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StartseiteInterview"Wir müssen die Beruhiger sein"23.12.2016

Weihnachten im Zeichen des Terrors"Wir müssen die Beruhiger sein"

Rainer Maria Schießler ist als Pfarrer über die Grenzen seiner Münchner Gemeinde bekannt. Die Rolle der Kirchen sehe er in diesen Zeiten vor allem darin, für Zusammenhalt zu sorgen, sagte er im DLF. Der Anschlag von Berlin ist für ihn Anlass, auf den Ursprung des Weihnachtsfestes hinzuweisen.

Rainer Schießler im Gespräch mit Christoph Heinemann

Rainer Maria Schießler, Pfarrer der Pfarrei "Zu den heiligen zwölf Aposteln" in München-Laim (dpa/picture alliance/Andreas Gebert)
Rainer Maria Schießler ist katholischer Pfarrer in St. Maximilian in München. (dpa/picture alliance/Andreas Gebert)
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In seiner Weihnachtspredigt werde es um die Frage gehen, "ob nicht ein Vorfall wie der in Berlin uns auf tragische Art und Weise die Augen dafür öffnet, was für ein Weihnachten wir eigentlich feiern: Dass Gott genau in diese Welt von Krieg, Terror, Gewalt, Unterdrückung und gegenseitigem Niedermetzeln hineingeboren wurde", sagte Schießler. Die Menschen hätten Weihnachten "zugepflastert mit zu vielen Gefühlen, Stollen und Glühwein".

Die Rolle der christlichen Kirchen zu Weihnachten sehe er "gerade in Zeiten von sozialen Medien" darin, durch Appelle für mehr Zusammenhalt und Solidarität "Beruhiger" zu sein. Man müsse die Menschen dazu aufrufen, nicht in Panik zu verfallen. "Wir sind und bleiben die Handelnden. Wir sind die Mehrheit, die 'Guten'. Wir dürfen uns von niemandem hertreiben lassen", sagte Schießler, der katholischer Pfarrer in der Gemeinde St. Maximilian in München und außerdem als Gastgeber einer Talkshow im Fernsehen und Autor des Bestsellers "Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten" bekannt ist.


Das Interview in voller Länge:

Christoph Heinemann: Morgen und am Wochenende werden wieder viele Menschen die Messen und Gottesdienste besuchen, vielleicht auch und gerade nach dem Terroranschlag einen Tag nach dem vierten Advent. Unter den Besucherinnen und Besuchern viele Menschen, die der Kirche jenseits der großen Festtage den Rücken kehren.

Rainer Maria Schießler ist Pfarrer der Gemeinden Sankt Maximilian und Heilig Geist in München. Die Messen, die er zelebriert, sind gut besucht. Der Mann ist kein gewöhnlicher Geistlicher; als junger Mann verbrachte er eine Zeit in einem Kapuzinerkloster, während seiner Zeit im Priesterseminar ist er nachts Taxi gefahren und hat das wahre München kennengelernt, so schreibt er. Er schreibt über die Bedeutung des Gebets und ist leidenschaftlicher Motorradfahrer, kellnert gelegentlich beim Oktoberfest. "Himmel - Herrgott - Sakrament" hat er sein Buch überschrieben, aufgeführt sogar in der "Spiegel"-Bestsellerliste, Untertitel: "Auftreten statt austreten". Rainer Maria Schießler gewährt einen Einblick in das Leben eines Pfarrers, denkt nach über den Zustand seiner Kirche und bringt die Zukunft dieser Kirche auf drei Begriffe: Personal, Kundschaft, Knete. Tendenz: dreimal abnehmend. Und wenn man sein Buch liest, fragt man sich, warum eigentlich. - Guten Morgen, Rainer Maria Schießler.

Rainer Maria Schießler: Guten Morgen.

Heinemann: Beginnen wir mit Berlin, Herr Schießler. Werden Sie morgen in Ihrer Weihnachtspredigt auch über den Terroranschlag sprechen?

