekommen nur wenig zu essen und zu trinken, müssen auf dem Boden schlafen, den Männern dienen. Viele werden zwangsverheiratet, sagt Joy. Sie schaut auf den Boden, zögert, spricht erst dann weiter: "Sie vergewaltigen dich, wann immer sie Lust haben, und alle anderen schauen zu. Die Männer lachen über dich, beschimpfen dich, sie sagen, du bist nutzlos, du bist Christin, du solltest sterben. Ich möchte keine weiteren Details erzählen. Es ist so schlimm."

In einem unbeobachteten Moment kann Joy fliehen. Ihr einziges Ziel: Weg aus Nigeria, so schnell wie möglich. Menschenhändler versprechen ihr ein besseres Leben in Frankreich. Doch Joy muss den gefälschten Pass, das Visum und den Flug mit ihrem Körper bezahlen - sie wird gezwungen, sich in Frankreich zu prostituieren, muss in einer Nacht mit bis zu 15 Männern schlafen. Auch hier gelingt ihr wieder die Flucht - mittlerweile lebt Joy in Bayern, ist in Sicherheit. Doch die Erlebnisse lassen sie nicht los; sie hat Albträume, ist psychisch labil.

Männer müssen draußen bleiben

Die Geschichte von Joy ist kein Einzelfall. Viele Frauen - vor allem die, die alleine, ohne männliche Begleitung flüchten, werden auf der Flucht vergewaltigt. Oder haben sexuelle Gewalt schon im Heimatland erfahren, sagt Sozialpädagogin Katrin Bahr. Sie arbeitet in München in einer Flüchtlingsunterkunft speziell für Frauen: "Sie müssen die Schlepper mit ihrem Körper bezahlen, sie müssen eigentlich fast alles mit ihrem Körper bezahlen, also eine Flasche Wasser erfordert irgendeine Handlung, und sie sind da Ohnmacht, sexueller Gewalt und sexuellen Übergriffen ausgeliefert."

Genau deshalb dürfen Männer die Frauen-Unterkunft in München nicht betreten, auch alle Mitarbeiterinnen und Wachleute sind weiblich. Bis auf eine Ausnahme - den freundlich lächelnden nigerianischen Wachmann, der am Eingang sitzt. Aber auch er soll den traumatisierten Frauen mehr Sicherheit geben, sagt Katrin Bahr: "Es gibt Frauen, die noch in Zusammenhängen von Menschenhändlern, Zwangsprostitution sind, wir wissen das aus den Unterkünften, dass die Menschenhändler kommen, sich Zugang verschaffen, Kontakt zu diesen Frauen suchen und Kriminelle, die haben Respekt vor männlichem Wachpersonal."

"Wenn ich betrunkene Männer sehe, fürchte ich mich"

Etwa 60 Frauen und Kinder wohnen derzeit in der Einrichtung - die Plätze reichen bei Weitem nicht aus; Frauen-Flüchtlingseinrichtungen sind immer noch eine Seltenheit. Auch Saber Rezai aus Kabul wollte unbedingt in eine solche Einrichtung nur für Frauen - sie hatte kein Glück, lebt in einer normalen Unterkunft in Bayern. Dabei ist auch sie traumatisiert, hat einen kleinen Sohn Er ist erst ein paar Monate alt. geboren hier in Deutschland, die dichten schwarzen Haare hat er von seiner Mutter, das ist klar sichtbar - Saber Rezai trägt kein Kopftuch. Sie ist schwanger aus Afghanistan geflohen, das Kind ist nicht von ihrem Ehemann - sie hatte Angst, dafür von den Taliban gesteinigt zu werden. Ihren neunjährigen Sohn musste sie zurücklassen.

Auf ihrer Flucht ist sie nur knapp einer Vergewaltigung durch einen Schlepper entgangen. Auch sie haben die Ereignisse geprägt: Sie hat Selbstmordgedanken, das Zusammenleben mit den Männern in ihrer Unterkunft ist für sie unerträglich: "Manchmal denke ich: Auf der Flucht war ich schwanger, da konnte ich immer noch hoffen, dass die Männer etwas Mitgefühl haben. Aber jetzt ist das anders. Wenn ich abends in die Küche gehe, habe ich immer Angst, dass ein Mann kommt und mich anspricht, vielleicht sogar vergewaltigt. Auch wenn ich betrunkene Männer sehe, fürchte ich mich - in Afghanistan habe ich so was nie erlebt."

Lange Wartelisten für Therapieplätze

Vielen traumatisierten Frauen ist allein der Umgang mit Männern schon zu viel, sagt auch Jürgen Soyer, Leiter von Refugio München, einem Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer. Etwa die Hälfte der von Refugio therapierten Menschen sind Frauen - obwohl Frauen nur rund ein Drittel der Flüchtlinge ausmachen. Das große, grundsätzliche Problem für Soyer: Asylbewerber haben nur Anspruch auf eine eingeschränkte Gesundheitsversorgung; für sie ist es sehr schwer, eine Psychotherapie zu bekommen. Die wenigen Stellen, die wie Refugio Therapien umsonst anbieten können, haben lange Wartelisten. Und die könnten bald noch länger werden, wegen der Versuche der EU, die Grenzen in Europa dicht zu machen.

"Das Problem ist dabei genau, dass dann die Flucht noch gefährlicher wird. Die Menschen sind noch mehr abhängig von Schleppern, die sie über diese gefährlichen Wege überhaupt noch reinbringen, und genau das erhöht wiederum die Gefahr für Frauen, dass sie Gewalt erleiden, dass sie in die Prostitution gezwungen werden. Je mehr wir also davon sprechen, Grenzen zu schützen, das bedeutet automatisch, dass es noch gefährlicher wird für die Frauen und wir haben noch mehr Frauen, die so was erleben werden."

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