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StartseiteInterview"Wir haben keinen Lockdown, wir haben Kontaktbeschränkungen"02.11.2020

Weltärztepräsident Montgomery"Wir haben keinen Lockdown, wir haben Kontaktbeschränkungen"

Ohne Impfstoff gegen das Coronavirus sind Kontaktbeschränkungen nach Ansicht von Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery das einzige Mittel, um die Pandemie zurückzudrängen. Wichtig sei, die Maßnahmen auch freiwillig fortzusetzen und nicht sofort "wieder fröhlich feiern zu gehen", sagte er im Dlf.

Frank Ulrich Montgomery im Gespräch mit Friedbert Meurer

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Frank Ulrich Montgomery (Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Apotheker- und Ärztebank eG, Präsident des Ständigen Ausschusses der Ärzte der Europäischen Union (CPME), Vorsitzender des Vorstandes des Weltärztebundes (World Medical Association, WMA) gestikuliert im Februar 2017 bei einem Interview in Berlin. (imago / Thomas Truschel)
Frank Ulrich Montgomery ist der Vorsitzende des Weltärztebundes (imago / Thomas Truschel)
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Mit den neuen Maßnahmen und Einschränkungen, die ab heute gelten, wollen die Bundesregierung und die Bundesländer die sich ausbreitenden Coronainfektionen in den Griff bekommen. Die Maßnahmen würden auch verhängt, um den Druck vom Gesundheitssystem zu nehmen, lautete die Begründung. Nicht alle in Deutschland sind mit dem sogenannten Teil-Lockdown einverstanden. Auch einige Ärzte sind es nicht. Die beiden Virologen Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit haben kürzlich gemeinsam mit Ärzteverbänden ein Positionspapier vorgestellt, das besagt, ein Lockdown verzögere das Problem nur. Vielmehr müsse man lernen, mit dem Virus zu leben und Maßnahmen vor allen Dingen für die Älteren ergreifen. Doch kurz darauf sprang ein Ärzteverband nach dem anderen von dieser Erklärung ab: erst die Anästhesisten, dann die Rheumatologen. 

Frank Ulrich Montgomery ist Vorsitzender des Weltärztebundes. Er war früher auch der Chef der Bundesärztekammer. Er plädiert dafür, das Positionspapier nicht überzubewerten. Er lehne das Papier zwar nicht ab, aber es gehe ihm nicht weit genug, da es nur Fragen aufwerfe, aber keine Antworten liefere, sagte er im Dlf. In der Wissenschaft sei völlig unbestritten, was die Grundlagen des Virus seien. Die Ärzte hätten aber unterschiedliche Meinungen darüber, wie die gesellschaftlichen Folgen aussehen müssten. 

   (imago/Becker & Bredel) (imago/Becker & Bredel)"In der momentanen Situation sind diese Maßnahmen unvermeidbar" 
Der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Otmar Wiestler, hält die neuen Corona-Maßnahmen derzeit für alternativlos. Er forderte aber Konzepte für die Zeit nach dem "vermeintlichen Lockdown".

Friedbert Meurer: Was ist los mit den Ärzten hier in Deutschland?

Frank Ulrich Montgomery: Ach, das würde ich nicht überbewerten. Da sind ein paar Leute vorgeprescht, haben ein Papier produziert, das viele Fragen stellt, aber alle Antworten offen lässt. Dieses Papier würde ich jetzt wirklich nicht so hochspielen. Wichtig ist: In der Wissenschaft ist völlig unbestritten, was die Grundlagen des Virus sind. Da sind übrigens auch Herr Schmidt-Chanasit und Herr Streeck und Herr Drosten alle einig. Bei der Interpretation dessen, was dann als gesellschaftliche Folge kommen muss, da verhalten sich Ärzte ganz genauso wie alle anderen auch und da gibt es unterschiedliche Meinungen. Damit müssen wir heute leben.

Meurer: Unterschiedliche Meinungen gibt es in der Einschätzung, wie gravierend die Folgen sein könnten, zum Beispiel die psychologischen Folgen, die sozialen Folgen, die das für die Menschen hat?

Montgomery: Genau das ist es. Wir haben den Konflikt, den Politik lösen, aber auch aushalten muss, zwischen gesundheitlichen Anforderungen auf der einen Seite - da sind wir uns alle ganz einig -, den sozialpsychologischen Folgen, Kita-Schließungen, Kontaktbeschränkungen und so weiter. Auf der anderen Seite schließlich den ökonomischen Auswirkungen auf die Wirtschaft und am Ende den Grundrechtseinschränkungen. In diesem Quadrat von vier Eckpunkten muss Politik den richtigen Punkt finden. Die machen das in Deutschland eigentlich ganz gut und deswegen würde ich dieses Papier nicht überbewerten.

"Wir machen das ja schon viel differenzierter"

Meurer: Die Politik macht das gut, sagen Sie – zum Beispiel, weil die Schulen offen bleiben.