"Wir haben Weihnachten zugepflastert mit Gefühlen, Christstollen und Glühwein"

Schießler: Ja, indirekt. Wir hören ja da sehr viel jetzt und ich überlass das eigentlich meinen Oberen und den Politikern in ihren Weihnachts- und Neujahrsansprachen, das mit sehr würdevollen Worten auszudrücken. Bei mir kommt mehr der Aspekt - das Wort des Jahres lautet ja "postfaktisch" -, ob nicht gerade so ein Vorfall wie der in Berlin uns auf eine leider Gottes sehr tragische Art und Weise die Augen dafür öffnet, was wir an Weihnachten eigentlich feiern, dass Gott genau in diese Welt von Krieg, Terror, Gewalt, Unterdrückung, gegenseitiges Niedermetzeln hineingeboren wird, dass wir das vielleicht früher viel zu wenig bedacht haben, gefeiert haben. Wir haben das Weihnachten zugepflastert mit Gefühlen, mit Christstollen und mit Glühwein und jetzt auf einmal wird uns klar, in welch eine Welt Gott eintritt. In dem Sinne werde ich es ansprechen, ja.

Heinemann: Wenn wir uns die Hinterbliebenen vielleicht der Opfer vorstellen. Hält das christliche Weihnachtsfest eine Botschaft bereit für Menschen, die jetzt um Opfer trauern, die vielleicht völlig verzweifelt sind?

Schießler: Wissen Sie, ich habe es mir seit vielen Jahren angewöhnt, dass ich an Heiligabend ganz bewusst Menschen anrufe, wo ich in dem vergangenen Jahr zum Beispiel einen Ehepartner beerdigt habe, oder, weil ich hier im Schwulenviertel bin, einen Partner beerdigt habe, der an AIDS gestorben ist, den sie gegenseitig gepflegt haben und so weiter, um ihnen zu sagen in dieser Nacht, ich denk an Dich. Ich möchte nicht die Gefühle bedienen, sondern Du sollst wissen, ich bin heut bei Dir. Ich wüsste nicht, wie ich einen Menschen trösten könnte, der vielleicht seinen Angehörigen in Berlin jetzt verloren hat. Da ist jedes Wort oft viel zu viel und viel zu viel Gefahr, dass man Unsinn redet. Da muss es einfach schon genügen, nur dem anderen das Gefühl zu geben, ich bin in Deiner Nähe. Ich glaube, man kann nicht einfach den Hebel umschalten und sagen, jetzt ist Weihnachten, jetzt werde ich getröstet, jetzt kommt der liebe Gott, jetzt geht es mir auf einmal wieder gut. Was mache ich dann am 25. Und am 26.? Geht es mir dann nicht mehr gut?

Heinemann: Herr Schießler, grundsätzlich: Welche sollte in Zeiten des Terrors jetzt die Rolle der Kirche sein, oder welche könnte sie sein?

"Wir sind und bleiben die Handelnden"

Schießler: Zumindest zunächst einmal ganz wichtig, gerade in Zeiten der sozialen Medien, wir haben es ja hier in München mitbekommen beim Amoklauf: Wir müssen die Beruhiger sein. Wir müssen die Stabilisatoren sein. Wir müssen den Leuten sagen, bitte verfallt uns nicht in Panik. Hier geschieht kein Unglück so wie ein Naturereignis, das über uns hereinbricht. Wir sind und bleiben die Handelnden. Wir sind ja die Mehrheit, die "Guten", und wir dürfen uns vor niemandem hertreiben lassen. Ein Jugendlicher hat in diesen Tagen nach Berlin ein schönes Wort gebraucht. Er hat gesagt, die können vielleicht mit ihrem Lastwagen uns plattwälzen, aber sie werden uns nicht kleinkriegen. Das, glaube ich, muss die Aufgabe von Kirche sein, durch Zusammenhalt und durch Solidarität Ruhe reinzubringen, vor allem in die sozialen Medien, in die sozialen Gemeinschaften.

Heinemann: Kann Kirche in solchen Momenten Menschen wieder binden?

