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Weizsäcker-Rede 1985"Seine Altersgenossen fühlten sich herausgefordert"

Der verstorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker habe mit seiner Rede vom 8. Mai 1985 im Bundestag ein selbstkritisches Geschichtsbewusstsein gezeigt, sagte der Historiker Heinrich August Winkler im DLF. Die Rede habe einen Historiker-Streit ausgelöst und auch zur Wiedervereinigung beigetragen.

Heinrich August Winkler im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich | 31.01.2015

Richard von Weizsäcker 1985 bei seiner Rede am Pult des Bundestags in Bonn.
Bundespräsident Richard von Weizsäcker bei seiner vielbeachteten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 im Bundestag in Bonn. (dpa / Heinrich Sanden)
Burkhard Müller-Ullrich: Zehn Wochen vor seinem 95. Geburtstag ist Altbundespräsident Richard von Weizsäcker heute in Berlin gestorben. Er setzte Maßstäbe in diesem Amt, sprachkulturelle Maßstäbe jedenfalls, indem er vor knapp 30 Jahren, am 8. Mai 1985, im Bonner Bundestag eine Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes hielt. Diese Rede wollen wir uns jetzt mit dem Historiker Heinrich August Winkler vergegenwärtigen, und das heißt: Wir müssen uns richtig Mühe geben, um zu verstehen, in welchem Zeitgeist, in welchem Mentalitätskontext diese Rede damals gehalten wurde, denn für uns heute ist alles, was damals gesagt wurde, eigentlich selbstverständlich. Man versteht gar nicht, was daran besonders war.
Heinrich August Winkler: Das ist ganz richtig. Die Rede war damals umstritten, vor allem in den Unions-Parteien, aus denen Weizsäcker ja in sein Amt als Bundespräsident gelangt war. Die Zustimmung in der Mitte und der linken Mitte, bei den Sozialdemokraten, bei den Grünen, war deutlich stärker, sie war einhellig positiv, übrigens auch das Echo im Ausland. Es gab auch in der Printpresse damals sehr zurückhaltende bis ablehnende Kommentare, und das lag vor allem daran, dass Weizsäcker das Wort ausgesprochen hatte, der 8. Mai 1945 sei ein Tag der Befreiung gewesen, wohl auch die These, dass das Unglück, die Vertreibung, die Flucht nicht erst 1945 ihre Ursachen hätten, sondern bereits in der Machtübernahme der Nationalsozialisten, der Satz, dass man den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen dürfe.
Und viele liberale Beobachter empfanden es auch als hilfreich und wichtig für die politische Kultur der Bundesrepublik, dass mit dieser Rede des Bundespräsidenten im Bundestag ein Kontrapunkt gesetzt wurde und zu jener makaberen Totenehrung durch Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, wo auch 1949 Soldaten der Waffen-SS begraben lagen.
Müller-Ullrich: Darin spiegelte sich ja wohl auch ein Generationenproblem, denn eigentlich hat Weizsäcker damals ja etwas gesagt, was für die Jüngeren, also diejenigen, die im Nachkriegsdeutschland zur Schule gingen, seit Jahrzehnten bereits gelehrt wurde. Für die war es nicht überraschend. Sprach er zu den Älteren also?
Weizsäcker-Rede hat Historiker-Streit entfacht
Winkler: Ja, ich denke, es war ein Generationenproblem. Seine Altersgenossen, auch die etwas Jüngeren, die noch als Soldaten am Krieg teilgenommen hatten, die fühlten sich herausgefordert, jedenfalls zu einem gewissen Teil herausgefordert. Die meisten Historiker stimmten Weizsäcker ohnehin zu, aber zu den Folgen der Rede gehört dann auch jener Historikerstreit von 1986, wo noch einmal sehr national-apologetische Töne laut wurden seitens des Berliner Historikers Ernst Nolte, der einen entsprechenden Text in der "Frankfurter Allgemeinen" veröffentlichte, und damals hat die Mehrheit der deutschen Historiker Front bezogen gegen diese national-apologetische Interpretation der deutschen Geschichte und für Weizsäckers selbstkritische Sicht auf die deutsche Geschichte.
Jürgen Habermas hat damals das Wort ausgesprochen, die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte – so Habermas. Das ist ein Wort im Geiste der Rede Weizsäckers vom 8. Mai 1985.
Müller-Ullrich: Sie haben gerade die Verbindung zum Historikerstreit gezogen. Ist die explizit? Das heißt, kann man sagen, dass das noch so ein Aufflackern war, was vielleicht durch Weizsäckers Rede mit angestoßen wurde?
Winkler: Die Veröffentlichung in der "FAZ" stand damals in der Kontinuität von sehr apologetischen Artikeln und einer sehr abwehrenden Interpretation der Weizsäcker-Rede. Zumindest insofern war ein Zusammenhang gegeben. Mir selber, der ich mich dann an der Seite von Habermas an dieser Kontroverse beteiligt habe, war dieser Zusammenhang jedenfalls damals klar. Ich habe das auch in meinem eigenen Beitrag betont, dass wir es mit einer Auseinandersetzung zu tun haben, die inzwischen die politische Ebene erreicht hatte.
