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StartseiteSport am WochenendeAustraliens Probleme mit dem Selbstbewusstsein der Indigenen28.06.2020

Weltspiele – Sport und Kolonialismus (5)Australiens Probleme mit dem Selbstbewusstsein der Indigenen

Nach zwei Jahrhunderten brutaler Unterdrückung wurden indigene Menschen in Australien 1967 als gleichwertige Bürger anerkannt. Einen ihrer größten Erfolge: die Goldmedaille der Läuferin Cathy Freeman bei Olympia 2000 in Sydney. Ist der Rassismus gegenüber indigenen Sportlern seither zurückgegangen?

Von Ronny Blaschke

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Cathy Freeman in ihrem Rennanzug, hat die Hände in den Hüften und lacht. (imago images / Colorsport)
Cathy Freeman trägt nach ihrem Olympiasieg die Flagge der Aborigines um den Hals (imago images / Colorsport)
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Adam Goodes ist eine Ikone im Australian Rules Football, einer der wichtigsten Sportarten in Australien. Der Spieler indigener Herkunft ist erfolgreich und beliebt, doch er wird auch immer wieder rassistisch beleidigt.

2013 hat Adam Goodes genug. Bei einem Spiel seiner Sydney Swans bleibt er am Spielfeldrand stehen und deutet auf eine 13-jährige Zuschauerin, die ihn gerade als "Affen" bezeichnet hat. Es folgt eine Debatte über Rassismus, Identitätsdenken und indigene Wurzeln in Australien. Adam Goodes äußert sich differenziert. Woraufhin er 2014 zum "Australier des Jahres" gewählt wird. Ein Auszug aus seiner Rede.

"Als indigener Australier habe ich häufig Rassismus erlebt. Während es die meiste Zeit schwierig war, so hat es mich auch viel gelehrt. Es hat meine Werte geprägt, und das, woran ich heute glaube. Rassismus ist ein gesellschaftliches Thema, mit dem wir uns alle befassen müssen."

"Geachtet, solange die indigene Herkunft im Hintergrund bleibt"

Adam Goodes erhält Zuspruch, doch viele Australier empfinden sein Selbstbewusstsein als Provokation. Bald wird Goodes bei Spielen ausgebuht. 2015 feiert er ein Tor mit einem Kriegstanz und wirft einen imaginären Speer auf feindselige Zuschauer. Diese Szene reiht sich ein in eine Geschichte indigener Proteste: 1993 zog der Footballspieler Nicky Winmar sein Trikot hoch und deutete auf seine dunkele Haut. 1994 trug die Läuferin Cathy Freeman bei den Commonwealth Games die Flagge der Aborigines, erinnert die Anthropologin Amanda Kearney, die sich mit indigenen Kulturen beschäftigt:

"Im Sport werden erfolgreiche indigene Athleten von der weißen Mehrheitsgesellschaft geachtet – solange ihre indigene Herkunft im Hintergrund bleibt. Sobald sie als wichtiges Identifikationsmerkmal betont wird, fühlen sich viele Australier herausgefordert. Adam Goodes ist einflussreich, redegewandt und gesund. Damit bringt er Vorurteile ins Wanken, die viele Australier noch immer von indigenen Menschen haben."

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In den USA sind Menschen indigener Herkunft erst seit 1924 gesetzlich anerkannte Bürger. Viele der fünf Millionen Ureinwohner begegnen noch immer Feindseligkeit. Bei der Verbreitung der Klischees spielt der Sport eine beachtliche Rolle.

Viele Medien in Australien verweisen auf Statistiken, auf die niedrigere Lebenserwartung indigener Menschen oder auf ihre Überrepräsentation in Gefängnissen. Adam Goodes, der seine Laufbahn wegen Rassismus 2015 beendete, betont die Ursachen: Die Ureinwohner lebten mehr als 50.000 Jahre auf dem Kontinent. Ab dem späten 18. Jahrhundert wurden Hunderttausende von ihnen von britischen Kolonisatoren getötet und unterdrückt.

"Ständig auf Defizite reduziert"

Noch im zwanzigsten Jahrhundert entzog der Staat indigenen Familien häufig die Kinder. Ihr Zugang zu Medizin, Bildung und Arbeitsmarkt besserte sich allmählich ab dem neuen Jahrtausend. Noch heute beschreiben etliche Medien den Erfolg indigener Politiker oder Wissenschaftler als Sensation. So ist es auch im Sport, erzählt Lawrence Bamblett aus dem Australischen Zentrum für Indigene Geschichte:

"Über Jahrzehnte hatte die Regierung indigene Australier weggesperrt. Unser kultureller Beitrag für das Land wurde verschwiegen, wir waren nicht sichtbar. Mit einer Ausnahme: Sport. Der Kricketspieler Eddie Gilbert, der Boxer Lionel Rose, der Jockey Darby McCarthy, und, und, und - über indigene Athleten wurde stets die gleiche Geschichte erzählt: ,Nur durch ihr hartes Training konnten sie die schrecklichen Lebensverhältnisse der Aborigines hinter sich lassen.‘ Politik, Bildung, Kunst? Das ist angeblich nichts für uns. Was glauben Sie, was es mit jungen Menschen macht, wenn sie ständig auf Defizite reduziert werden? Meine Eltern waren zum Glück anders: Nach jeder negativen Geschichte haben sie mir ein Dutzend positive erzählt."