Schießler: Ich weiß gar nicht, ob das Binden geht. Es gibt viele Bischöfe, die zum Beispiel sagen, wenn sie sich gegen die immer wieder zitierten Reformvorschläge wenden, die ich auch in meinem Buch drin habe, wenn wir das alles tun würden, die evangelische Kirche hat es ja gemacht, dann würden wir auch keinen in die Kirche mehr hineinbringen. Dann antworte ich immer gerne, darum geht es doch gar nicht. Ich bin doch nicht Priester geworden, ich habe doch nicht den Auftrag, um Kirchen zu füllen. Ich habe den Auftrag, Menschen mit Gott in Berührung zu bringen. In die Kirche kommen sie von alleine und das sehen wir ja an Weihnachten. Da sind die Kirchen voll, nicht nur jetzt meine, auch wirklich die anderen. Und ich sage immer ganz gerne: Wenn wir sie an Weihnachten nicht mehr voll kriegen, dann können wir den Laden sowieso dichtmachen. Die Leute kommen in die Kirche rein, weil da eine Grundsehnsucht da ist, und wir haben sie zu bedienen in dieser Sehnsucht, indem wir ihnen die Augen öffnen, dass Gott mit ihrer Sehnsucht nicht spielt, sondern ehrlich mit ihnen umgeht. Aber binden - ich muss keinen anketten. Glaube ist etwas ganz selbständiges, etwas freies. Du entscheidest Dich und nicht ich über Deinen Glauben.

Heinemann: Nun bekommen Sie Ihre Kirche auch jenseits der großen Festtage voll. Wie machen Sie das?

"Auf Augenhöhe mit den Leuten kommunizieren"

Schießler: Indem ich genau diese Töne nicht nur Weihnachten anschlage, sondern dass wir das jeden Sonntag machen, dass wir offen auf Augenhöhe mit den Leuten kommunizieren, dass wir ihnen sagen, worum es im Glauben wirklich geht, dass wir eine Sprache sprechen, die zu verstehen ist, dass wir Bilder verwenden, mit denen sie umgehen können. Heute in der Kinder-Christmette haben wir einen Jugendlichen, der singt "Angel" von Robbie Williams. Dann haben wir einen Buben, der singt "Come in to Church" mit seinem Papa. Das heißt, wir machen so eine Art Gesangswettbewerb, einfach zur Freude derer, die im Stall von Bethlehem sich über die Geburt Jesu freuen, einfach was anderes anbieten, wo sich die Menschen wiederfinden. Als wir studiert haben, da hat man uns als Studenten immer gesagt, ihr müsst die Leute dort abholen, wo sie stehen, und dann unausgesprochen uns mitgegeben, und dann führt sie bitte ins nächste Hochamt. Und genau das machen wir nicht. Wir versuchen, die Leute abzuholen, aber dann möchten wir zuhören und sie fragen, wohin wollt ihr eigentlich, wir gehen mit mit euch.

Heinemann: Sie haben geschrieben, man müsse Sakramente - Sakramente sind Taufe, Firmung, Grußsakrament, Eucharistie, Krankensalbung, Ehe -, das müsse man spüren. Wie geht das?

Schießler: Wenn bei einem Sakrament vorgesehen ist Handauflegung, dann muss ich die Hand spüren und nicht überm Kopf schweben lassen. Das beginnt jetzt damit, dass zum Beispiel ein Kind, das zum ersten Mal beim Sakrament der Buße mit Gott als dem Vergebenden in Berührung kommt, die Hand auch spürt auf dem Kopf, so wie es sie spürt, wenn es der Papa streichelt, wenn es sich wehgetan hat. Sakramente heißt, mir muss etwas unter die Haut gehen. Wir verwenden ja bei vielen Sakramenten Öl, bei der Taufe, bei der Firmung, bei der Krankensalbung. Öl geht unter die Haut. Es gibt keine intimere Begegnung als im Sakrament mit Gott selber und es muss vor allem eine ganz ehrliche Begegnung sein. Wenn ich da natürlich nur darauf angewiesen bin, dass ich irgendwelche Texte aus einem Buch vorlese, und den betreffenden Menschen nicht mehr anschauen kann, dann spürt er auch nichts, weil dann wird er nur abgehandelt wie ein Kochrezept.