Montgomery: Ja, in diesem Fall ja. Wir haben ja zugelernt. Sehen Sie, als wir im März dieses Jahres mit der Pandemie das erste Mal konfrontiert waren, da half nichts anderes als rapide alles runterfahren. Jetzt haben wir zugelernt und machen das ja schon viel differenzierter. Sie müssten das mal mit Franzosen oder mit Engländern besprechen, die in einer totalen Ausgangssperre leben müssen. Wir haben ja wirklich gar keinen Lockdown; wir haben Kontaktbeschränkungen. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Meurer: Gerade bei den Jungen, die dürfen keine Partys mehr feiern. Halloween ist abgesagt worden. Es gibt keine Geburtstagsfeiern mehr. Wir können nicht mehr schwimmen gehen in vielen Bundesländern. Wie sehr schadet das?

Montgomery: Ja, das schadet mit Sicherheit. Das ist gar keine Frage. Aber Tote durch die Pandemie schaden auch und die Wirtschaft wird viel mehr leiden, wenn zig Tausende von Menschen an dieser Erkrankung sterben, wie wir das ja in Amerika sehr gut sehen können. Das muss man alles gegeneinander abwägen und da gibt es keinen goldenen Schnitt und da gibt es auch keine absolute Wahrheit. Da müssen wir uns immer wieder an die besten Lösungen herantasten und ich finde, das tun die ganz gut im Moment in der Bundesregierung.

  (picture alliance / dpa / Horst Galuschka) (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Montgomery zur Maskenpflicht - "Selbst ein feuchter Lappen vorm Gesicht ist besser als gar nichts"
Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, hält es für möglich, mit guten Hygienekonzepten auch in den Wintermonaten gastronomische Betriebe zu öffnen - dazu gehöre das Tragen einer Maske.

Meurer: Dieses, ich sage mal, kritische Positionspapier, das Sie, Herr Montgomery, ablehnen, das sagt ja unter anderem im Kern, ein Lockdown verzögere ja nur das alles um vier Wochen. Dann baut sich die nächste Welle wieder auf. – Was würden Sie entgegnen?

Montgomery: Als erstes: Ich lehne das Papier nicht ab. Ich halte es nur einfach für nicht weitgehend genug. Es hat keine Antworten, es stellt nur Fragen. Und die Grundthese, wenn wir jetzt diese vier Wochen einfach nur alle still und stumm zuhause sitzen und uns hinterher wieder genauso verhalten wie vorher, die ist völlig richtig, weil wir wissen alle, dass die Kontaktbeschränkungen, die Einschränkung der Nähe zu anderen, solange wir keine Behandlungsmethoden haben und solange wir keine Impfung zur Verfügung haben, diese Art der Prävention das einzige Hilfsmittel ist, das uns hilft, diese Pandemie zurückzudrängen, wenn nicht sogar zu bewältigen.

"Maßnahmen auf freiwilliger Weise fortsetzen"

Meurer: Springen wir vier Wochen voraus, der Lockdown light ist vorbei. Was sollen wir dann anders machen im Alltag?

Montgomery: Das, was wir gelernt haben in dem Lockdown light oder in den Kontaktbeschränkungen, müssen wir dann auf eigener freiwilliger privater Weise fortsetzen. Wir dürfen dann nicht alle am nächsten Tag wieder in die Kneipe gehen und fröhlich feiern, sondern wir müssen uns dann auch in unserem Verhalten geändert haben. Denn wir müssen lernen: Wer zu spät kommt, den bestraft das Virus. Wir müssen lernen, mit diesem Virus umzugehen, auf längere Zeit zu leben. Denn noch mal: Solange wir keine Impfung haben – und eine Durchimpfung der Bevölkerung sehe ich nicht vor nächstem Jahr, vor Ende nächsten Jahres – und solange wir keine Goldstandard-Therapie haben – und die gibt es noch überhaupt nicht -, solange müssen wir auf Prävention setzen.

Meurer: Haben wir gelernt, ältere Menschen besser zu schützen, in Krankenhäusern, in Altenheimen?

Montgomery: Ja! Wir haben gelernt, ältere Menschen besser zu schützen. Wir müssen den goldenen Mittelweg gehen zwischen dem Schutz dieser Menschen und ausreichend sozialen Kontakten, die diese Gruppe viel dringender braucht als junge Menschen, die sich ihre Kontakte selber holen können. Älteren Menschen müssen Kontakte gebracht werden, und das müssen wir zulassen. Hier sind zum Beispiel Schnelltests eine Methode, mit der man das machen kann, aber auch ausreichend Schutzmaterialien wie Masken sowohl für die älteren Menschen wie für die, die sie betreuen. Das muss man alles regeln. Das kann man aber regeln.