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Die Wurzeln für die australischen Nationalsportarten liegen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Britische Kolonialherren importierten Kricket, Rugby und Fußball. Den wenigen indigenen Spielern blieben die Umkleidekabinen meist versperrt. Lange wollten viele Australier nicht wahrhaben, dass ihr Australian Rules Football auch Elemente von Marngrook in sich trägt, einem uralten indigenen Ballspiel. Erst ab den 1990-er Jahren, mit neuen Gesetzen und Projekten gegen Diskriminierung, öffneten sich die Profiligen für indigene Spieler, sagt Barry Judd, der wohl wichtigste Forscher auf diesem Feld:

"In der Bevölkerung Australiens haben etwa 2,5 Prozent einen indigenen Hintergrund. Im Australiens Rules Football sind es zwischen zehn und zwölf Prozent, und das schon seit 15 Jahren. Auf den Spielfeldern sind indigene Menschen klar überrepräsentiert. Aber in den Führungsetagen der Klubs ist das Gegenteil der Fall. Mir fällt kein einziger einflussreicher Trainer ein, der einen indigenen Hintergrund hat."

Kaum Sponsoren für indigenen Club

Fast alle großen Vereine und Verbände beteiligen sich inzwischen am landesweiten Netzwerk für "Reconciliation", Versöhnung. Mit Kampagnen, Projekten, Spendenaufrufen. Wie viel davon ist Marketing? Die Australian Football League bezeichnet zum Beispiel Joe Johnson als den ersten Aborigine-Spieler, der sich gegen Rassismus stellte, schon 1904. Doch damals, berichtet Barry Judd von der Universität Melbourne, habe Johnson seine Herkunft gar nicht zum Thema gemacht. Auch in anderen Fällen werden indigene Spieler betont positiv hervorgehoben, sagt Barry Judd:

"Wir bezeichnen das als ,aufgeklärten Rassismus‘. Viele Talentscouts suchen junge Spieler mit indigenem Hintergrund. Sie glauben, dass ein Volk, dass mehr als 40.000 Jahre Jäger und Sammler hervorgebracht hat, heute besonders geeignet ist für Australian Football. Viele Talentscouts denken, dass indigene Spieler schneller laufen können und eine bessere Raumorientierung haben, vielleicht sogar eine Sechsten Sinn. Auf dieser Grundlage wurden etliche Spieler verpflichtet."

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In den lukrativen Profiligen sind indigene Spieler begehrt, im Breitensport gelten sie häufig als Außenseiter. Zum Beispiel die Fitzroy Stars, ein Amateurklub im Australian Football aus Melbourne, geführt und trainiert von indigenen Sportlern. Mehr als zehn Jahre war der Verein in keine Liga aufgenommen worden. So spielten seine Mitglieder zeitweilig in gemischten Klubs. Dort sollten sie sich in die Gesellschaft integrieren, lautete eine weitverbreitete Meinung von nicht-indigenen Spielern. Paul Stewart, einer der Jugendtrainer der Fitzroy Stars, sieht das anders:

"Unser Klub ist für uns ein sicherer Ort. Hier können wir so sein, wie wir sind, ohne Hindernisse, ohne Rassismus. Leider haben wir es schwer, Sponsoren zu finden. Für indigene Vereine und Sportfeste interessieren sich Unternehmen und NGOs mit den immer gleichen Themen: Es geht um Gesundheitsprävention, sauberes Wasser, häusliche Sicherheit. Als müsste man uns ständig helfen. Internationale Sponsoren gibt es so gut wie nie."

Wort "indigen" bei Ashleigh Barty mehrfach gelöscht

Auch zwanzig Jahre nach dem Olympia-Sieg von Cathy Freeman in Sydney geht die Debatte weiter. Erst vor wenigen Tagen wurde der indigene Footballspieler Eddie Betts in sozialen Medien wiederholt als Affe abgebildet.

Meistens wird Rassismus unterschwellig geäußert, zum Beispiel gegenüber der australischen Tennisspielerin Ashleigh Barty, deren Vater von den indigenen Ngarigo stammt. Ashleigh Barty gewann 2019 die French Open. Danach löschten Unbekannte aus ihrem Wikipedia-Eintrag mehrfach das Wort "indigen". Barty äußert sich selbstbewusst zu ihren Wurzeln. Wie so viele andere indigene Sportler vor ihr.

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