Heinemann: Stichwort ehrliche Begegnung. Sie haben auch geschrieben, die Jugend flieht vor dieser erstarrten und mit sich selbst beschäftigten Kirche. Und das klang für mich so, als ich es gelesen habe, als könnten Sie diese Jugend verstehen.

"Du musst um jeden einzelnen ringen"

Schießler: Ich glaube gar nicht mal, dass sie flieht. Die steht einfach da und sagt, wisst ihr was, macht ihr euer Ding, wir machen unseres. Ich bin jetzt 30 Jahre in dem Beruf. Ich habe noch nie so häufig und so deutlich gehört, dass Menschen mir sagen, und mit Jugend meine ich nicht nur 14-, 15-jährige Pubertierende, sondern junge Erwachsene, junge Väter und Mütter, die sagen, wissen Sie, wir können gut glauben ohne diese Institution, und ich vertrete die Institution und ich ringe nach Antworten und muss doch hier irgendwie vernünftig denen Paroli bieten, dass ich sage, nein, wir haben nicht nur ein Recht, da zu sein, wir haben sogar eine Pflicht, für euch da zu sein, aber das muss ich auch mit Leben füllen können und warum Gemeinschaft notwendig ist. Das kann man denen schon vermitteln, vor allem, indem man an die gegenseitige Verantwortung appelliert. Aber es ist ein ganz mühsamer Weg. Das muss ich wirklich einmal deutlich sagen. Bitte nicht glauben, dass hier da ein cooler Pfarrer kommt und dann kommen die Jugendlichen in Scharen in die Kirche hinein. Du musst Dich um jeden einzelnen ringen, kämpfen, Du bist ständig unterwegs.

Heinemann: Könnten Sie sich, Herr Schießler, eine katholische Kirche vorstellen, ohne Regelwerk, ohne Kontrolleure, in der es einfach um den sozialen Dienst, um die Schrift, um den Glauben geht, wie Luther gesagt hat, sola fide, sola scriptura?

"Einfacher werden, so einfach wie möglich"

Schießler: Ich habe einmal gesagt, mir würden fünf Sätze eines Jesus von Nazareth genügen und das wäre für mich die Magna Charta einer Kirche. Wenn mir ein Jesus von Nazareth sagt, ihr wisst, wie es in der Welt zugeht, wie die Mächtigen sich über die Kleinen erhöhen, bei euch soll es anders sein, da steckt schon alles drin. Da steckt schon alles drin. Oder was er dem Geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan. Was brauch ich da noch ein Regelwerk? - Ich habe gestern einen Gottesdienst gehabt mit behinderten Kindern, autistischen Kindern. Mit denen habe ich schon Kommunion gefeiert und wir haben uns daran erinnert, wie wir die Erstkommunion vorbereitet haben, wie wir diesen Kindern beigebracht haben, dass man dieses Stück Brot anerkennen kann, dass man das wirklich essen kann. Ich habe den Kindern erzählt, wie mir das gut getan hat, dass ich so geerdet worden bin, dass ich so heruntergeführt worden bin, mal wieder zu begreifen, worum es bei diesem Mahl halten überhaupt geht. Das habt ihr gemacht, habe ich zu den Kindern gesagt. Ihr habt mir das beigebracht. Und dann haben wir in demselben Moment gedacht: Und was machen wir? Wir streiten über Theologismen, ob jetzt ein Evangelischer mit mir Brot teilen kann, Brot, das Grundlebensmittel schlechthin. - Sie wissen jetzt, wo der Strang hingeht. Einfacher werden, so einfach wie möglich, abstreifen was uns alles einengt und einzwängt, und dann schauen in den Stall von Bethlehem. Da liegt der Sohn Gottes in einer Erdhöhle in einem Fressnapf, nackert. Geht es noch einfacher?

Heinemann: Vermutlich nicht. - Rainer Maria Schießler, Pfarrer der Gemeinde Sankt Maximilian und Heilig Geist in München, Autor des Buchs "Himmel - Herrgott - Sakrament". Herr Schießler, vielen Dank Ihnen für das Gespräch und Ihnen ein friedliches und schönes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Schießler: Danke gleichfalls. Alles Gute!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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