Mittwoch, 07. Dezember 2022

Steinunn Sigurdadóttir: „Nachtdämmern“
Wenn der Gletscher schmilzt

Vertrautes verschwindet und was ewig schien, erweist sich plötzlich als vergänglich. „Nachtdämmern“ ist die schmerzhafte Geschichte vom Schmelzen der isländischen Gletscher, ein lyrischer Abgesang der Autorin Steinunn Sigurdadóttir.

Von Carsten Hueck | 13.05.2022

Steinunn Sigurdardóttir: "Nachtdämmern"
Steinunn Sigurdardóttir hat mit "Nachtdämmern" eine berührende Elegie über die Vergänglichkeit geschrieben. (Foto: © David Ignaszewski-Koboy, Buchcover: Dörlemann Verlag)
Es ist eine Liebesgeschichte, die Steinunn Sigurdadóttir erzählt. Schön und erhaben, anrührend und schmerzhaft. Doch eine Geschichte ohne Happyend. Am Schluss bleibt ein letzter Blick zurück, der nur noch das Verschwinden des anderen festhalten kann. Die Stimme der Ich-Erzählerin versiegt. Sicher ist nur: Sie kann sich erinnern an das, was war.
Die isländische Autorin hat eine berührende Form gefunden, über eines der großen Gegenwartsthemen zu schreiben, indem sie zu ihren Anfängen als Lyrikerin zurückkehrt: „Nachtdämmern“ ist ein Abgesang, eine Ode auf die Vergänglichkeit. Eine poetische Klage über Klimawandel und Umweltzerstörung – wobei die Autorin keines dieser abgenutzten Schlagwörter bemüht. Stattdessen zeichnet sie in freien, einfühlsamen Versen das Verschwinden eines Lebensraums auf, beschreibt in schlichten, schlaglichtartigen Szenen das Heranwachsen und Älterwerden eines Menschen und seine Verbindung zur Natur. Das ist die Liebesgeschichte. Sie endet, als die Gletscher schmelzen.
„Nun sind meine augen müde davon

mitverfolgt zu haben wie der Weisse und der

          Blauweisse beute der dunkelheit werden

gesehen zu haben wie das eisglänzen zu staub

   zerfällt

gesehen zu haben wie die verkohlten halden

                     der enttäuschung ans licht kommen“

Schönheit und Kraft der Natur

Weiß und blauweiß sind die Gletscher, man kommt nicht umhin, sie vor sich zu sehen bei der Lektüre dieser Prosagedichte. Island leuchtet vielfarbig in den Versen, von hellem Licht beschienen Mooslavagipfel und Heidekraut, die archaisch anmutende Insel im Atlantik. Meer und Wind, Schönheit und Kraft der Natur werden spürbar. Sigurdadóttir beschreibt einen Ort der Extreme, der hautnahen Begegnung mit den Elementen. Von Regenwolken ist die Rede, vom Winter im Norden und dem hellen Ewigkeitsberg, der auf dem Hof, auf dem ein kleines Mädchen seine Großeltern besucht, wie ein Lebewesen ist.
„Er konnte sich nur nicht

  bewegen“
Dieses kleine Mädchen, mit dessen Erscheinen in der Welt der Gedichtzyklus beginnt, begleitet die lyrische Stimme beim Aufwachsen. Auf dem Land an der Hand der Mutter, wo es den Hund Labbi gibt, Opa und Oma, die Näherin Kristijana, Volkstänze und später auch andere Rhythmen. Wie schnell die Zeit vergeht in nur zwei Zeilen:
„Und aus tralala wurde cha cha cha und rumba

                wenn es nicht polka war und reels.“

Lebenserinnerungen und Bruch

Was nicht vergeht, ist die enge Verbindung zur Natur. Berge, selbst Hügel tragen Namen, sie sind wesenhaft, vertraut und Ehrfurcht einflößend. Die Naturschilderungen sind eng verbunden mit Bildern aus dem Leben des Mädchens, später der Frau. Wie die Autorin selbst geht sie zum Studieren nach Großbritannien.
„Aus dem bett konnte man die wand

                                    gegenüber berühren

Und doch war das der perfekte ort

für alles mögliche, abendessen, lesungen

bei wein und kerzenlicht.

Und die merkwürdigkeit die man liebe nennt

spielte die hauptrolle.“
Dann Mutterschaft und das Schreiben von Gedichten, „Endlich begann es“, heißt dieser Abschnitt, der übergeht in „Vermisste Anblicke“, und der das Bild des Gletschers aus den Kindheitstagen aufruft.
„Er geht

von uns

 von sich selbst.

Man vergaß dass er aus wasser ist

dass er sich darin auflöst

Und dann die ganze welt flutet.

Nicht aus rache.

Es gibt einfach keinen anderen weg als diesen

auf den wir ihn getrieben.“

Eine tote Welt

Der Übergang vom Erwachsenwerden zum sterbenden Eisberg nach dem ersten Drittel des Textes geschieht abrupt. Die Form betont den unumkehrbaren Einschnitt. Es ist etwas geschehen, das nicht mehr zu begleiten, schon gar nicht zu verhindern ist. Man kann es nur noch beklagen und betrauern.
„Der Gletscher vergeht zum nichts, zu keinem,

zum niemand

wird zum scheusal, kahl

ein berg bei verschiedenen bergen

kein eisberg mehr, knarrend und klar.

So verreckt der weißestes körper der welt,

dann übernimmt das geröll.“

Der Autorin ist mit „Nachtdämmern“ eine ganz stille, berührende Elegie gelungen, gespeist von Erinnerungen an einen hellen Kindheitsweg, der über gut hundert Seiten hinweg in die schmerzvolle Erkenntnis der Vergänglichkeit führt. Die Pracht der Gletscher, die Koexistenz mit der Natur wird gefeiert – und am Ende bleiben Wehmut und Schrecken über ihr Verschwinden. Und die Ahnung auch der eigenen, menschlichen Vergänglichkeit.

Steinunn Sigurdadóttir: „Nachtdämmern“
Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson
Dörlemann Verlag, Zürich. 108 Seiten. 22 Euro.