Es ging darum, dass der Holocaust seine Stellung als das zentrale Ereignis der Geschichte, vor allem der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zugesprochen bekam, dass man da nicht drum herumredete und sich dieser Tatsache stellte, und da war die Rede Weizsäckers sehr hilfreich. Er hat übrigens selbst zum Historikerstreit Stellung bezogen, sehr im Sinne der liberalen Fraktion, wie man damals sagte. Weizsäcker hat auf einem Historikertag in Bamberg noch einmal Stellung genommen zu dieser Debatte innerhalb der Geschichtswissenschaft über die Singularität des nationalsozialistischen Judenmordes und er stellte sich ganz klar auf die Seite derer, die ein selbstkritisches Bild der deutschen Geschichte befürworteten und gegen alle Versuche einer nationalen Apologie.
Bedeutung von Weizsäckers Rede für die Einheit
Müller-Ullrich: Die Wirkungen auf die deutsche Öffentlichkeit waren das eine, aber viel wichtiger noch im Grunde war – Sie haben es schon angesprochen – die Wirkung im Ausland, auf internationaler Ebene. Der deutsche Historikerstreit selbst ist ja schon fast vergessen. Aber auf internationaler Ebene kann man sagen, das Bild der Deutschen, das sich unter anderem durch diese Rede gewandelt hat, war es ein Bild, das die Wiedervereinigung erst ermöglichte?
Winkler: Ja. Ich denke, einem nationalistischen, selbstgerechten Deutschland wäre es nicht gelungen, Einheit und Freiheit in Übereinstimmung mit den ehemaligen großen Vier und mit den europäischen Nachbarn durchzusetzen. Das setzte voraus, dass Deutschland sich ohne Wenn und Aber seiner Vergangenheit, auch den Kapiteln einer schuldbeladenen Vergangenheit stellte. Und diese Bereitschaft, die sich ja dann auch niederschlug in der Bereitschaft, die Oder-Neiße-Grenze als endgültige deutsche Ostgrenze anzuerkennen, das alles hängt damit zusammen, dass es zuvor klärende Debatten über den Verlauf der deutschen Geschichte und das gegeben hat, was man den deutschen Sonderweg oder die deutsche Abweichung vom Westen nannte.
Richard von Weizsäcker hat übrigens am 3. Oktober 1990, am Tag der Wiedervereinigung in seiner Rede in der Berliner Philharmonie einen Satz ausgesprochen, der zusammenfasst, worum die ganze Debatte ging. Der Satz lautete: "Der Tag ist gekommen, an dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien findet." Knapper und prägnanter kann man eigentlich die Diskussion über die deutsche Abweichung vom Westen im 19. und 20. Jahrhundert gar nicht zusammenfassen.
Müller-Ullrich: Die Kraft dieser Rede beruhte nicht nur auf Worten, selbstverständlich auch auf Worten, aber auch in der Persönlichkeit und Geschichte Weizsäckers selbst lag ja etwas begründet. Er war im Krieg gewesen, sein Bruder war dort gefallen, direkt neben ihm, und sein Vater war in das Nazi-Regime tief verstrickt.
Winkler: Ja. Das Letztere war ein Punkt, an dem Richard von Weizsäcker immer, ich würde sagen, laboriert hat. Das war ein Punkt, der ihn immer bis in sein hohes Alter beschäftigt hatte. Die Schuldverstrickung, auch das Bedürfnis, die Ehre seines Vaters zu retten, der ja auch ein Mann gewesen war, der versucht hatte, den Zweiten Weltkrieg zu verhindern, der entsprechende Kontakte mit Großbritannien hatte und der in mancher Hinsicht dann sogar dem Widerstand zugerechnet wurde. Aber das Problem der Schuldverstrickung war damit nicht aus der Welt zu schaffen, das ist richtig.
Und richtig ist auch, dass Richard von Weizsäcker es als eine persönliche Verpflichtung verstanden hat, sich um die deutsch-polnische Aussöhnung zu kümmern. Das hat er mit großem Elan gemacht. Er gehörte schon als junger Politiker, als Abgeordneter der Unionsparteien zu denen, die die Notwendigkeit einer deutsch-polnischen Aussöhnung betont haben und der auch in den Grenzfragen eine Position bezogen hat, die innerhalb seiner eigenen politischen Familie nicht mehrheitsfähig war zunächst. 1990 sah das anders aus, da war das nicht mehr strittig. Aber in den Jahren zuvor gehörte Weizsäcker zu den auf Ausgleich bedachten Ostpolitikern der Unions-Parteien.
Müller-Ullrich: Der Historiker Heinrich August Winkler zum Tod des Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Vielen Dank für diese Ausführungen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.