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StartseiteTag für TagDer Stern des Anstoßes19.12.2018

WeihnachtssymbolDer Stern des Anstoßes

Der Israeli Aviel Sender studiert in Kiel. Sein Sohn brachte kürzlich aus der Kita etwas Selbstgebasteltes mit: einen gelben Stern mit sechs Zacken. So etwas mussten meine Vorfahren in der Nazi-Zeit tragen, dachte Sender. Er meldete sich in der Kita und beim DLF. Bin ich zu empfindlich?, fragt er.

Aviel Sender im Gespräch mit Gerald Beyrodt

Ein Weihnachtsstern aus dem Kindergarten - aber auch das Symbol, mit dem jüdische Menschen in der NS-Zeit stigmatisiert wurden (Aviel Sender)
Ein Weihnachtsstern aus dem Kindergarten - aber auch das Symbol, mit dem jüdische Menschen in der NS-Zeit stigmatisiert wurden (Aviel Sender)
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Gerald Beyrodt: Aviel Sender ist Israeli, lebt seit viereinhalb Jahren in Deutschland. Der 31-Jährige studiert in Kiel Agrarwissenschaft. Mit dem Kindergarten seiner Tochter machte er eine schwierige Erfahrung und davon hat er uns geschrieben. Sein Sohn kam mit einem Stern nach Hause - einem Weihnachtsstern. Ich habe mich vor der Sendung mit Aviel Sender unterhalten. Herr Sender, wie sah der Stern denn aus?

Aviel Sender: Der Stern war ein Davidstern, ein gelber Davidstern, wie man sich auch vorstellen kann. Ja, das hätte man sich vielleicht nicht gedacht, dass man sich als Weihnachtsbastelei einen gelben Davidstern bastelt.

Beyrodt: Aber die Kindergärtnerinnen haben sich nichts dabei gedacht.

Sender: Ja, genau, sie haben darüber wirklich nicht gedacht und genau darum geht es, dass man daran nicht denkt, was dieser sechseckige gelbe Davidstern bedeutet.

"Ein schreckliches Gefühl"

Beyrodt: Sie haben uns eine Foto des Sterns gemailt. Er ist bei uns im Internet zu sehen. Er sieht wirklich dem Judenstern aus der Nazizeit sehr ähnlich. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Sender: Ein ganz schreckliches Gefühl. Ich war wirklich schockiert, es hat mich sehr gestört. Ich habe auch nachts daran gedacht, warum ist das so, warum hat niemand daran gedacht. Ich war nicht sauer auf die Kindergärtnerinnen. Sie kennen mich, sie wissen, dass ich aus Israel komme, dass ich jüdisch bin. Trotzdem: Warum hatten sie kein Bewusstsein dafür?

Beyrodt: Viele aus Ihrer Familie mussten den gelben Stern tragen, haben Sie uns geschrieben. Das sind Erinnerungen, die das ausgelöst hat, richtig?

Sender: Genau. Mein Vater selbst sogar, der ist schon gestorben. Während der Nazizeit musste er diesen Stern auch tragen.

"Alle mussten diesen Stern tragen"

Beyrodt: Was haben Sie denn zu den Kindergärtnerinnen gesagt?

Sender: Ich habe denen erstmal die Familiengeschichte erzählt. Ich habe denen gesagt, die Familie seitens meines Vaters musste in ganz vielen Arbeitslagern arbeiten und die Familie meiner Mutter, dass ein riesen Teil dieser Familie ermordet wurde. Und dann habe ich den Stern gezeigt und auch gesagt, dass alle diesen Stern tragen mussten.

Beyrodt: Das sind Zusammenhänge, über die Sie sie erst aufklären mussten?

Sender: Ja.

Beyrodt: Was sagt uns das über die Erinnerungskultur in Deutschland, wenn man sich an gelbe Sterne nicht erinnert?

Sender: Mir sagt das viel. Ganz viele Deutschen, denen ich das erklärt habe, konnten das nicht ganz nachvollziehen. Sie meinten natürlich, dass ich recht habe, aber für die meisten Deutschen ist das einfach ein gelber Weihnachtsstern. Aber für mich nicht. Und alle Isrealis, denen ich das gezeigt habe, dachten genau wie ich. Und das hat mir irgendwie diesen Kulturunterschied zwischen Israel und Deutschland, Juden und Nicht-Juden.

"Man muss ein Bewusstsein haben, was das bedeutet"

Beyrodt: Sie sind mit einer nicht-jüdischen deutschen Frau verheiratet. Was hat denn die zu dem Weihnachtsstern gesagt?

Sender: Am Anfang dachte sie genau wie alle andere Deutschen, dass ich vielleicht etwas übertreibe, das ist eigentlich nur nett gedacht und ich meinte, ja, ist mir klar, dass das nett gedacht ist. Aber trotzdem muss man dafür ein Bewusstsein haben, was das bedeutet. Meine Frau, jetzt, kann das auch nachvollziehen, total. Sie akzeptiert, was ich denke und was ich meine. Und sie unterstützt auch sehr viel. Ich musste sie irgendwie auch daran erinnern, was das für mich und meine Familie bedeutet. Aber allen, denen ich das erzähle, können das auch irgendwann nachvollziehen. Deshalb wollte ich auch ein bisschen Bewusstsein erregen.

Beyrodt: Wie ging das denn im Kindergarten weiter? Konnten Sie da Verständnis finden bei den Kindergärtnerinnen oder waren sie völlig verständnislos?

Sender: Sie haben richtig großes Verständnis gezeigt. Sie haben sofort alle gelben Sterne an der Wand abgerissen und dann den Kindern geschenkt, damit sie die Sterne nach Hause mitnehmen können. Weil die Kinder die Sterne selbst gebastelt haben, sie können sie nicht einfach wegschmeißen. Aber sie haben sofot neue gebastelt in anderen Formen, anderen Farben. Sogar der Kindergartenleiter hat mich gefragt, ob er den Stern behalten darf, damit er das in der Dienstbesprechung auch einbringen kann.

"Meine Kinder sollen die jüdische Kultur kennenlernen"

Beyrodt: Sie sind säkularer Jude. Wie machen Sie es denn in Deutschland mit dem Judentum mit ihrer Familie?

Sender: Wir versuchen alle jüdische Feiertage zu feiern. Es gab vor ein oder zwei Wochen Chanukka, das ist eigentlich parallel zu Weihnachten. Es gibt auch ganz viele Lichter und Berliner überall zu essen.

Beyrodt: Es erinnert an ein großes Öl-Wunder im Tempel.

Sender: Genau. Ich versuche, mit ihnen die Feiertage zu feiern, damit sie so ein Bewusstsein fürs Judentum haben. Aber ich bin so ganz unorthodox. Ich möchte es meinen Kindern bekannt machen, damit sie wissen, was Judentum heißt, welche Feiertage gibt es. Natürlich auch die Sprache, ich spreche mit denen nur Hebräisch zuhause. Natürlich auch draußen, wenn wir in der Stadt sind, damit sie die Kultur, die israelische Kultur, die jüdische Kultur, auch wirklich kennenlernen.

Beyrodt: Was ja in Deutschland überhaupt nicht selbstverständlich ist. Gerade in Kiel ist das sicher nicht so einfach, die jüdische Kultur kennenzulernen.

Sender: Nein, sie ist sehr klein.

"Die Leute sind offener als früher"

Beyrodt: Sie haben uns vorhin von Ihrer Familiengeschichte erzählt, was ihre Familie alles im Nationalsozialismus erlitten hat. Nach Deutschland zu kommen, war das schwierig für Sie? Ausgerechnet nach Deutschland.

Sender: Das war schon schwierig. Ich musste mir Gedanken darüber machen, aber ehrlich gesagt, nicht so ganz schwierig, wie das zum Beispiel für meine Schwester wäre. Sie meinte zu mir, dass sie nie nach Deutschland ziehen könnte. Aber für mich war das irgendwie einfacher. Es ist eine andere Zeit, eine andere Kultur. Die Leute sind offener als früher vielleicht. Sie akzeptieren mehr. Auch andere Kulturen.

Beyrodt: Sie hätten mit Ihrer Frau vielleicht auch in Israel bleiben können. Was hat Sie dazu veranlasst zu sagen: Nee, ich gehe mit der Familie nach Deutschland?

Sender: Als wir da wohnten, es gab gerade wieder einen Krieg oder was ähnliches. Wir haben direkt an der Grenze zum Libanon gewohnt, in einem Kibbuz. Die Grenze verlief genau im Kibbuz. Das war, als es gerade diesen Krieg wieder gab, das war auch so ein bisschen gruselig. Das Sozialsystem in Deutschland ist viel besser als in Israel. Also, ich bin Student, ich bin auch selbstständig und in Israel wäre das fast unmöglich, so was zu machen. Vor allem, weil das Studium zum Beispiel sehr teuer ist, was hier quasi, fast umsonst ist. Es ist viel leichter hier für eine Familie, für eine junge Familie, hier zu wohnen.

Beyrodt: Das heißt, das Soziale und auch in einem Land in Frieden zu leben, haben überwogen gegenüber den Familienerinnerungen.

Sender: Ja, definitiv.

Beyrodt: Ich sehe was, was Du nicht siehst: Der Israeli Aviel Sender über die Bastelei seines Sohnes, für die einen ein Weihnachtsstern, für ihn ein Judenstern. Herr Sender, vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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