"Es gibt heute Schnelltests"

Meurer: Das sind auch Vorschläge in diesem Positionspapier mit den Schnelltests, mit den Masken. Wie würde das aussehen? Ich besuche ein Altenheim, ich will meine Mutter besuchen, dann mache ich einen Schnelltest und weiß Minuten später Bescheid?

Montgomery: Ja! Es gibt heute Schnelltests, bei denen man innerhalb von etwa einer halben Stunde sicher sagen kann, ob Sie im Moment aktives Virusmaterial aussondern, ausströmen. Das ist ein bisschen schwierig, weil das sollte man nicht einfach nur vorne im Speichel im Mundraum machen, sondern man braucht einen Abstrich aus dem hinteren Rachenraum. Aber dann kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass Sie virusfrei sind, und dann können Sie Ihre Großmutter besuchen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Meurer: Sind diese Schnelltests in ausreichender Zahl vorhanden?

Montgomery: Das ist eine spannende Frage. Was heißt ausreichend? Wenn wir uns beschränken auf diejenigen, wo man es wirklich bräuchte, dann gibt es sie in ausreichender Menge. Sie sind natürlich auch nicht für umsonst zu haben. Wenn wir das jetzt aber auf jeden, der in eine Kneipe reingehen will oder der ein Fußballspiel sehen will, ausdehnen, dann wird es mit Sicherheit Engpässe und Lieferschwierigkeiten geben.

Impfstoff möglicherweise Mitte nächsten Jahres vorhanden

Meurer: Priorisiert werden soll auch der Impfstoff, wenn er endlich mal da ist. Frage an den Präsidenten des Weltärztebundes: Wagen Sie ein Orakel, wann geimpft wird, wann die Impfungen beginnen?

Montgomery: Oh, Orakel ist gut. Es wird momentan davon ausgegangen, dass wir Mitte nächsten Jahres die ersten Impfstoffe in größerer Zahl zur Verfügung haben. Um diese Impfstoffe rangeln dann etwa sieben Milliarden Menschen weltweit. Es gibt inzwischen Lieferkontrakte der großen Impfstoff-Produzenten mit der Europäischen Union, mit den US-Amerikanern, mit der WHO, mit vielen Organisationen. Aber man muss nicht glauben, dass man sieben Milliarden Menschen innerhalb von wenigen Tagen geimpft bekommt. Alleine um die 86 Millionen Deutschen zu impfen: Wenn Sie 100.000 Menschen am Tag impfen, brauchen Sie dafür 860 Tage. Das sind zweieinhalb Jahre. Das heißt, wir werden eine gewisse Zeit brauchen, bis wir alle Menschen geimpft haben. Man muss nicht glauben, wenn im Juli nächsten Jahres der Impfstoff zur Verfügung steht, dass wir dann gleich auf der sicheren Seite sind.

Meurer: Will sagen, das ist heute Morgen die schlechte Nachricht: Nicht nur jetzt der Winter wird ernst, sondern der nächste gleich wieder?

Montgomery: So weit will ich gar nicht in die Zukunft schauen, weil wer weiß: Vielleicht finden wir bis dahin eine Wundertherapie. Es wird ja sehr viel gesucht danach. Aber das ist alles noch viel zu weit in die Zukunft. Lassen Sie uns doch jetzt erst mal diese Kontaktbeschränkungen so vernünftig machen und dann auch so vernünftig weiter durchhalten, dass dieser Winter für uns alle ein machbares Lösungsmodell wird.

"A und O ist, Menschen vor einer Erkrankung zu schützen"

Meurer: Was erwarten Sie konkret, wieviel die Infektionsrate zurückgeht in den vier Wochen jetzt?

Montgomery: Das Spannende wird sein, wie sich die Infektionsrate auf den Intensivstationen auswirkt. Da wird sich meines Erachtens so gut wie gar nichts tun, weil die Menschen, die in den nächsten vier Wochen auf die Intensivstationen gehen müssen, sind längst infiziert.

Die Kernfrage ist, ob wir dann im Dezember das Glück haben, dass dort etwas weniger Menschen in die Krankenhäuser und in die Intensivstationen gehen. Wenn es uns nicht gelingt, im Dezember stark sinkende Neuinfektionszahlen zu haben, dann droht uns ein ziemlich übles Weihnachtsfest.

Meurer: Das ist das A und O für Sie, dass die Intensivstationen nicht in der Belastung zusammenbrechen?

Montgomery: Nein. Das A und O für mich als Arzt ist, dass wir Menschen vor einer Erkrankung schützen, von deren langfristigen Wirkungen wir noch vieles nicht wissen, deren kurzfristige Auswirkungen zwischen sehr schwer bis hin zu tödlich sein können. Wir müssen die Menschen schützen und ich kann es nur noch mal sagen: Wir haben keine Behandlungsmethoden, wir haben keine Impfung, also bleibt nur die Prävention.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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