Montag, 14.10.2019
 
StartseiteInterview"Parallelen zu heute sind unübersehbar"23.06.2019

Weimarer Republik"Parallelen zu heute sind unübersehbar"

Nationalismus, enttabuisierte Sprache und politische Gewalt: Der Historiker Eckart Conze hält die Zeit nach dem Versailler Friedensschluss von 1919 unserer heutigen für ähnlicher als die Zeit nach 1945. Die Politik könne daraus Lehren ziehen, sagte er im Dlf.

Eckart Conze im Gespräch mit Anja Reinhardt

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Versailler Vertrag (picture alliance/dpa)
Die Unterzeichnung des Friedensvertrages im Schloss von Versailles am 28.6.1919. Eröffnung der Sitzung durch den französischen Ministerpräsidenten Georges Benjamin Clemenceau (Zeichnung von George Scott). (picture alliance/dpa)
Mehr zum Thema

100 Jahre Versailler Vertrag Wilsons tückisches Selbstbestimmungsrecht der Völker

Herbert Kapfer: "1919" Atemlos durch das Jahr

100 Jahre Versailler Vertrag Ein Frieden ohne Versöhnung

100 Jahre Pariser Friedenskonferenz Schwierige Neuordnung der Welt

Versailler Vertrag 1919 Wäre ein anderer Frieden möglich gewesen?

Conze sieht eine "klare Kontinuitätslinie" von 1919 zur heutigen Zeit. Die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende hingegen könne als eine Art "Zwischenzeit" angesehen werden, die in den 1990er-Jahren zu Ende gegagen sei. Sie sei stärker durch Multilateralismus charakterisiert gewesen als die Politik des beginnenden 21. Jahrhunderts. Man habe versucht, Lehren aus dem Scheitern von 1919 zu ziehen. Das sei jedoch erneut gescheitert. 

Entgrenzter Sprache einen Riegel vorschieben

Wie zur Zeit der Weimarer Repbublik hätten wir es heute wieder mit einer internationalen Ordnung und Dynamiken internationaler Politik zu tun, die stark von nationalen Kräften und Motiven angetrieben seien, so Conze. Insbesondere was den "entabuiiserten" politischen Sprachgebrauch angehe, ließen sich Parallelen von Weimar bis heute ziehen. Politisch vergiftete Sprache und daraus resultierende Gewalt seien zentrales Element der Weimarer Gesellschaft gewesen, sagte der Historiker. Dem müsse die Politik einen Riegel vorschieben - auch gesetzgeberisch. Das schließe eine stärkere Kontrolle von sozialen Netzwerken ein.

Umstrittener Friedensschluss 

Die Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags jährt sich in diesem Jahr zum 100. Mal. Am 28. Juni 1919 unterschrieben SPD-Außenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell von der katholischen Zentrumspartei im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles den Vertag.

In Deutschland war der Versailler Vertrag heftig umstritten, selbst der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann sprach von Fesseln und trat aus Protest als Reichsministerpräsident zurück.

"Augen der Weltöffentlichkeit auf die Verhandler gerichtet"

"Es waren 32 Siegerstaaten, die Verliererstaaten waren im Paris nicht beteiligt. Es ging darum, nach einem Weltkrieg eine globale Friedensordnung zu schaffen", sagte der Historiker Eckart Conze im Dlf. 

Die Friedensverhandlungen fanden auch unter den Augen der Öffentlichkeit statt, sagte Conze. Dies habe zu einem enormen Druck bei den Verhandlern geführt. Conze hat ein Buch geschrieben "Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt", welches sich mit dem Versailler Vertrag auseinandersetzt. 

Der Historiker Eckart Conze (picture alliance / dpa / Hannibal)Der Historiker Eckart Conze (picture alliance / dpa / Hannibal)

"Der Krieg hat in den Köpfen weitergelebt"

Man habe geglaubt, innerhalb kurzer Zeit einen stabilen Frieden zu schaffen, das sei aber vor dem Hintergrund des Krieges ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, analysierte Conze. Man habe in so kurzer Zeit nicht vom Kriegs- in den Friedensmodus schalten können. Der Krieg habe in den Köpfen weitergelebt und deswegen habe der Friedensschluss keinen der Beteiligten zufrieden gestellt. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
 
 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk